Sonntag, 9. September 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (249): Ein Phyrrussieg ist der Sieg des Gehirns über das Herz

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Ebenso wenig lässt sich die Stimme des Herzens vollständig kontrollieren. Sie meldet sich immer dann, wenn es nicht passt. In schlaflosen Nächten, in plötzlichen Weinkrämpfen, in endlosen inneren Dialogen eines innerseelischen Bürgerkriegs. Immer dann, wenn der Ego-Verstand alles tut, die Stimme des inneren Kindes, die Stimme der Sehnsucht, die Stimme des Beschämten niederzuringen.

Die Beschämung des eigenen Herzens wird nicht nur zur Quelle innerer Kämpfe und seelischen Unfriedens, man könnte sie mit einem Großteil existentiellen Leids in unserer Kultur in Zusammenhang sehen. Einer Kultur des Gehirns, welche nur die Oberfläche, nur einen Teil des menschlichen Wesens abbildet. Nicht nur die Authentizität des Gefühlslebens bleibt auf der Strecke.

Die Bindungs- und Liebesbedürfnisse, die den Menschen von frühester Kindheit an auszeichnen, werden, quantifiziert und zum Tauschobjekt geformt, in einer Weise verzerrt, die die innere Natur langsam erstickt. Am Ende dieses Prozesses finden sich Persönlichkeitsmuster, die, gefangen in ihrem Narzissmus, das vollständige Spektrum von Neurosen, Beziehungsstörungen bis hin zu Sadismus, Mord und Totschlag abdecken.

Ein Pyrrhussieg ist der Sieg des Gehirns über das Herz, weil der Mensch Anmut, Authentizität, Selbst-Halt mehr und mehr verliert. Er versteift, erstarrt. Innen, in den Räumen seiner Seele, herrschen Wüste, Kälte, Krieg und Bürgerkrieg. Die Wüste, diese Kälte veräußert sich, der innerseelische Bürgerkrieg gebiert äußere Bürgerkriege und Kriege. Die Wüste in der Seele des Menschen erzeugt die Verwüstung von Natur und Schöpfung
.
Wer haltlos und mit sich nicht im Frieden lebt, kann mit anderen nicht im Frieden leben. Er braucht die Macht, die Gewalt, das Geld, die Halt und Sicherheit versprechen. Das wussten wir schon lange. Aber wir begreifen es nur, wenn überhaupt, im Kopf. Fühlen es nur wenig. Weinen, trauern nicht mehr beim Anblick der Zerstörungen der Natur um uns herum. Ahnen vielleicht, wie jämmerlich es ist, so mit der Schöpfung umzugehen und sich seiner eigenen Lebensgrundlagen und denen kommender Generationen zu berauben. Die moderne Zivilisation erscheint auf diesem Hintergrund nicht zivilisiert, sondern völlig suizidal und wahnsinnig. Eine einfache Wahrheit. Die Wahrheiten des Herzens sind einfache Wahrheiten.

Die Dominanz des Gehirns  über das Herz erscheint als Pyrrhussieg. Das Herz kann nicht herausgerissen werden. Solange ein Mensch lebt, wird es nicht sterben. Das Herz kann ignoriert werden. Es kann abgespalten werden. Es kann verachtet werden. Es kann verschlossen werden. Es bleibt ein Teil des Lebens.

(Fortsetzung folgt)