Sonntag, 25. April 2021

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (281): Die Heiligsprechung der Individualität und ihre Schatten

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Historisch betrachtet ermöglichten Aufklärung, Rationalismus und Naturwissenschaften einen Quantensprung in der Entwicklung der Menschheit. Sie halfen, das Bollwerk der Stagnation von Klerus und Feudalstrukturen zu Fall zu bringen. Sie sorgten für eine grundlegende Verbesserung der Lebensbedingungen, für Wohlstand und technischen Fortschritt nie zuvor gekannten Ausmaßes.

Doch wie sah es Innen, in den Seelen der Menschen aus? Die  Wissenschaft von der Seele, Psychologie und Psychotherapie, ließen sich durchaus auch in dieser Tradition verorten. Hatten sie einen Beitrag leisten können, die innere Armut, die Armut der Seelen zu besiegen?

Die Realität, der ich mich gegenübersah, ließ Zweifel aufkommen. Die mathematische Erfassung aller Lebensbereiche und ihre Algorithmen, auf Sprache und Codierung beruhende technische Kommunikationsgeräte beherrschten den Alltag. Im Kontrast dazu feierten die Dämonen des Irrationalen, emotional getriggerte Kettenreaktionen, Asozialität und überbordender Narzissmus bis hin zu den modernen Verschwörungserzählungen fröhliche Urständ. Was den Verdacht verstärkte, dass das Abgespaltene mit destruktiver Wucht an die Oberfläche drängte, es unberechenbarer und unbeherrschbarer zeitigte.

Zudem nährten meine Erfahrungen den Eindruck, dass nicht nur die sozialen, sondern auch die instinktiven und intuitiven Fähigkeiten des Menschen unseres Kulturkreises immer weiter verkümmerten, was sich insbesondere im Umgang mit den eigenen Nachkommen und im Liebesleben manifestierte. Haltlosigkeit schien ein ubiquitäres Phänomen zu sein.

Die Heiligsprechungen der Individualität und der isolierten Persönlichkeit basierten auf einer Illusion, die eine Fixierung auf das Gehirn im Zusammenspiel mit der Abspaltung und Verkümmerung unserer metaphysischen Potentiale beförderte. In Wahrheit waren wir, wie es alle spirituellen Lehren nahelegten, Teil und Baustein einer universalen Schöpfung, standen ständig unter ihrem Einfluss. Die profane Tatsache, dass in allen Kulturen, in allen Epochen ein spirituelles Weltbild vorherrschte, dass in der Tiefe der menschlichen Seele eine natürliche Spiritualität verankert zu sein scheint, wies in diese Richtung. Die folgende Empfehlung von Paul Pearsall erschien mir angesichts des Weltzustands aktueller denn je:

»Wir sollten das Streben des Gehirns nach Individualismus und seines Mottos ‚jeder ist sich selbst der Nächste‘ ignorieren und versuchen, die Xenophobie zu überwinden, die uns allen zu eigen ist, weil die Angst vor allem, was fremd ist, im Verlauf der Evolution in unseren Zellen gespeichert wurde. Unsere Zellen haben möglicherweise auch Erinnerungen an ein Quantenparadies bewahrt, an eine weniger selbstsüchtige, wesentlich erfülltere Zeit, in der alles in der Schöpfung miteinander verbunden war.« (   Pearsall, Paul (1999), S. 97)

Der Hinweis auf das »Qantenparadies« war eine frappierende Vorstellung. Sie machte das Prinzip organismischer Erwartung von frühester Kindheit an, das Jean Liedloff als »continuum concept« (vgl. Liedloff, Jean (2020)) bezeichnet hatte, plausibel. Auch die der Körperseele innewohnenden »Selbstregulierung« (Reich) und das damit verbundene Potential der Selbstheilung, die uns in der Körpertherapie begegnete, erschien sinnfällig.

Dem gegenüber stand die Erkenntnis, dass die körpertherapeutische Tradition, der ich mich bisher verbunden fühlte, sich von vielen dieser Aspekte unberührt zeigte, Grenzen und Begrenzungen aufwies, die nicht nur auf die Methoden selbst, sondern auf die ihrer Protagonisten verwiesen. Insbesondere das Narzissmus-Phänomen blieb auf der Agenda.

In all dem fanden sich Beweggründe einer Reise, die mich in Landschaften führten, die ein anderes Terrain menschlichen Wissens als das des analytisch-rationalen markierten: die der Metaphysik, der spirituellen Traditionen und Weisheitslehren jenseits des westlichen Weltbildes.

 

Sonntag, 11. April 2021

SEINSORIENTIERTE KÖPERERFAHRUNG (280): Die Herrschaft des Gehirns und die Zerteilung der Wirklichkeit

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Nach den Erkenntnissen der Kardioenergetik sendete das Energiezentrum Herz Informationssignale höchster Intensität aus. Diese Informationsströme beeinflussten nicht nur den gesamten Organismus, sondern reichten weit über die eigenen Körpergrenzen hinaus. Pearsall stimmte mit Reich und Mesmer verblüffenderweise in der Feststellung überein, dass die Lebensenergie dem Prinzip der »Nichtlokalität« folgte.

»Nichtlokalität besagt, dass es in der winzigen, geschäftigen Welt mikrophysikalischer Erscheinungen, zu der auch die Körperzellen gehören, keine Barrieren gibt; dass die Zeit relativ ist; dass Masse, Energie und Information ein und dasselbe sind; dass Objekte, die einmal miteinander verbunden waren, bis in alle Ewigkeit info-energetische Erinnerungen an diese Verknüpfung bewahren; und dass eine Trennung, gleich welcher Art in der Welt, auf der menschlichen oder einer anderen Ebene, nur eine Sinnestäuschung ist.« (Pearsall, Paul (1999), S. 86)

Dieses Modell gab Antwort auf zahllose offene Fragen, erweiterte schlagartig meinen Blick auf unerklärte Phänomene. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Die Fixierung auf das Gehirn ließ sich als kulturgeschichtliches Erbe interpretieren. Das Wilde, Unberechenbare des Herzens, seine Magie, Musik und Poesie, seine transzendente Kraft wiesen weit hinaus über den analytischen Blick einer abgespaltenen Rationalität, die das ordnende, quantifizierbare Menschenbild beherrschte.

In dieser Weltkonstruktion bedurfte es eines überlegenen Generals, einer vom Feldherrnhügel die Szenerie überschauenden Autorität, die alles nüchtern im Blick behielt und kontrollierte, einer Ordnungsmacht, der sich das Übrige unterzuordnen hatte: das Gehirn. Mit dem Gehirn einher ging die Heiligsprechung des Denkens, des Rationalen und die Abwertung all dessen, was nicht in dieser Ordnung entsprach.

Nur, dieses Bild vom Menschen war längst nicht das einzige, das in der Geschichte der Menschheit eine Rolle spielte. Es existierten Kulturen, deren intuitives Wissen und transzendente Weisheit über die menschliche Natur dem Modell der Kardioenergetik in vielem näher standen als die gehirndominierte westliche Lesart. Rationales Denken erfasste die Wirklichkeit auf analytische, also teilende, zerlegende Weise. Es zertrennte nicht nur Realität in ihrer Ganzheitlichkeit, sondern separierte auch das erkennende Subjekt vom betrachteten Objekt.

Damit wurden nicht nur die Mystik des Seelischen, sondern die Universen des Mysteriums, des Unerklärlichen, wundersamen und Wundervollen, einschließlich der menschlichen Sinne ihrer Wahrnehmung aus der Wirklichkeit vertrieben. Der Mensch verortete sich nicht länger als Teil der Schöpfung. Er avancierte zu ihrem Beherrscher, indem er seine Götter verbannte, mithilfe der modernen Wissenschaften die Metaebene und damit den Olymp eroberte. Sein analytischer Blick katapultierte ihn auf jenen Thron, auf dem in seiner gesamten Geschichte das Numinose saß.

Dort, wo das Herz seine Verbindung zum Wunder der Schöpfung nicht mehr fühlte oder dafür beschämt wurde, veränderte die menschliche Seele ihr Wesen. Wo vorher kindliche Neugier und Mana die Welt erfüllten, traten Forscherdrang und chirurgische Präzision auf den Plan, zerlegten die Welt, um sie eigennützig und eitel neu zusammenzusetzen.

(Fortsetzung folgt)

 

Montag, 5. April 2021

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (279): Herz und Gehirn, Liebe und Sex

foto: Filipe Almeida, unsplash

Die westliche Wissenschaft neigte dazu, das Seelenleben vollständig dem Gehirn zuzuordnen. Selbst der Tod wurde nicht mehr mit dem Stillstand der Herz-, sondern der Gehirnfunktionen definiert. Das Herz hingegen erschien als mechanische Pumpe, als hochentwickelter Muskel, der, wurde er disfunktional, repariert oder ausgetauscht wurde.

Es drängte sich die Frage auf: Welche psychologische Implikation hatte diese merkwürdige kulturhistorische Abwertung der Funktion des Herzens?

Hinzu trat ein anderer Aspekt. Reich, Pionier der modernen Lebensenergieforschung, definierte nach meinen Empfindungen den von ihm postulierten »biologischen Kerns« unzureichend. Zwar deutete er eine Verbindung zur Liebe als Element der primären Persönlichkeit an. Doch wo er die energetische Quelle physiologisch ausmachte, darüber gab es nur vage Hinweise. »Irgendwie« ordnete er die sexuelle Energie und ihren ungehinderten Fluss im Organismus dem Wesen des Menschen zu, diagnostisch manifestiert in seinem Idealtypus des »genitalen Charakters«.

Wie hingen Sexualität und Liebe energetisch zusammen? Entsprang die Quelle der Liebesfähigkeit eines Menschen einem "ungepanzerten" Körper, insbesondere Becken, wie Reich nahelegte?

Seine Annahmen hatten mich nicht überzeugt, ich empfand innerlich die Gewissheit, dass seelische Gesundheit mehr charakterisierte als eine frei gelebte, ungepanzerte Sexualität (Reich sprach in diesem Kontext von der sog. »orgastischen Potenz«, die er als maßgeblich für einen nicht-neurotischen, psychisch gesunden Menschen betrachtete. Diesen bezeichnete er in seiner Terminologie als »genitalen Charakter«).

Eine Gemeinsamkeit sprang ins Auge: Wie das Herz (Ver)Bindung suchte, so fand sich auch in der Sexualität eine Triebkraft, die intensiv Vereinigung anstrebte. Herzen trachteten nach Verbindung, Genitalien ebenso. 

Blieben sexuelle Impulse abgespalten, herzlos, resultierte daraus die Tendenz zu Beziehungs-, insbesondere Bindungsstörungen. Im umgekehrten Fall, blieben Herzimpulse isoliert in Kontext gehemmter Sexualität, so potenzierte sich die Gefahr neurotischer Symptome. Liebe ohne Sexualität erwuchs zum Nährboden der Neurosen, ein Aspekt, auf den insbesondere Reich immer wieder hingewiesen hatte.

Nur, er hatte offenbar den Bindungscharakter des Herzens übersehen, damit den Wirkungszusammenhang von Liebe und Sexualität: Richteten sich beide, Herz und sexueller Trieb, auf das gleiche Liebesobjekt, verbanden sie sich, so entstand der Boden für Bindung, Beziehung, Liebesbeziehung.

Ein Unterschied zwischen Libido und Herzenergie war ohrenfällig: Die Stimme der Sexualität tönte oft machtvoll, unüberhörbar; die des Herzens hingegen leise, sie flüsterte eher. Es ist anzunehmen, dass auch hier eine Widerspiegelung patriarchalischer Strukturen zu diagnostizieren ist, wie überhaupt in der Dominanz des Ego-Verstands gegenüber jeder Art von Ressourcen des Gefühlslebens. Die Dominanz des Gehirns, des Ego-Verstands, spielten dabei eine wichtige Rolle.

Die Entdeckungen der Forschungen von Paul Pearsall rückte die Bedeutung des Herzens für das Leben insgesamt in ein völlig neues Licht. Paul Pearsall gab einleuchtende Hinweise:

»Da wir Manifestationen dieser Info-Energie sind, die von unserem gesamten Zellsystem absorbiert, intern weitergeleitet und ständig an die Außenwelt emittiert wird, ist das Wissen, wer wir sind und wie wir uns fühlen, eine physische Repräsentation von Zellerinnerungen, auf die wir Zugriff haben.« (Pearsall, Paul (1999), S. 39)

Pearsall bezeichnete seine Theorie »Kardioenergetik«. Dass das Herz nicht nur seelisch, sondern auch energetisch-funktionell eine derart zentrale Bedeutung im Leben des Menschen besaß, leuchtete mir umgehend ein.

(Fortsetzung folgt)

 

Mittwoch, 30. Dezember 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (278): Herz, Energie und Seele

foto: Darius Bashar via unsplash

Paul Pearsall diagnostizierte im Herzen das Kernelement unseres Wesens, verband so westliches und östliches Wissen über der Liebe, Physik und Metaphysik. Es war frappierend, die offenen Enden und Fragen, die ich seit Jahren in mir herumtrug, wurden mit einem Male verknüpft, kreierten eine neue Gestalt.

Die essentielle, liebende Natur des Menschen, bei Stern das »Kern-Selbst«, bei Balint die »primäre Liebe«, bei Reich der »biologische Kern«, verwiesen auf das Herz als »Herz« des Energiesystems.
Pearsall führte an, dass dieses menschliche Organ weit mehr als eine mechanische Pumpe darstellte. Er relativierte unser westliches gehirndominiertes Menschenbild mit seinem Modell der Kardioenergetik eindrucksvoll. So verwies er beispielsweise auf das eigenartige Phänomen, dass das elektromagnetische Feld (EMF) des Herzens sich erheblich stärker manifestiert als das des Gehirns:

»Das EMF des Herzens ist 5.000 mal stärker als das elektromagnetische Feld, das unser Gehirn erzeugt; es hat nicht nur eine ungeheure Kraft, sondern auch subtile, nichtlokale Effekte, die innerhalb dieser Energieform transportiert werden. Supraleitende Quanteninterferometer, Magnetokardiogramme und Magnetoenzephalogramme, die Magnetfelder außerhalb des Körpers messen, zeigen, dass unser Herz ein Magnetfeld von mehr als fünfzigtausend Femtoteslas erzeugt ..., verglichen mit weniger als zehn Femtoteslas, die das Gehirn zustande bringt.«(Pearsall, Paul (1999), S. 106)

Paul Pearsalls berichtete, dass seine Forschungen durch seine schwere Erkrankung ausgelöst wurden, bei der zum ersten Mal mit der Intelligenz und der heilenden Energie seines Herzens in Kontakt kam. Als Psychoneuroimmunologe mit einigen Jahrzehnten Berufserfahrung begann er sich für die Hintergründe zu interessieren.

Er gründete und leitete eine große psychiatrische Klinik, die sich auf Patienten mit Organverpflanzungen, insbesondere Herztransplantationen spezialisiert hatte, hielt Vorträge auf der ganzen Welt vor Transplantationsorganisationen, zeichnete Tiefeninterviews mit Dutzenden Organempfängern und Angehörigen auf.

Dabei stieß er auf verblüffende Phänomene, die auf einen grundlegenden Zusammenhang zwischen der physiologischen und psychologischen Beziehung, die ein Fremdherzempfänger entwickelte, verwiesen. Sein Buch ist voll von eindrucksvollen Beispielen. So beschrieb er beispielsweise:

»Bei meinen Herztransplantatempfängern fand keine Veränderung im Geruchs- oder Geschmackssinn statt, sondern eine Veränderung der Geruchs- und Geschmacksempfindungen (die Bedeutungen, die wir den Wahrnehmungen unseres Geruchs- und Geschmackssinns geben). Erinnerungen sind weit mehr als eine Gehirnszellenstimulation und Reaktionen unserer fünf grundlegenden Sinnesorgane. Sie sind ein Konvolut, das beinhaltet, wie unser Herz die Welt wahrnimmt, deutet, versteht und erlebt.

Alles, was wir jemals geschmeckt, gerochen, berührt, gehört und gesehen haben, wird vom Herzen in den inneren Info-Energiekreislauf eingeschleust, und die Herzzellen rufen aus diesen Wahrnehmungen energetische Erinnerungen an diese Begebenheiten ab. Es ist also nicht verwunderlich, dass mit einem neuen Herzen auch ganz neue Erinnerungen übertragen werden.«(Pearsall, Paul (1999), S. 199)

Diese Hintergründe verdichteten sich zu der Grundannahme, dass
»das Herz der Haupterzeuger von Info-Energie [ist]. Das Herz sendet fortwährend info-energetische Signale mit einem bestimmten Muster aus, welche die Organ- und Zelltärigkeit im ganzen Körper  regulieren.«(Pearsall, Paul (1999), S. 39)

Die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen seiner Quellen verdeutlichten: Herz, Energie und Seele bildeten eine funktionelle Einheit. Profan, aber überzeugend untermauert, wurde die  Funktion des Herzens durch Hinweise aus unserer Körpersprache: Zeigte man doch auf seine Herzregion, und zwar kulturübergreifend, wenn man vom Selbst, von dem Sitz der Seele sprach. Wer deutete dabei schon auf seinen Kopf? Schenkten wir dem oder der Geliebten unser Gehirn oder unser Herz?

(Fortsetzung folgt)

 

Sonntag, 1. November 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (277): Was erfüllte Liebe im Leben?

 

foto: vkd

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bindungsforschung bot Antworten an, die über das Triebmodell hinausgingen. Dass der Mensch ein Bindungswesen war, konnten Forscher seit John Bowlby eindrucksvoll zeigen.

Menschliche Bindungsbedürfnisse, insbesondere in der frühkindlichen Entwicklung, gebärdeten sich dermaßen ausgeprägt, dass die Bindungsimpulse selbst dann keinen Schaden nahmen, wenn sie auf eine eingeschränkte Liebesfähigkeit trafen. Was den berühmte »Normalfall« darstellte, nach dem gern geurteilt wurde. In den Persönlichkeitsstrukturen von Kindern und Erwachsenen waren Bindungsdefizite leicht erkennbar, prägten das Beziehungsverhalten bis zum Ende des Lebens.(vlg. hierzu. Brisch, Karl Heinz).

Die moderne Säuglingsforschung, die Daniel Stern begründete, gab ebenso zahlreiche Hinweise auf das bindungsorientierte und spontan soziale Wesen des Babys. Sie lieferte diagnostische Anhaltspunkte für Störungen in der Mutter-Kind-Interaktion und daraus resultierende Einflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen.

Die Phänomenologie der Liebe als menschliche Bindungs- und Sozialkompetenz wurde eindrucksvoll beschrieben. Die hormonellen, biochemischen Vorgänge der sexuellen Fortpflanzung präsentierten sich als sorgfältig erforscht, einleuchtend und reproduktionsfähig. Seit Ende der 70er Jahre ermöglichte es die Wissenschaft, Babys durch künstliche Befruchtung, die sog. »In-vitro-Fertilisation«, auf die Welt zu bringen. Schaute man genauer hin, dann wurde deutlich, dass 45% der auf diese Weise erzeugten Kinder häufiger mit einem Herzfehler oder anderen körperlichen Risiken geboren wurden.(Brendler, Michael: Ein Risiko bleibt – 7 Millionen Kinder weltweit verdanken ihr Leben der künstlichen Befruchtung – mit erhöhter Gefahr von Fehlbildungen und Herzfehlern. In: Berliner Zeitung, Nr. 172, 27. Juli 2020, S. 23) Hatte man hier ein wichtiges Element übersehen?

Die Frage, was all diese Prozesse bestimmte, steuerte und zusammenhielt, die energetische, informelle Quelle der Liebespotentiale, die den Menschen prägte, ein Leben lang bewegte, all dies erschien mir mechanistisch, unzusammenhängend, diffus, am Wesentlichen vorbeigehend.

Von welcher Vitalität musste Liebe sein, wenn sie als Bindungsimpuls in frühester Kindheit, trotz aller Widrigkeiten, umfänglich wirkte? Im Leben von Jugendlichen und Erwachsenen drängte sich die erwachende genitale Sexualität mit Macht in den Vordergrund. Sie konnte mit überwältigenden seelischen Erschütterungen verbunden sein. Oder mit emotionaler Abwehr, Distanz, Kälte. Verwies dies nur auf die frühen Bindungserfahrungen, traten weitere Faktoren hinzu? Existierten hier geschlechtsspezifische Unterschiede?

Viele Fragen. Ich fühlte mich auf der Spur, aber empfand keine innere Klarheit, sondern diffuse, teilweise widersprüchliche Wahrnehmungen.

Neben prägenden Erfahrungen, intuitiven Erkenntnissen und Impulsen durch die Sichtweisen anderer Menschen erwirkten Bücher Anregungen für eine neue Beziehung zum Leben. Vorausgesetzt, sie lösten einen verändernden, »verrückten« Blick auf etwas aus, was still im Inneren arbeitete: Am Ende entfaltete der Schmetterling, der aus der Puppe kroch, seine Flügel, um sich auf den Weg zu begeben.

Einst fiel Wilhelm Reichs Funktion des Orgasmus auf den fruchtbaren Boden meiner Suche. 30 Jahre später traf ich auf ein Buch, das mich in ähnlicher Weise inspirierte: "Heilung aus dem Herzen – die Körper-Seele-Verbindung und die Entdeckung der Lebensenergie" des Psychoneuroimmunologen Paul Pearsall.

Pearsall gab eine naheliegende, einfache Antwort, fütterte sie mit umfangreichem empirischen und wissenschaftlichen Material. Seine Theorie benannte als Quelle und Instrument jeder Verbindung und Bindung das Herz, das ubiquitäre menschliche Organ der Liebe.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 20. September 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (276): Das Mysterium der Liebe


 

 

 

 

 

 

 

 

 

»Wenn wir die Existenz eines Herzcodes ernsthaft in Erwägung ziehen, können wir die Brücke zwischen den biochemischen Errungenschaften der modernen Medizin und der Spiritualität der überlieferten, traditionellen Heilsysteme, zwischen den verschiedenen alternativen oder ergänzenden medizinischen Strömungen und der Weisheit der Religionsgelehrten und spirituellen Lehrer schlagen.« (Paul Pearsall)

Was war das Mysterium der Liebe? Wie formte sie sich? Wo ließ sich ihre Quelle verorten? Es ging mir weder darum, sie als unlösbares Rätsel zu verewigen, noch um Erklärungen und Analysen, sondern um die Frage nach ihrer Gleichzeitigkeit in Ursprung und Präsenz. Auf meiner Suche hatte ich noch immer das Gefühl, etwas Wesentliches übersehen zu haben.

In seinem bereits zitierten Buch erzählt Jack Kornfeld die Geschichte vom goldenen Buddha: In einem Tempel in Sukhothai im Norden Thailands stand eine ungewöhnlich alte, große Buddhastatue aus Ton. Sie hatte viele Jahrhunderte überdauert. Die Mönche, die sich um die Statue kümmerten, bemerkten eines Tages, dass Risse auf ihrer Oberfläche auftauchten, die sich in den folgenden Wochen erweiterten. Bald waren sie so weit vergrößert, dass sie hineinleuchten konnten und einen goldenen Schimmer entdeckten. Zu ihrem Erstaunen fanden sie unter dem Ton eine der eindrucksvollsten und größten Buddhastatuen aus Gold, die in Asien je geschaffen wurden.

»Wie die Menschen von Sukhothai den goldenen Buddha vergessen hatten, so haben wir unsere wahre Natur vergessen. Meist sind wir nur mit unserer schützenden ‚Tonschicht‘ befasst. Das wichtigste Ziel buddhistischer Psychologie aber ist es, uns den Blick hinter die Schutzschicht zu eröffnen, sodass wir unsere ursprüngliche Güte zum Vorschein bringen, die wir auch »Buddhanatur« nennen.«(Kornfield, Jack (2008), S. 22 ff.)

Die buddhistische Tradition sah Liebe aus einem friedvollen, gütigen Herzen erwachsen, betrachtete sie als das innere Gold, unser wahres Wesen, das es zu freizusetzen galt. Liebe erschien grenzen- und bedingungslos, transpersonal und gleichzeitig als tiefster Wesenskern des Menschen. Seine Quelle bildete das »erwachte Herz«.

Auf der anderen Seite des Spektrums standen die westliche Triebtheorie Freuds und die darauf basierenden Vorstellungen Reichs. Wo die buddhistische Psychologie eher den Menschen als Gattungswesen betrachtete, stand hier die einzelne Persönlichkeit, die individuelle Erfahrung im Fokus.

Die Biologie der Libido, der sexuellen Energie, erschien als diejenige Wirkkraft, die für Funktion und Formung der Liebe verantwortlich zeichnete. Das psychische Erleben der Liebe trat als Spiegelung des Trieblebens auf. Sexualität beeinflusste das Seelenleben nachhaltig, das stand außer Frage.

Und Liebesgefühle? Repräsentierten sie halluzinierte Tagesreste eines befriedigenden oder unbefriedigenden sexuellen Erlebens? Fand sich in ihnen ein eigenständiges bio-emotionales Grundbedürfnis? Das, was im Buddhismus als erleuchteter Wesenskern Liebe freigelegt würde, erschien im klassischen westlichen Triebmodell als banale Spiegelung libidinöser Triebkraft. Überhaupt, die augenfällige Spaltung von Sexualität und Liebe, brachte wenig Klärung.

Die Wahl der Worte suggerierte Nuancen: Erfuhr ich ein »befriedigendes Sexualleben« oder ein »erfülltes Liebesleben«? »Befriedigend« deutete auf das Triebhafte, im Sinne von Hunger und Sättigung. »Erfüllt« verwies schon eher auf eine seelische Komponente, die hinzutrat, ähnlich, wenn ich von »Liebesleben« statt »Sexualleben« sprach.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 1. August 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (275): Das Liebesdrama des Narzissmus

foto: vkd

Alle Beobachtungen liefen auf eine Frage hinaus: Existierte etwas Tieferes, ein Urgrund der Persönlichkeit, ein innerer Raum von Fülle jenseits der Ego- und Ich-Strukturen? Existierte ein (tieferes oder höheres) Selbst?

Wilhelm Reichs »biologischer Kern« firmierte als eine Art Grundausstattung, betrachtete den Menschen als energetisches System. Von frühester Kindheit an (über)lebte er nur in Beziehung. Bindung durch Gehaltenwerden und Halt durch Bindung wirkten und wuchsen dort, wo Liebe aufschien. Ohne sie verkümmerten sie, Liebe wie Seele.

Das Lebendige, die primäre unendliche Energie der Liebe, die in jedem Neugeborenen das Licht der Welt erblickte, repräsentierte eine phylogenetische Konstante. Fand sich hier jene unveränderliche, Inkarnationen überdauernde Wesens-Instanz der Persönlichkeit (»Atman«), wie Hindus glaubten?

Der Begriff »organismische Wahrheit«, den ich in meinen Veröffentlichungen verwendete, verknüpfte die biologistischen Ansätze Reichs mit der Instanz des Spirituellen, Physik mit Metaphysik. Gleichzeitig nahm ich ein Unbehagen wahr, denn all diese »Selbst-Konzepte« muteten etwas abstrakt an. Was sonst?

In allen Systemen, den westlich-psychologischen und den östlich-spirituellen, tauchten zwei Entitäten immer wieder auf: Liebe und Herz.

Zielten all die Bemühungen der narzisstischen Ich- und Weltkonstruktionen darauf ab, das eigene Herz zu schützen, Liebe(n) zu verhindern? Stellten das Gieren nach dem bewundernden Blick der Anderen, die Konstruktionen von Groß- und Einzigartigkeit die subtile Form einer Sehnsucht  dar, die in der Kindheit unerfüllt blieb: Mit dem ganzen Sein geliebt zu werden?

Hat man auf der Seinsebene keine Liebe erfahren, verblieb eine offene Wunde, eine Leerstelle, die verhinderte ... zu lieben. Das stellte die Tragödie, die Sisyphos-Qualität der narzisstischen Persönlichkeit dar: Liebe erhalten zu wollen, ohne lieben zu können.

Aus dieser Ohnmacht resultiert der Hang zur Größe, zur Einzigartigkeit, zum beständigen Drang, sich aufzuplustern: Ein Junges, das dauernd auffällt im verzweifelten Bemühen, in seiner Sehnsucht,  "wahr genommen" und in seinem wahren Sein geliebt zu werden.

Hinter der narzisstischen Tragödie verbarg sich ein Drama ... ein Liebesdrama.

Die Wunde des Ungeliebtseins verhinderte den Zugang zu einer tieferen Ebene in sich selbst, der des »biologischen Kerns« (Reich), der »primären Liebe« (Balint), zu ihnen wurde die »Bindung gestört«. Die Sucht nach Anerkennung, Bestätigung und Bewunderung kompensierte diesen entwurzelten Kontakt, die Vergeblichkeit des Versuches, eine Verbindung zur primären Liebe zu finden. In der frühesten (Objekt-)Beziehung ging sie einst verloren, in die Wiederholungszwänge des späteren Lebens adressiert die Seele ihre – unbewusste – Sehnsucht nach Heilung.

Von frühester Kindheit war Liebe im Menschen präsent. Sie wurde beschämt. Angst und Unfähigkeit wuchsen, authentisch in Liebe zu sein. Nur in den Phasen des Verliebtseins, das gleichzeitig »selbsttranszendente« (Joas) und regressive Eigenschaften aufwies, schien kurzfristig die primäre Liebe wieder auf. Doch wie hing dies zusammen?

Im therapeutischen Kontext begann ich, Persönlichkeitsmuster nicht mehr im Kontext psychosexueller Entwicklung zu betrachten, sondern als Ergebnis jener prägenden Erfahrungen, durch die ein Kind lernte, seine natürliche Liebesfähigkeit zu formen. Der Schizoide flüchtete sich beispielsweise in die Paradiesvorstellungen seines Intellekts, der Anale in Zwangsrituale, der Phalliker in dominante Grandiosität, der Hysteriker in die Flucht vor emotionaler Nähe usw.

Entsprechend erkannte ich in narzisstischen Verhaltensmuster ein ubiquitäres Phänomen, das in deutlichem Zusammenhang mit den menschlichen Bedürfnissen nach Halt, Bindung und Liebe stand. Sie standen also nicht mehr für eine Pathologie oder den Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung, sondern für die individuelle Art und Weise, wie ein Mensch gelernt hatte, sein Herz zu schützen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 26. Juli 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (274): Maske, "Rührmichnichtan" und Corona

Bild von Sergei Tokmakov, Esq. auf Pixabay
Denn in den Gefühlen, die im Gegenüber angesprochen wurden, ließ sich ein faszinierendes Phänomen beobachten: Dessen Unbewusstes nahm die Verletzlichkeit, die seelische Brüchigkeit, durchaus wahr, die die narzisstische Großartigkeit angestrengt zu verbergen versuchte. Sie sprach typischerweise Beschützerinstinkte an, mütterliche und väterliche Gefühle für das fragile, ungeliebte innere Kind. Ein Ego, das sich besonders eindrucksvoll präsentierte, löste den Hang aus, solchen unbewussten Impulsen des »Beschützenwollens« besonders und eindrucksvoll zu folgen.

Die Dynamik, die sich in diesen Übertragungsgefühlen manifestierte, die die Großartigkeit, die Macht des Narzissten untermauerte, stammte aus dem mitfühlenden Herzen des Menschen, aus dem Quell der unendlichen Energie der Liebe.

Es bezog die Wirkung auf seine Claqueure nicht aus der Stärke seines Egos, sondern aus der dahinter verdeckten unsäglichen Einsamkeit. Ironischerweise zeigte sich hier eine Kollusion, die ihren Protagonisten häufig verborgen blieb.

In der Gegenübertragung erweckte es den Eindruck, als ginge man auf Eis, das jederzeit einbrechen könnte. Im therapeutischen Kontext vermochte eine »falsche« sprachliche Formulierung aggressive Reaktionen »narzisstischer Wut« auszulösen. »Falsch« war ein Wort oder ein Satz dann, wenn er eine Wahrheit aussprach, die das falsche, fragile Selbst infrage stellte, bedrohte.

In der alltäglichen Kommunikation, auf der Ebene konventioneller Verhaltensmuster, dominierte ein unausgesprochenes »Rührmichnichtan«, bezogen auf das narzisstische Ego. Jeder Kratzer an dieser Selbst-Inszenierung erweckte den Eindruck eines potentiellen Konfliktherdes.

Repräsentierten Konventionen, übliche Umgangsformen etc. nicht ein stillschweigendes Übereinkommen, das Ego, das Bild, die Erzählung, die jemand von sich vermittelte, nicht infrage zu stellen? Denn das war »normal«. Und normal wollte jeder sein.

Es galt zu verhindern, das »Gesicht zu verlieren«. Die Maske. Die Ehre. Es gab Zeiten in unserer Gesellschaft, da duellierte man sich, war bereit, um seiner Ehre willen sein Leben zu opfern. Es gab Kulturen, die dafür Mord und Totschlag begingen (sog. »Ehrenmorde«). In allen Armeen dieser Welt spielte »Ehre«. Wobei nicht zu übersehen ist, dass sich hier ein patriarchalisches Wertemuster spiegelt, nach wie vor eine zentrale Rolle. Die Ehre des Mannes und ihrer Infragestellung stellt sich häufig als Phänomen seiner gesellschaftlichen Positionierung dar. Die Ehre der Frau konnotiert häufig die Sexualmoral (Jungfrauenkult, Keuschheitszwang vor der Ehe, Ehrbeschmutzung bei Untreue usw.) und die Familie (»Familienehre«).

Fiele die Maske, käme das Abgespaltene zum Vorschein: innere Unsicherheit, Begrenztheit, authentische Emotionen, ... Wahrheit. Es war um jeden Preis zu vereiteln, wollte man sich als »normal« definieren und entsprechend anerkannt werden.

So »verrückt« waren normale, durch Scham normalisierte Menschen? »Verrückt« erschien mir die Realität, verrückt vom Wesentlichen, von der bio-emotionalen Wahrheit. Die Maske, allein das, was sein sollte, herrschte. Nicht Wirklichkeit.

Diese Aussage gewann aktuell an symbolischer Bedeutung durch Corona. Beides, Maske und »Rühmichnichtan«, die hier präsentierten Vorgänge des Unbewussten, traten, wie manches, aus ihrem Schattendasein hervor.

Die Maske avancierte zum sichtbaren Accessoire des homo sociologicus. Dank Covid-19 erscheint es »normal«, sich maskiert durch’s Leben zu bewegen. Jeder sieht die Maske, sie bleibt nicht weiter verborgen.

Ihr Tragen wurde zum Element sozialer Bezogen- und Verbundenheit. Die Ablehnung, sie zu tragen, sich zur »Not«Wendigkeit zu bekennen, verweist auf ihr Gegenteil, die antisoziale, egozentrische Verweigerung. Hier zeigt sich das vorsintflutliche, potentiell dem Untergang geweihte, narzisstische Ego, ebenso anmaßend wie verloren, indem es nicht nur das Leben anderer Menschen, sondern auch das eigene auf’s Spiel setzt.

In ähnlicher Weise verhält es sich mit der unbewussten Botschaft des »Rührmichnichtan«. Corona hat sie aus dem Schatten treten lassen. Der zwischenmenschliche Graben, für den, wie wir sahen, bisher das Ego sorgte, erwuchs zur sicht- und fühlbaren Erfahrung. Soziale Distanz, eingepfercht im Gebot des »Rührmichnichtan«, wurde durch das Abstandsgebot zur unübersehbaren Realität, trat aus dem Schatten in die Sichtbarkeit des Bewusstseins. Die Risse im Beton durchdringt das frische Grün der Hoffnung.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 19. Juli 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (273): Das grandiose Ego und das verlorene Kind

Bild von Thomas Wolter auf Pixabay

Die alleinige Ausrichtung auf die äußere Welt erwies sich als fataler Irrweg. Er führte genauso wenig zur Heilung wie das lebenslange Bestreben, von den Eltern im Nachhinein die heilsame Liebe zu erfahren, die man in der Kindheit entbehrte.

Selbst bei denjenigen, die scheinbar auf alle Konventionen pfiffen, ließ sich dieser tiefsitzende, verzerrte »Schrei nach Liebe« vernehmen, diese ständige Suche äußerer Anerkennung, Bewunderung, Spiegelung. Der Adressat war ausgetauscht. Es war nicht mehr die Gesellschaft im allgemeinen, sondern  die Subkultur, der sich jemand zurechnete. Die ersehnte Heilung von Selbstentfremdung nährte ein weites Spektrum an Sekten, Fanatikern, Formen des Missbrauchs.

Ein anderes Merkmal narzisstischer Verhaltensmuster erregte meine Aufmerksamkeit: das Phänomen expliziter oder verborgener Grandiositätsphantasien. Was war der Antrieb, sich großartig in Szene zusetzen? Im üblichen Sprachgebrauch gab es für die offene Variante viele Beschreibungen: »Schaum schlagen«, »aufschneiden«, »angeben«, »prahlen«, »protzen«, »sich aufplustern« usw.

Das Selbstbild, das sich dabei präsentierte, erinnerte an Werbeclips. Sie versprachen Ideale, Superlative, Wundersames. Eine eindrucksvolle heile Welt, von der alle Beteiligten, Macher wie Zuschauer, Erzähler wie Zuhörer, längst wussten, wie verlogen sie war. Solche Heldenerzählungen spulten sich rund um die Uhr ab, in jedem Gespräch, in den Massenmedien, in der ubiquitären Werbung.

Ihre Funktion bestand darin, Erwartungen zu erfüllen, die einer idealen Wirklichkeit auf Seiten des Adressaten, die nach Anerkennung und Bewunderung auf Seiten des Erzählers. Hier fand sich eine typische Kollusion. Beide Seiten profitierten davon psychologisch, materiell zumindest eine, wie  es heutzutage bei den sog. »Influencer« zutrifft.

Schwieriger wahrzunehmen als die Marktschreier und Prahlhänse waren diejenigen, die in ihrer Selbstüberschätzung dezenter auftraten. Bei ihnen schien die Grandiosität verborgen im Inneren auf, zeichnete sich nur indirekt im Verhalten ab. Das Muster war das gleiche: Der Hunger nach Bewunderung, Anerkennung und Liebe verbarg sich hier hinter der Maske der Zurückhaltung, eine ideale Voraussetzung für Kollusionen mit dem offen grandiosen Gegenpart.(Derartige Kollusionen zeigten äußerst verbreitet. Man begegnete ihnen in der Partnerwahl, in jeder Art Gruppenprozessen, insbesondere in Sektenstrukturen, in der Politik, überall dort, wo Führergestalten fanatische Anhänger um sich scharen.)

Ich gewann den Eindruck, dass in all diesen Haltungen sich ein kleines, verlorenes, sich nach Liebe sehnendes Kind verbarg, das sich angestrengt groß(artig) machte, um sich seiner Existenz zu versichern. Sich aufzuplustern, um die bedingungslose Liebe der Eltern zu erfahren, erwies sich in ähnlicher Weise als vergebliche Liebesmüh‘ wie der Versuch, durch die Bewunderung durch andere seine eigene Selbstentfremdung zu überwinden.

Das narzisstische Ego setzte sich als Kompensationsmechanismus in Szene, als erfolgloser Heilungsversuch einer Seele, die sich in ihren verborgenen Tiefen überhaupt nicht großartig, selbstbewusst und stark empfand, sondern klein, unsicher und schwach.

Dazu passten die ausgeprägten Schutz- und Kontrollmechanismen, verknüpft mit Empfindlichkeiten gegenüber jeder Art von Kritik. In extremen Fällen erschien allein die Existenz anderer Sichtweisen, abweichender Vorlieben, ja des Fremden schlechthin, ausreichend, um Verunsicherung und Abwehr auszulösen. Sobald ein Hauch derartiger Botschaften herüberwehte, traten Abwehrmechanismen unterschiedlicher Couleur hervor: Halsstarrigkeit, rechthaberischer Trotz, Beleidigtsein, Beschimpfungen, Wutausbrüche, Rückzug, Kontaktabbruch, Überheblichkeit, Verachtung. Sie stellten nur einige Varianten dessen dar, wie Menschen in sozialen Zusammenhängen auf vermeintlich kritische Äußerungen reagieren.

Wirkten diese Reaktionsmuster auch kraftvoll: Fragilität, Schwäche, Verunsicherung waren hinter der martialischen Kulisse für den Außenstehenden spürbar. Verkleidungen dienten bereits in der Kindheit individuellen Heldenerzählungen, lösten ein Lächeln aus. Das Drama des erwachsenen Narzissten bestand hingegen darin, dass er die Rolle des Helden nicht mehr als Spiel, sondern in ernsthafter Verzweiflung und mit verzweifelten Ernst darstellte. Dies verstärkte den Eindruck der Fragilität der ganzen Aufführung, auch in der Gegenübertragung.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 12. Juli 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (271): Beschämung, Scham und Fremdschämen

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Die Tendenz zu Verhaltensmustern, die sich an phantasierte Erwartungen anderer orientierten, ließen sich auf Schritt und Tritt beobachten. Diese konventionellen Gesten verwiesen auf das Bedürfnis nach Gratifikation durch Spiegelung, Anerkennung, Bewunderung, Geliebtwerden. Selbst Fremden gegenüber, Menschen, mit denen keinerlei Beziehungserfahrung bestand, ließen sich solche Eigenarten registrieren.

Mir traten Szenarien vor Augen, in denen ein Kind, ein Freund oder Lebenspartner beschämt wurden, um vor anonymen Blicken Fremder zu bestehen. Hier zeigte sich nicht nur ein situationsbedingtes Verhalten, sondern eine »Haltung«, die sich in Gestalt einer »sozialen Maske« (W. Reich) durch das Leben zu ziehen schien. Der Verrat, den ein Kind durch seine Eltern erlitten hatte (»the first cut is the deepest« - Cat Steivens), wandelte sich im sozialen Kontext zur schmerzlosen, schlussendlich mit ihm vehement identifizierten »Normalität«.

Die »soziale Maske« Reichs, die ich hier begrifflich mit dem »narzisstischen Ego« gleichsetze, funktionierte nach Regeln der Konventionen der jeweiligen Kultur. Intrapsychisch gelang das mithilfe durchgängiger Selbstbeschämung, die das Gefühls- und Seelenleben im Sinne gesellschaftlicher Übereinkunft prägte und domestizierte.

Sie formte in Gestalt verschiedener Arten von Sozialkontrolle nicht nur die eigene Seele. Wie ich zu meinem eigenen Herzen bin, so bin ich zum Herzen des anderen.

Schämte man sich seiner eigenen Gefühle, dann traf dies auch auf die anderer zu. Selbst Emotionen derjenigen, die persönlich unbekannt waren, konnten Scham auslösen. Es gibt ein Modewort, das diesen Vorgang in das Bewusstsein rückt: »Fremdschämen«.

Die Tendenz, konventionelles, angepasstes Verhalten zur Norm zu erheben, funktionierte über einen langen, aber niemals vollkommenen Entwicklungsprozess von Beschämung und Selbstbeschämung. Sie bildete ein grundlegendes Element der Selbstentfremdung. Mithilfe der Scham lernte man von Kindheit an, Gefühle und Emotionen zu kontrollieren. Dies entsprach den Erwartungen und Rollenzuweisungen des sozialen Systems, in dem man aufwuchs. Ein typisches Beispiel lautet: »Ein Junge weint nicht, ein braves Mädchen lächelt, aber wird nicht aggressiv.«

Charakterliche und körperliche Blockierungen entwickelten sich, um den lebendigen emotionalen Ausdruck zu domestizieren. Letzterer stand später dem erwachsenen Menschen nicht mehr umfänglich zu Verfügung. Der kleine Junge lernte, seine Verletzlichkeit zu beherrschen, sie nicht zu zeigen. Spätestens im Erwachsenenalter waren die Tränen versiegt.

Das Mädchen, dem die Mutter vorlebte, aggressive Impulse zu kontrollieren, sie mit einem Lächeln zu überdecken, um brav den Erwartungen zu entsprechen, lächelte als Frau selbst dann noch, wenn ihre Grenzen massiv überschritten wurden.

Der zum Mann herangewachsene Knabe ließ weiche, zarte Gefühle nicht zu, das zur Frau erwachsene kleine Mädchen vermochte nicht für seine Integrität einzutreten.

Ähnliche Formungsprozesse, entsprechend den Einflüssen der Umgebung, fanden sich bei allen Elementen des Seelenlebens. Zur Haupt-- und Kontrollinstanz der Formung diente die soziale Maske, das narzisstische Ego. Sie blieb unterschwellig mit Schmerzkörper und Selbst-Entfremdung verbunden, ohne sich dessen gewahr zu sein. Die Abspaltung der in der Tiefe verborgenen Fülle, des »biologischen Kerns«, konsolidierte den Schein innerlicher Armut. Wirkte es da verwunderlich, dass äußerer Reichtum umso erstrebenswerter erschien, wo der Weg zum innerem versperrt war?

Überhaupt blieb der Blick des Egos reflexartig nach Außen gerichtet. Begegnete er andernfalls doch nur der beschämten Schattenwelt, Echos des Schmerzhaften, den verpönten Gefühlen der »sekundären Schicht«.

Die zwanghafte Fixierung der Aufmerksamkeit auf die äußere Welt ging einher mit einem eklatanten Defizit an Bewusstheit. Die buddhistische Psychologie beschreibt das wie folgt:

»Da wir uns unseres Innenlebens so wenig bewusst sind, haben wir den Eindruck, äußere Einflüsse würden unser Leben kontrollieren. Entweder gefällt uns, was wir erleben, oder wir finden es ganz schrecklich. Dieser Zustand schlägt dauernd um, so dass wir ständig in Anhaftung oder Abneigung befangen sind.«( Kornfield, Jack (2008), S. 86)

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 5. Juli 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (270): Körpertherapie und die Ära der Selbstoptimierung

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In der reichianischen Körpertherapie stand im Fokus, die Klarheit einer Emotion dort zu unterstützen, wo im Gefühlsausdruck eine Durchmischung und gegenseitige Blockierung unterschiedlicher Gefühle erkennbar war. Dieses Phänomen verwies auf körperlich-energetische Blockierungen, die eine ganzheitliche bio-emotionale Ausdrucksbewegung verhinderten. Reich sprach in diesem Zusammenhang vom Charakter- und Körperpanzer.

Drückte sich eine beliebige Emotion authentisch, unvermischt und vollständig aus, so ging damit ein Gefühl tiefer Erleichterung und Entspannung einher. Der Kontakt zur inneren Wahrheit, die ja gleichzeitig Wahrhaftigkeit des Herzens (»Hand aufs Herz«) ist, wurde unmittelbar spürbar.

Der Zugang zur Seele über die Arbeit mit dem Körper und seinen bio-emotionalen Prozessen führte deutlich vor Augen, dass das Seelenleben in seiner Tiefe Selbstregulationspotentiale enthielt. Missverstanden und negativ besetzt, musste die Welt des emotionalen Erlebens unzugänglich, in der Schublade des Beängstigenden, des Irrationalen, des zu Kontrollierenden verborgen bleiben.

Davon abgesehen, suchte, wie die Erfahrung lehrte, das so Ausgegrenzte als wesentlicher Teil der menschlichen Natur stets nach Schlupflöchern. Es umging den Kerkermeister des Denkens, wo immer sich eine Möglichkeit bot: Hier zeigte sich ein typisches Szenario des »innerseelischen Bürgerkriegs«, jenem niemals endenden Konflikt zwischen Gefühl und Vernunft, gefühlsmäßiger Wahrheit und Rationalität, Herz und Gehirn.

Weitere Fragen stellten sich. Wenn im Menschen von Kindheit an ein Stück Sisyphos angelegt wird, narzisstische Persönlichkeitszüge auf jeden zutreffen, musste das nicht auf Auswirkungen auf die therapeutische Arbeit haben? Wie wirkte sich das auf diese aus, welche Fragestellungen ergaben sich für die Körpertherapie?

Körpertherapeutische Herangehensweisen halfen, zurückgedrängte, blockierte Emotionen in die Persönlichkeit zu reintegrieren. Damit ging typischerweise eine Identifizierung mit den Gefühlen des »inneren Kindes« einher.

Das Ego lernte, dies ließ sich immer wieder beobachten, sich mit den individuellen emotionalen Mustern zu identifizieren. Doch war mit dieser Reintegration der Transformationsprozess der Persönlichkeit vollständig?

Im Laufe der Zeit gewann ich den Eindruck, dass hier lediglich eine Umprogrammierung des narzisstischen Egos erfolgte. Zwar erweiterten zuvor blockierte Emotionen das seelische Gesichtsfeld, schufen in Stück Freiheit im Erleben und Verhalten. Denn die Körpertherapie ermöglichte, in der Kindheit abgespaltene, verdrängte Gefühle zu reintegrieren. Das Ich-Bewusstsein schloss das »innere Kind« liebevoll in die Arme. Das zwanghafte Denken des Ego-Verstands konnte so gelockert werden, an den Identifizierungen mit den Konstruktionen des Ego-Verstands veränderte sich ... nichts.

Beobachtungen zeigten: Das Perspektive des »Ich-Ich-ich«, die narzisstische Selbst-Bezogenheit verloren in diesem Prozess nicht etwa an Intensität, sondern nahmen zu.

Allmählich gewann ich den Eindruck, als Egozentriker von lauter Egozentrikern umgeben zu sein. Wir alle waren nur mit uns selbst beschäftigt, kreisten um das eigene Wohlbefinden, um innerseelische Wetterumschwünge und die Irritationen der Umwelt, insoweit sie uns selbst betrafen.
Narzisstische Persönlichkeitsmuster nahmen nicht ab, sie zeigten sich potenziert. Ja, die Etiketten waren ausgetauscht. Wo vorher »die Anderen (Eltern, Lehrer, Gesellschaft) sind schuld« draufstand, las man »ich blicke viel besser durch, bin viel besser als die Anderen«. Das Zeitalter der Selbstoptimierer war angebrochen. An der Haltung, die »Anderen« als Instanz und Gradmesser für die eigene Identität zu betrachten, hatte sich nichts geändert.

Ich stieß an die Grenze dessen, was ein körpertherapeutischer Prozess offenbar zu leisten imstande war. Das alte »neurotische Gleichgewicht« ersetzte man durch ein korrigiertes seelisches Konstrukt. Die alte Erzählung darüber, wer man glaubte zu sein, wurde gegen eine neue eingetauscht. Eine aufgehübschte Geschichte, die man sich selbst und den anderen in all dem erzählte, was aufschien.
Doch fühlte ich mich oder fühlte sich der Klient damit in Einklang mit sich selbst und seinem Leben? Vermochte ich jene Heimat und Frieden in mir wahrzunehmen, die ich verloren hatte? War die Selbst-Entfremdung damit überwunden? Führte jahrelange Körper- oder Psychotherapie zur wahrhaftigen Freiheit, innerlich und äußerlich, in Lebensumwelt, in Beziehungen?

Waren Spiegelungssucht, jene qualvolle Anstrengung des Sisyphos, der Drang nach Anerkennung und Bewunderung durch andere, das Defizit an Liebesfähigkeit, damit aufgehoben? Ließ sich dieser Weg als Beitrag zur Transformation der Persönlichkeit, zur Aufhebung der Selbstentfremdung, zur Befreiung aus der narzisstischen Falle betrachten?

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 20. Juni 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (269): Das neue Etikett des Ich-Ich-Ich

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In der reichianischen Körpertherapie stand im Fokus, die Klarheit einer Emotion dort zu unterstützen, wo im Gefühlsausdruck eine Durchmischung und gegenseitige Blockierung unterschiedlicher Gefühle erkennbar war. Dieses Phänomen verwies auf körperlich-energetische Blockierungen, die eine ganzheitliche bio-emotionale Ausdrucksbewegung verhinderten. Reich sprach in diesem Zusammenhang vom Charakter- und Körperpanzer.

Drückte sich eine beliebige Emotion authentisch, unvermischt und vollständig aus, so ging damit ein Gefühl tiefer Erleichterung und Entspannung einher. Der Kontakt zur inneren Wahrheit, die ja gleichzeitig Wahrhaftigkeit des Herzens (»Hand aufs Herz«) ist, wurde unmittelbar spürbar.

Der Zugang zur Seele über die Arbeit mit dem Körper und seinen bio-emotionalen Prozessen führte deutlich vor Augen, dass das Seelenleben in seiner Tiefe Selbstregulationspotentiale enthielt. Missverstanden und negativ besetzt, mussten sie unzugänglich, in der Schublade des Beängstigenden, des Irrationalen, des zu Kontrollierenden verborgen bleiben.

Davon abgesehen, suchte, wie die Erfahrung lehrte, das so Ausgegrenzte als wesentlicher Teil der menschlichen Natur stets nach Schlupflöchern. Es umging den Kerkermeister des Denkens, wo immer sich eine Möglichkeit bot: Hier zeigte sich ein typisches Szenario des »innerseelischen Bürgerkriegs«, jenem niemals endenden Konflikt zwischen Gefühl und Vernunft, gefühlsmäßiger Wahrheit und Rationalität, Herz und Gehirn.

Weitere Fragen stellten sich. Wenn im Menschen von Kindheit an ein Stück Sisyphos angelegt wird, narzisstische Persönlichkeitszüge auf jeden zutreffen, musste das nicht auf Auswirkungen auf die therapeutische Arbeit haben? Wie wirkte sich das auf diese aus, welche Fragestellungen ergaben sich für die Körpertherapie?

Körpertherapeutische Herangehensweisen halfen, zurückgedrängte, blockierte Emotionen in die Persönlichkeit zu reintegrieren. Damit ging typischerweise eine Identifizierung mit den Gefühlen des »inneren Kindes« einher. Das Ego lernte, dies ließ sich immer wieder beobachten, sich mit den individuellen emotionalen Mustern zu identifizieren. Doch war mit dieser Reintegration der Transformationsprozess der Persönlichkeit vollständig?

Im Laufe der Zeit gewann ich den Eindruck, dass hier lediglich eine Umprogrammierung des narzisstischen Egos erfolgte. Zwar erweiterten zuvor blockierte Emotionen das seelische Gesichtsfeld, schufen in Stück Freiheit im Erleben und Verhalten. Denn die Körpertherapie ermöglichte, in der Kindheit abgespaltene, verdrängte Gefühle zu reintegrieren. Das Ich-Bewusstsein schloss das »innere Kind« liebevoll in die Arme. Das zwanghafte Denken des Ego-Verstands konnte so gelockert werden, an den Identifizierungen mit den Konstruktionen des Ego-Verstands veränderte sich ... nichts.

Beobachtungen zeigten: Das Perspektive des »Ich-Ich-ich«, die narzisstische Selbst-Bezogenheit verloren in diesem Prozess nicht etwa an Intensität, sondern nahmen zu. Allmählich gewann ich den Eindruck, als Egozentriker von lauter Egozentrikern umgeben zu sein. Wir alle waren nur mit uns selbst beschäftigt, kreisten um das eigene Wohlbefinden, um innerseelische Wetterumschwünge und die Irritationen der Umwelt, insoweit sie uns selbst betrafen.

Narzisstische Persönlichkeitsmuster nahmen nicht ab, sie zeigten sich potenziert. Ja, die Etiketten waren ausgetauscht. Wo vorher »die Anderen (Eltern, Lehrer, Gesellschaft) sind schuld« draufstand, las man »ich blicke viel besser durch, bin viel besser als die Anderen«. An der Haltung, die »Anderen« als Instanz und Gradmesser für die eigene Identität zu betrachten, hatte sich nichts geändert.

Ich stieß an die Grenze dessen, was ein körpertherapeutischer Prozess offenbar zu leisten imstande war. Das alte »neurotische Gleichgewicht« ersetzte man durch ein korrigiertes seelisches Konstrukt. Die alte Erzählung darüber, wer man glaubte zu sein, wurde gegen eine neue eingetauscht. Eine aufgehübschte Geschichte, die man sich selbst und den anderen in all dem erzählte, was aufschien.

Doch fühlte ich mich oder fühlte sich der Klient damit in Einklang mit sich selbst und seinem Leben? Vermochte ich jene Heimat und Frieden in mir wahrzunehmen, die ich verloren hatte? War die Selbst-Entfremdung damit überwunden? Führte jahrelange Körper- oder Psychotherapie zur wahrhaftigen Freiheit, innerlich und äußerlich, in Lebensumwelt, in Beziehungen?

Waren Spiegelungssucht, jene qualvolle Anstrengung des Sisyphos, der Drang nach Anerkennung und Bewunderung durch andere, das Defizit an Liebesfähigkeit, damit aufgehoben? Ließ sich dieser Weg als Beitrag zur Transformation der Persönlichkeit, zur Aufhebung der Selbstentfremdung, zur Befreiung aus der narzisstischen Falle betrachten?

(Fortsetzung folgt)