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Sonntag, 7. August 2011

SMARTPHONE STREICHELN

Es ist immer wieder erstaunlich, in welcher umfassenden Weise Technologien das Alltagsverhalten und die Wertesysteme einer Epoche verändern können. Besonders aufmerksam wird man für diese Einflüsse, wenn man das Thema Sexualität betrachtet.


1961 wurde die Anti-Baby-Pille auf den Markt gebracht und veränderte das Sexualverhalten der modernen Gesellschaft in radikalster Weise. Sexualität, befreit von den Ängsten unzureichender Verhütungsmethoden, konnte neu entdeckt werden: als Quelle von Lust. Die Traditionen einer von Schuldgefühlen beladenen, verklemmten Sexualität im Dunkeln und unter der Bettdecke verschwanden immer mehr, Sexualität entwickelte sich zu einem „Lieblingsspiel“ der Erwachsenen.
So war es wohl bisher. Seit kurzem gibt es allerdings eine neue Technologie, die zu einer harten Konkurrenz für dieses „Lieblingsspiel“ werden könnte: das Smartphone. Glaubt man neuesten Umfragen aus den USA, so würden sage und schreibe ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung inzwischen lieber auf Sex verzichten als auf ihr Smartphone. Dabei sollten wir uns vor Augen führen, dass längst noch nicht alle Handy-Besitzer auch Smartphone-User sind. Die Hersteller von Smartphones rechnen wohl weiterhin mit eindrucksvollen Absatzzahlen in den nächsten Jahren.
So dass es durchaus sein kann, dass sich ein wachsender Teil der geschlechtsreifen Bevölkerung in den nächsten Jahren lieber sein Smartphone streichelt als seinen Partner. Immerhin laufen diese kleinen Dinger inzwischen stabiler als die meisten Beziehungen ...

Dienstag, 1. Februar 2011

TAPFERER PIRAT

Sex während der Menstruation. Im Ernst, das ist doch mal wirklich ein interessantes Thema. Für Frauen und für Männer. Da gibt es so unterschiedliche Arten mit umzugehen. Bei Frauen und Männern. Oft ist es bereits tabuisiert, darüber zu reden. Wie erfrischend, wenn man in einem Blog über Erfahrungen eines wilden Piraten darüber nachlesen kann! Und dann noch in einer so unterhaltsamen, lockeren und witzigen Weise. Respekt. Das gefällt mir wirklich, ganz ohne FB-Button! Lest selbst nach.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Super-Nanny moderner Sexualerziehung, Teil II

Pornografie, die einzige Supermacht nach dem kalten Krieg

Das waren ja noch Zeiten, als es noch zwei große Machtblöcke die Welt der menschlichen Sexualität dominierten: die repressive Sexualmoral und sexuelle Unterdrückung auf der einen, die sexuelle Befreiung mit ihrer kommerziellen Ausformung, der Pornografie, auf der anderen Seite. Heute scheint dieser Krieg zuende zu sein. Wir haben einen Sieger: Pornografie und “Pornografisierung” des Alltags.

Es ist an dieser Stelle angebracht, genauer zu definieren, was ich hier unter Pornografie verstehe, bzw. von welchen Aspekten ich hier spreche: Pornografie weist zwei Eigenschaften auf, denen unsere Aufmerksamkeit gilt:
  • Pornografie zielt auf (meist) sexuelle Erregung, auf die Aufmerksamkeit des Betrachters, und zwar mithilfe von Darstellungen, die (meist sexuelle*) Erregung auslösen.
  • Pornografie isoliert Teilstücke menschlicher Sexualität und Intimität, vergrößert und arrangiert sie mit neuer, künstlicher Dramaturgie und deutet damit die Wirklichkeit menschlichen Sexualerlebens um.
06-02-20-Feinschliff-SchminEs gibt nur noch wenige gesellschaftliche Enklaven, die sich diesem Prozess der Pornografisierung noch entgegenstellen, im Westen vielleicht sind es die Kirchen und ihre Protagonisten oder irgendwelche Seniorengruppen. Global betrachtet sind es noch einige zurückgebliebene asiatische Länder, in denen Dynastien oder fundamentalistische Kirchen eine gesellschaftliche Doppelmoral definieren, in denen die Pornografien noch im Untergrund fixiert sind.
Mein Begriff der “Pornografisierung” beschreibt ein paralleles Phänomen, dass vor allem in den modernen westlichen Gesellschaften immer deutlicher den Alltag dominiert: das zwanghafte Hervorzerren und die verbissene Zurschaustellung nahezu jeder menschlichen Intimität. Dies mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu erreichen. Vorreiter sind hier sicherlich die Massenmedien mit ihren Talkshows, Lügendetektoren, Koch-Shows, Reality-Shows, Therapien vor Publikum, Expertenrunden, Super-Nannys und professionellen Selbstdarstellern, aber auch die Trends im Internet, die Gesichtsbücher, meine Plätze, Blogs, Zwitscherer usw. tun ja im Grunde nichts anderes, als Intimes global zur Schau zu stellen. Exhibitionisten überall. Macht ja auch Spaß, oder?
Im Modebegriff “Fremdschämen” finden sich die letzten Zuckungen des Respekts vor Intimität, bevor dieser aus unserer Kultur vollständig verschwindet.
Pornografisierung ist somit nur die konsequente Ausdehnung der Pornografie auf die gesamte moderne Gesellschaft und Kultur.
Kommen wir auf diesem Hintergrund auf die ursprüngliche Fragestellung zurück, ob Pornografie einen prägenden Einfluss auf die sexuelle Identität von Kindern und Jugendlichen haben kann, dann ahnen wir bereits, dass Pornografie einen Einfluss nicht nur auf Kinder und Jugendliche hat, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Dieser Einfluss ist subtiler und umfassender, als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Es sind die Gesetze des Marktes und der Vermarktung, die niemals zu beherrschen sind, die uns beherrschen, die hier, als Pornografie, im Bereich der menschlichen Sexualität und ihrer gesellschaftlichen Realität gelten und wirken.

(wird fortgesetzt)

* nicht jede pornografische Abbildung wirkt sexuell erregend, es kommt wohl stets auf die Vorlieben des Betrachters an.

Montag, 11. Oktober 2010

Super-Nanny moderner Sexualerziehung, Teil I

Anmerkungen zur Diskussion um die Wirkung von Pornografie

In den letzten Monaten finden sich in den Massenmedien, in Fernsehen, Rundfunk und im Internet selbst Spuren einer angeregten Diskussion über die Folgen der Internet-Pornografie auf die sexuelle Sozialisation von Kindern und Jugendlichen.
Wer diesen Diskurs folgt, dem springt die Gegensätzlichkeit der Einschätzungen über die Wirkung von Pornografie ins Auge:
  • die eine Gruppe von Protagonisten sieht verheerende Folgen auf das Sexual- und Beziehungsverhalten der Jugendlichen;
  • die andere Gruppe vertritt die These, dass Pornografie keinerlei negative Wirkungen auf das Verhalten Jugendlicher ausübt oder erkennt sogar eine Stärkung ihrer moralischen Attitüden.
Beide Positionen werden durch Argumentationsstränge exponierter Experten und durch entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen untermauert. Aber wie das mit den Experten und der Wissenschaft so ist, Erkenntnisinteresse und Erkenntnis scheinen Hand in Hand zu gehen, die Verwirrung nimmt auf dieser Ebene manchmal eher zu als ab. So ist das halt mit den Verallgemeinerungen. Eine Verwirrung, die wohl der Preis menschlicher Ambitionen zur Generalisierung ist und die immer dort auftritt, wo es heißt “die …”: “die Frauen”, “die Männer”, “die Kinder”, “die Jugendlichen”. Dieses Bedürfnis nach Verallgemeinerung, die schnell zur Normierung wird, kann so manches kaschieren:
  • Das Eingeständnis, etwas nicht zu verstehen, nicht zu wissen.
  • Der Schrecken, diesem grundlegenden Nicht-Verstehen ins Auge zu sehen
  • Der Wunsch nach Domestizierung, Handhabbarmachung des Anarchischen, Unangepassten, Abweichenden
  • Die Egalisierung der Abweichung, der Individualität (es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade in den Gesellschaften, in denen das Individuum und die Individualität groß geschrieben wird, in den Bereichen Liebe, Beziehung, Sexualität und Bindung ein ständiger naiver Zwang zur Normierung aufscheint)
Akt5Dieser Verallgemeinerungszwang der Medien landet in den Köpfen der Adressaten und lässt diese sich selbst mit der Norm vergleichen. Da aber die Verallgemeinerungen fast so vielfältig in ihren Varianten sind wie die Wirklichkeit selbst, fühlen wir uns keineswegs belehrt und klüger, sondern immer noch nachdenklich und unter Umständen verwirrt.
So ist das. Aus dieser Verwirrung schließlich wächst hier und da die Sehnsucht nach einer Supernanny, die genau weiß, wo und wie es lang geht. In Sex-Angelegenheiten. Da sind wir dann halt wieder bei der Pornografie. Die zeigt doch wenigstens anschaulich, im wahrsten Sinne des Wortes, wo es lang geht im Liebesleben, und das super-sized. Alles super halt. Das macht Porno so populär und ihre Protagonisten bisweilen zu den bewunderten Super-Stars. Sonst sagt ja niemand was zum Thema, zumindest nicht auf der Super-Ebene. Und Super-Stars sind doch alle ... im Bett, oder?

Sonntag, 26. September 2010

Stress im Bett

Die Sexualisierung unserer Kultur führt, wie wir bereits ahnten, keineswegs zu einer wachsenden Lust- und Liebesfähigkeit, sondern zementiert auf breiter Front das Spektrum sexueller Störungen.

Sicher sind es nicht mehr die Symptombilder wie vor 100 Jahren, zu Zeiten Freuds und der sexuellen Neurosen. Der Stress im Bett dürfte heute weniger der Verdrängung und Domestizierung der Sexualität geschuldet sein, als der sexuellen Reizüberflutung, begleitet von Lifestyle-Botschaften der Idole und Ideale, an dessen Umsetzung ein Herr und Frau Jedermann schlicht und ergreifend scheitern müssen. Sie müssen scheitern, weil sie gar nicht die Zeit und Ruhe dafür finden, sich der Rundum-Vorsorge sexueller Ekstase einschließlicher multipler Orgasmen zwischen Wochenendeinkauf und Sportschau angemessen zu widmen. Der Sex macht mehr und mehr Stress, je höher der kulturelle Erwartungsdruck wird, jederzeit und rund um die Uhr als perfekte Sex-Maschine mit perfektem Körper und perfekter Potenz bereit zu stehen und zu liegen.

Dass im Zeitalter von Viagra & Co. nicht nur Männer zunehmend Stress im Bett haben, sondern dass dies auch bei Frauen  zu beobachten ist, zeigt eine neue wissenschaftliche Studie* zu diesem Thema. Laut dieser aktuellen Studie eines britischen Fachmagazins für Urologie leiden 63% der Frauen unter der sogenannten "weiblichen sexuellen Dysfunktion" (FSD). Die Forschergruppe von der Hackensack-University in New Jersey (USA) befragten knapp 600 Frauen zwischen 18 und 95 Jahren zu ihrem Sexleben. Jede zweite klagte über mangelnde Lust, 45 Prozent über Orgasmusprobleme, 40 Prozent waren kaum erregbar und 39 Prozent fühlten sich generell unbefriedigt in ihrem Sexualleben.
Dabei nehmen solche Probleme offenbar mit wachsendem Alter zu, von einer Ausnahme abgesehen: Orgasmusschwierigkeiten sind bei 46-54jährigen Frauen offenbar am seltensten. Über 70 Jahre geht es dann vollends bergab: 96 Prozent der Frauen haben keine Lust mehr auf Sex.


* Elsamra S et al. Female sexual dysfunction in urological patients: findings from a major metropolitan area in the USA.BJU Int 2010, 106: 524-6.
Foto: Photobucket