Samstag, 17. Dezember 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (139): Erregungs- und Entregungsphasen in der pränatalen Entwicklung

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In den Aktivitätsphasen der Mutter ist auch der Fötus häufig wach, die Schlafphasen der Mutter und des Fötus verlaufen nahezu identisch. Naheliegenderweise gilt dies auch für die Zwischenphasen zwischen Wachbewusstsein und Schlaf, nämlich denjenigen von Trance und tiefer Entspannung.

Untersuchungen haben nachgewiesen, dass ein signifikanter direkter Einfluss des Entspannungszustandes der Mutter(*FN*  Bei diesen Versuchen wurden die Schwangeren mithilfe von Methoden wie progressiver Muskelentspannung und Meditationsmusik in einen entspannten Zustand versetzt und dabei die verschiedenen Parameter bei der Mutter und beim Fötus gemessen.*FN*) auf die messbaren Parameter (fötale Herzfrequenz, fötale motorische Aktivität, Korrelation zwischen fötaler motorische Aktivität und Herzschlag) des Fötus besteht (DiPietro u.a., 2007).

Wenn die Schwangere zur Ruhe kommt und sich entspannt, dann wirkt sich das unmittelbar auf den Entspannungszustand des Fötus aus, auch er kommt zur Ruhe, sein Herzschlag verlangsamt sich und seine motorische Aktivität passt sich diesem veränderten Rhythmus an.

Halten wir also fest, dass es in der pränatalen Entwicklung die Grunderfahrung eines gemeinsamen und gleichzeitigen Erlebnisfeldes von Bewusstseinszuständen gibt, die zwischen Wachzustand, Erregung, Entregung und Schlaf hin- und her pendeln.

Man könnte diese Phase auch als eine grundlegende biologisch-energetische Kontakterfahrung bezeichnen, die als Grundmuster des vegetativen Kontaktimpulses und der Möglichkeit zur vegetativen Identifikation ein Leben lang latent vorhanden bleiben.

Der vegetative Kontaktimpuls und die Fähigkeit zur vegetativen Identifikation bilden gleichzeitig die biologisch-energetische Basis für die Wirksamkeit der Körpertherapien. Es scheint sich hier um ein phylogenetisches Erbe zu handeln, das grundsätzlich im vegetativen Kontaktimpuls, der Fähigkeit zu vegetativem Kontakt als solchem und in Tranceerfahrung und -neigung des Menschen verankert ist.

Soweit zu den Erkenntnissen über diese biologischen Grundmuster. Es muss allerdings eingeräumt werden, dass unsere Kultur noch wenig über die Bedeutung der Tranceerfahrungen weiß. Sie werden in der prä- und perinatalen Entwicklung häufig in Zusammenhang gebracht mit wichtigen Wachstumsprozessen des Gehirns. Welche Funktionen sie darüber hinaus besitzen und vor allem, welche davon im Erwachsenenalter noch von Bedeutung sind, darüber gibt es wenig Kenntnisse. Um so erstaunlicher, dass Trancetechniken und das Wissen um Trance bei Ritualen indigener Völker und denen religiöser oder spiritueller Sekten und Gruppierungen eine durchaus dominierende Rolle spielen.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass unsere Kultur wenig Interesse an solchem Wissen hat, denn Trancezustände, das Menetekel des Nichts-Tuns und die gehetzte Arbeitswelt passen überhaupt nicht zusammen. Siehe dazu auch meine Ausführungen zum Gegensatz von Machen und Sein in Kapitel »Familienphantasien therapeutischen Handelns«.

Auf diesem Hintergrund ist es naheliegend, dass es in unserer hektischen Welt leicht zu »Rhythmusstörungen« im Kontakt zwischen Mutter und Kind kommen kann. Diese gilt es sowohl im pränatalen und perinatalen Umfeld als auch im Säuglingsalter zu wahrzunehmen.

(Fortsetzung folgt)