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Sonntag, 17. Oktober 2010

Super-Nanny moderner Sexualerziehung, Teil III

Plädoyer für das Ende der Heuchelei

Um das bisher Gesagte noch einmal zusammen zu fassen: Wenn es um Fragen der menschlichen Sexualität geht, dann ist in den modernen Gesellschaften die Pornografie die einzige massenwirksame Antwort. Es gibt keine andere. Vielleicht weil die Pornografie die einzige Antwort ist, die sich radikal den Quellen der Dynamik unserer Gesellschaft bedient, hemmungslos und radikal: der menschlichen Gier, der Profitgier.
Sich dann darüber zu wundern, dass diese einzige, fast monopolartige Antwort auf die Fragen der menschlichen Sexualität, die ja gerade in der Pubertät und Adoleszenz die brennendsten Fragen sind, die Pornografie darstellt, ist ebenso heuchlerisch wie naiv. Genau wie die Frage, ob sie die Sexualität beeinflusst. Das ist eine blöde Frage. Natürlich macht sie das, nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen.
Weiter an der Oberfläche kratzend, bin ich im II. Teil dann zu der These gelangt, dass die pornografisch-aufgeilende Großaufnahme und der mit ihr verbundene Voyeurismus ja nicht nur die - inszenierte - Intimität der Sexualität ins Rampenlicht rückt, sondern letztendlich alle Bereiche des menschlichen Lebens und Alltags, in denen Intimität herrscht. Das Intime wird überall das Öffentliche. Dies nenne ich die "Pornografisierung".

Also, lassen wir doch mal diese Heuchelei. Diese Vorstellungen, dass es irgendetwas Reines,  zu Bewahrendes gäbe, und sei es auch so ein  Phantom wie das Unverdorbene der Jugend oder Jungfräulichkeit irgendeiner Seele, welche durch Pornografie verdorben werden könnten. Denn, wenn wir schon in diesen Begriffen argumentieren, dann ist das "Verdorbene" das Ubiquitäre, das, was stets und überall schon da ist und da war. Die viel beschworene Globalisierung, insbesondere das Internet, leistet hier einen entscheidenden Beitrag. Profit wird halt immer auf die gleiche Art erzielt. Der Konsument kauft das, was er für seinen Hunger und auf einer höheren Stufe für sein Image zu benötigen glaubt. Und wer will sich nicht für den affengeilsten hypersexy Super-Star halten, den die Welt jemals gesehen hat? Das alles ist menschlich, das alles sind die Werte der Kultur, die uns umgibt. Der Werbesprache der Superlative und ihrer Bilder entrinnt niemand. Also staffieren wir unsere Brüste, Penisse und Nasen doch einfach weiter aus auf die Super-Dimensionen, die der Pornografisierung unserer Welt angemessen erscheinen.

Leider ist zu vermuten, dass die perfekte Nasen, die gigantischen Brüste und Penisse, die uns umzingeln, den eigenen Bewegungsspielraum enger machen und den Anpassungsdruck erhöhen werden. Denn im Grunde handelt es sich nur gigantische Glücksversprechen, aber nicht um Garanten des Glücks. Prominente Beispiele wie Michael Jackson deuten an, dass eine neue Nase nicht in jedem Fall das große Lebensglück beschert.  Wenn Glück, dann das Glück des Profiteurs, des Verkäufers. Aber auch hier, befürchte ich, zeigen wir nur wieder auf Glücksversprechen. Also lassen wir solche Begriffe einmal beiseite. Es geht um Profaneres, zum Beispiel um Arbeitsplätze. Hä, wie meinen?
Der wahre Stress wird letztlich dort beginnen, wo Zeiten rasend schnell auf uns zukommen, in denen die Exoten diejenigen sein werden, die nicht Gigantobrüste oder Gigantopenisse vorweisen können ... aber dafür wird es sicherlich eine passende Diagnose im ICD-10, entsprechende Psychopharmaka und ein soziales Netz geben, "Hartz 14" steht sicher irgendwann vor der Tür. Denn ohne Fettabsaugung, Facelifting, Gigantogeschlechtsteil, ohne botoxgespritztes Puppengesicht wird es schlecht auf dem Arbeitsmarkt von morgen aussehen. Da hilft uns heute schon die Pornografisierung der Welt als gute Übung, denn sie zerrt alles unter das Vergrößerungsglas der öffentlichen Aufmerksamkeit, was privat und intim und gegebenenfalls nicht genormt ist. Bis nichts Intimes, Privates und Ungenormtes mehr übrig bleibt. Erst dann sind wir für den Arbeitsmarkt von morgen gut vorbereitet und die Arbeitsplätze sind gerettet. Für eine postindustrielle Klonarmee mit faltenloser Botoxhaut und gigantischen Geschlechtsteilen ... und den neuen Industrien und neuen Arbeitsplätzen, die dazu notwendig sind.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Super-Nanny moderner Sexualerziehung, Teil II

Pornografie, die einzige Supermacht nach dem kalten Krieg

Das waren ja noch Zeiten, als es noch zwei große Machtblöcke die Welt der menschlichen Sexualität dominierten: die repressive Sexualmoral und sexuelle Unterdrückung auf der einen, die sexuelle Befreiung mit ihrer kommerziellen Ausformung, der Pornografie, auf der anderen Seite. Heute scheint dieser Krieg zuende zu sein. Wir haben einen Sieger: Pornografie und “Pornografisierung” des Alltags.

Es ist an dieser Stelle angebracht, genauer zu definieren, was ich hier unter Pornografie verstehe, bzw. von welchen Aspekten ich hier spreche: Pornografie weist zwei Eigenschaften auf, denen unsere Aufmerksamkeit gilt:
  • Pornografie zielt auf (meist) sexuelle Erregung, auf die Aufmerksamkeit des Betrachters, und zwar mithilfe von Darstellungen, die (meist sexuelle*) Erregung auslösen.
  • Pornografie isoliert Teilstücke menschlicher Sexualität und Intimität, vergrößert und arrangiert sie mit neuer, künstlicher Dramaturgie und deutet damit die Wirklichkeit menschlichen Sexualerlebens um.
06-02-20-Feinschliff-SchminEs gibt nur noch wenige gesellschaftliche Enklaven, die sich diesem Prozess der Pornografisierung noch entgegenstellen, im Westen vielleicht sind es die Kirchen und ihre Protagonisten oder irgendwelche Seniorengruppen. Global betrachtet sind es noch einige zurückgebliebene asiatische Länder, in denen Dynastien oder fundamentalistische Kirchen eine gesellschaftliche Doppelmoral definieren, in denen die Pornografien noch im Untergrund fixiert sind.
Mein Begriff der “Pornografisierung” beschreibt ein paralleles Phänomen, dass vor allem in den modernen westlichen Gesellschaften immer deutlicher den Alltag dominiert: das zwanghafte Hervorzerren und die verbissene Zurschaustellung nahezu jeder menschlichen Intimität. Dies mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu erreichen. Vorreiter sind hier sicherlich die Massenmedien mit ihren Talkshows, Lügendetektoren, Koch-Shows, Reality-Shows, Therapien vor Publikum, Expertenrunden, Super-Nannys und professionellen Selbstdarstellern, aber auch die Trends im Internet, die Gesichtsbücher, meine Plätze, Blogs, Zwitscherer usw. tun ja im Grunde nichts anderes, als Intimes global zur Schau zu stellen. Exhibitionisten überall. Macht ja auch Spaß, oder?
Im Modebegriff “Fremdschämen” finden sich die letzten Zuckungen des Respekts vor Intimität, bevor dieser aus unserer Kultur vollständig verschwindet.
Pornografisierung ist somit nur die konsequente Ausdehnung der Pornografie auf die gesamte moderne Gesellschaft und Kultur.
Kommen wir auf diesem Hintergrund auf die ursprüngliche Fragestellung zurück, ob Pornografie einen prägenden Einfluss auf die sexuelle Identität von Kindern und Jugendlichen haben kann, dann ahnen wir bereits, dass Pornografie einen Einfluss nicht nur auf Kinder und Jugendliche hat, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Dieser Einfluss ist subtiler und umfassender, als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Es sind die Gesetze des Marktes und der Vermarktung, die niemals zu beherrschen sind, die uns beherrschen, die hier, als Pornografie, im Bereich der menschlichen Sexualität und ihrer gesellschaftlichen Realität gelten und wirken.

(wird fortgesetzt)

* nicht jede pornografische Abbildung wirkt sexuell erregend, es kommt wohl stets auf die Vorlieben des Betrachters an.