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Mittwoch, 10. November 2010

Eitelkeit pflegt die Qual wie ein Gärtner seine Lieblingsrosen

„Sind wir jung und lieben jung, dann ist unser Herz noch beweglich. Es hüpft vor Freude. Es springt uns aus dem Leibe. Die erste Liebe verzaubert uns selbst und die ganze Welt. Werden wir älter, bilden sich Kristalle im Herzen. Trauer, Schmerz, Verletzungen, all die ungeweinten Tränen erstarren zu Kristallen und lagern sich im Herzen ab. Erst sind es nur Ecken und Kanten, die starr und unbeweglich werden. Bald ist es das ganze Herz, das erstarrt zu Eis, wird kalt, eiskalt. Leichenkalt.“

„Brrh. Das erinnert mich an ein Märchen, was du erzählst. Aber bleiben nicht nach jeder Liebesbeziehung Spuren von Schmerz und Trauer in uns?“, fragte S. ungläubig.

„Dann, wenn wir nach dem Trauern nicht verzeihen. Dem, den wir einmal geliebt haben und vor allem uns selbst. Das ist das Schwerste. Das Verzeihen. Die alten Wunden werden zu Schutzschildern, die wir hochheben, sobald ein Herz uns näher kommt. Wir heben die Wunde ganz hoch, als ob wir rufen wollten: „Hey, komme mir nicht zu nah. Schau, was die vor dir mir angetan haben. Meine Wunde ist die schrecklichste der ganzen Welt!“

By DreamerGirlLAC177
„Zu verzeihen ist wirklich schwer. Ich kann das überhaupt nicht. Ich vergesse nicht. Denn mein ist die Rache. Wie geht das, Verzeihen? Der Gedanke allein hilft ja wohl nicht.“

„Verzeihen heisst loslassen, sich hingeben. Hingabe an die Wirklichkeit, wie sie ist, nicht wie der Stolz sie haben will. Der Stolz, die Eitelkeit, das Ego, dieser Großinquisitor der Seele, schreit Rache, Vergeltung. Ist der, der nie verzeihen kann. Es ist die Eitelkeit, die nicht verzeiht. Es ist das Ego, und es glaubt gerecht zu sein. - Sie pflegt die eigene Qual wie ein Gärtner seine Lieblingsrosen.“

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Die Maske ist heilig

Anmerkung über den Terminus der "verletzten Gefühle"

 „Du hast meine Gefühle verletzt“ ist eine Redewendung, die man in letzter Zeit häufiger hört. Sie muss irgendwann, vor wenigen Jahren, aus dem Nichts aufgetaucht sein. Vermutlich wieder mal ein Import aus der Traumfabrik, schnell runtergeladen, eingedeutscht, wiedergekäut ... und nicht verdaut.

Prima facie scheint einleuchtend, was gemeint ist: Jemand wurde kritisiert und fühlt sich „verletzt“.  In welchen Gefühlen eigentlich? Wie soll das funktionieren? Lassen sich Gefühle verletzen?

Viel eher könnte man davon sprechen, dass Gefühle von Verletzung ausgelöst wurden, z. B. seelischer Schmerz, Trauer, Traurigkeit ... oder sogar narzissstische Wut. Gefühle lassen sich nicht verletzen. Man fühlt sie oder man fühlt sie nicht.

By funda_album maske...
Die o. a. Phrase will etwas anderes beschreiben: Das Selbstbild ist verletzt, gekränkt, angekratzt. Das ist es, was Gefühle von Verletzung erst auslöst: Gefühle sind hier Reaktion auf unangenehme Wahrheiten, die man nicht gerne hört. Weil sie das Selbstbild, die Maske, das (neurotisch) seelische Gleichgewicht oder das falsche Selbstsystem attackieren, infrage stellen. So was tut man nicht. Die Maske ist heilig.

Was lernen wir aus der ganzen Sprachverwirrung? Wenn es um Gefühle geht, wird Sprache bisweilen ungenau, vage oder sogar verzerrend. Die kulturelle moderne Sprachverwirrung, von der hier die Rede ist, verwechselt Gefühle mit Inszenierungen des Ego oder falschen Selbst. Ein beredter Ausdruck des Analphabetentums – soweit es das Seelenleben betrifft, könnte der herzhafte Beobachter ausrufen. Als ob man heutzutage gar nicht mehr recht weiß, was Gefühle sind.

Falls diese Aussage „Ihre Gefühle verletzt“, werter Leser, dann schreiben Sie mir einfach einen ärgerlichen Kommentar.