Sonntag, 2. Januar 2022

 Wege zur Hingabe des Herzens

Das Elysium aus Leib und Seele singen

Annäherungen an das Phänomen
Diana Ankudinova (7. Teil)

 

Dianas stimmliche Brillanz, die Fähigkeit, mit Leichtigkeit das ganze Spektrum stimmlicher Ausdrucksmöglichkeiten zu bedienen, von den leisen bis zu den machtvollen, von den tiefsten bis zu den höchsten Tönen und darüber hinaus zu tänzeln, bildet zudem einen wesentlichen Teil ihrer künstlerischen Klaviatur ab.

Augenfällig auch die weibliche Süße, die sie dabei ausstrahlt. Sie bildet einen eindrucksvollen Kontrast zu der ungebremsten Kraft, die in ihrem Gesang ertönt, sobald sie im Contralto den ganzen Körper als Resonanzraum inklusive ihrer erotisierenden »Beckenstimme« nutzt. (Die hohe weibliche Stimme zeitigt die gegensätzliche Wirkung, die Kopfstimme mit ihren hohen Tonlagen ist weit weg vom Becken und wirkt eher asexuell.)

Diana Ankudinova kann sich emotional dem vorgetragenen Lied vollkommen hingeben. Dies wird sichtbar, nachdem sie den Elvis-Song zu Ende gesungen hat und enthusiastischer Beifall aufbraust: Sie wendet sich vom Publikum ab, wischt sich eine oder mehrere Tränen aus den Augen; mit einer konzentrierten Geste, wie sie Frauen zu eigen ist, die ihr Augen-Make-up möglichst wenig in Mitleidenschaft ziehen möchten. Sind die Tränen echt oder handelt es sich hier um eine effektheischende Geste? Da es noch weitere Aufnahmen von Auftritten Dianas gibt, in denen ihre Tränen deutlich zu erkennen sind, gehe ich davon aus, dass sie auch in diesem Fall authentisch sind. Für mich spricht vieles dafür, nicht zuletzt die Persönlichkeit, die in ihrer Körpersprache aufscheint, dass ihr emotionales Erleben zu bedeutenden Teilen ein Mitfühlen und Miterleben reflektiert.

Außergewöhnlich ist, dass von Tonlage und Körpersprache Becken und Herz miteinander verbunden wirken. Dazu entströmt eine schier unbegrenzte Intensität ihrem Herzen, sie »lebt« ihre Lieder authentisch. Genau das spiegelt sich auch in ihren außergewöhnlichen stimmlichen Potentialen, über die sie zweifelsfrei verfügt. Ich vertrete nicht wie viele Kommentatoren die Auffassung, dass allein die technischen Kapazitäten ihrer Stimmanatomie und ihre außergewöhnliche Gesangstechnik dafür verantwortlich sind, dass man als Zuschauer mit Fassungs- oder Sprachlosigkeit reagiert, sich hypnotisiert, in einem Trancezustand findet oder einfach verzaubert ist. Was hinzukommt, ist Dianas Ankudinovas umfängliche seelisch-emotionale Hingabe an die Lieder, die sie singt. Sie erlebt die Lieder, die sie präsentiert und geht dabei völlig im Hier und Jetzt auf. Wir haben hier also einen Menschen vor uns, bei dem Präsenz und Bühnenpräsenz miteinander verschmelzen.

Lassen wir Diana Ankudinova selbst zu Worte kommen. In einer Instagram-Live-Übertragung, die auf YouTube abrufbar ist, beantwortete sie Fragen ihrer Fans. Dabei wurde ihr auch dir Frage gestellt, ob sie sich während ihrer Auftritte in einer Art Trancezustand befände. Ihre Antwort:

»Wenn ich auftrete, verfalle ich … in eine Art Trance, das stimmt ... Das heißt, die ganze Zeit, während ich auf der Bühne stand, war ich in einer Art Trance, ich erinnere mich an nichts, was ich getan habe, ich erinnere mich nicht, wie ich aussah, ich weiß nicht mehr, wie ich mich bewegt habe … Das ist eine Art Zustand des maximalen Eintauchens in den Song. Ich habe es immer, um ehrlich zu sein. Das passiert mir immer. Manchmal, sogar oft, nach solchen Momenten ist es schwierig, wieder in einen normalen Zustand zurückzukehren, weil du einfach deine Energie ausgibst, die du in dir drin hast.« (   https://www.youtube.com/watch?v=N_VNgXWidRI Autoren der Untertitel (deutsche Übersetzung): Alexander Korilow und Rüdiger Kriegsmann, Frage bei 34:58)

Es sind die authentische Präsenz des Herzens und die Präsenz der Authentizität der Herzenergie, die Hingabe, die darin aufscheint und, da es sich meist um Lieder der Liebe handelt, die darin erlebten Leidenschaften und Emotionen, die eine Liebende erfassen. Sie spielt nicht, sondern sie drückt Emotionen aus, die sie in ihrer »alten« Seele schöpft und sie tut dies in einer ungehemmten, hingegebenen Weise. Sie drückt das aus, was in allen Menschen gleichermaßen vorhanden ist: die Gefühle wie Schmerz, Sehnsucht, Zorn, Leidenschaft, Verzweiflung, Liebe usw.

Kommentatoren benutzen oft den Begriff »it was so crazy«. Die Wahrheit ist, dass das, was sie erleben, eigentlich normal ist, denn die Art und Weise, wie unsere Kultur Gefühle kanalisiert und zurückhält, stellt das eigentlich Verrückte dar, das, was die Welt verrückt macht und verrückt hält. Diana und jede große Gesangskunst konfrontiert uns mit der Wahrheit und der Macht der Gefühle. Sie bieten die Chance, die Beziehung zu den Gefühlen neu zu justieren, sei es auch nur in diesem einen seligen Augenblick des Zuhörens. Sie lädt ein, ein Stück inneren Wahrheit und Wahrhaftigkeit wiederzuentdecken.

(Fortsetzung folgt)