Samstag, 12. Dezember 2015

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (44): Hingabe als seelisches und körperliches Phänomen


Als meines Wissens erster und einziger Sexualforscher betont Wilhelm Reich die körperlich-seelische Bedeutung von „Hingabe“ als eine Erfahrungsdimension, die nicht nur dem weiblichen, sondern auch dem männlichen Erleben des Orgasmus potentiell zu geordnet wird. Denn Reich betrachtet Hingabe als fundamentale ganzheitliche, also psychische und physische Erfahrungsdimension.

Hingabe im Psychischen umfasst nicht nur die o. a. Bewusstseinseintrübung, d. h. das vorübergehende Aussetzen der bewussten Denktätigkeit, sondern auch die Hingabe an die Gefühle von Liebe und Bindung, wie sie sich in der orgastischen Erfahrung zeigen können. Hingabe zeigt sich darüber hinaus in der Auflösung all jener Widerstände, die sich als Flucht in die Gedankenwelten der Vergangenheit oder Zukunft oder als zwanghafte Phantasietätigkeit enthüllen und in all diesen Fällen ein Ausweichen vor dem vollständigen Kontakt mit dem Partner und dem gelebten Augenblick der Liebe zu interpretieren sind.
Hingabe im Psychischen deutet auf das Loslassen all dessen, was Kontrolle und Selbstkontrolle im Seelenleben darstellt. Die Funktion des Orgasmus im seelischen Erleben erschließt so die Tiefen des menschlichen Seins jenseits der Kontrolle des Gehirns und seiner ständig tätigen Gedankenmaschinerie. 

Hingabe zeigt sich im Physischen als das Zulassen von unwillkürlichen klonischen Zuckungen, Spontanbewegungen des Körpers und kulminiert vor allem im Phänomen des später von Reich entdeckten und erforschten Orgasmusreflexes.

Bekanntlich war Reich wissenschaftshistorisch der Urvater und Pionier all jener Körpertherapien, die einer unmittelbaren funktionellen Identität von Körperlichem und Seelischem basieren und heute den Großteil dessen ausmachen, was als „Körperpsychotherapie“ firmiert.
Im Verlaufe dieser Forschungen, die Reich in den 30-er und 40-er Jahren des letzten Jahrhunderts unternahm, traf er in den Endphasen seiner Therapien, die er als Vegetotherapie oder später als Orgontherapie bezeichnete, auf ein Phänomen, das als ein spontaner biologischer Reflex von seelischer Hingabe ihren Ausdruck fand. Dieser Orgasmusreflex lässt sich als eine wellenförmige lustvolle Ausdrucksbewegung von Hingabe beschreiben, in dem sich die Körperpolaritäten Kopf und Becken wellenartig einander annähern und wieder entfernen.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 9. Dezember 2015

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (43): Orgasmus als Matrix eines ganzheitliches Erlebens




Die Vorstellung, dass das genitale Erleben nicht getrennt werden kann vom seelischen Erleben, klingt nicht so exotisch. Dass man die sexuelle Liebe nicht so einfach vom seelischen Erleben trennen kann, haben wir geahnt, ebenso, dass diejenigen, die dies mit scheinbarer Leichtigkeit vollziehen können, in der Regel Bindungsängste oder Bindungsstörungen aufweisen könnten.

Die Vorstellung, dass der Orgasmus selbst viel mehr ist als die die triebhafte Entladung genitaler Lust, klingt schon eigenartiger. „Bewusstseinseintrübung“, „unwillkürliche klonische Zuckungen“, „Hingabehaltung“, das sind Zuordnungen Reichs, die auf einen bio-energetischen Vorgang verweisen, der weit über den Bereich des Genitalen hinausgehen.

Reich erwies sich häufig als genauer Beobachter von Naturvorgängen. Der Begriff „Bewusstseinseintrübung“ beschreibt, dass die Kontrolle des Gehirns und der Gedankenmaschinerie im Augenblick des Orgasmus gelockert oder weitgehend aufgehoben sein kann und dass dieses Phänomen ein Hinweis auf ein tendenziell ganzheitliches orgastisches Erleben sein kann. Damit nähert sich Reich der Vorstellungswelt des indischen Tantra, das ja die sexuelle Liebe ganz allgemein als einen Weg zur Begegnung mit dem Göttlichen, Kosmischen, mit der spirituellen Wahrheit in sich selbst und dem Sexualpartner definiert hat.

Ohne über Tantra und die spirituellen Traditionen des Ostens genauere Kenntnisse zu haben, näherte sich Reichs Phänomenologie der „Funktion des Orgasmus“ einem metaphysischen Verständnis, ohne jemals die Basis eines materialistisch-biologischen Grundverständnisses jemals explizit zu verlassen.

Denn was ist „Bewusstseinseintrübung“ anderes als jener selige Augenblick von Stille und Frieden, von Einssein mit dem göttlichen Augenblick und der Schöpfung an sich? Was anders als jene Erfahrungsdimension, die in zahllosen spirituellen Traditionen erlebt und beschrieben wurden? Was ist „Bewusstseinseintrübung“ anders als jener seltene Augenblick, in dem die Maschinerie des zwanghaften Denkens zu Ruhe und Frieden findet? Jener Moment, in dem der Verstand seine Kontrolle aufgibt und sich der machtvollen Wirklichkeit unserer biologisch-seelischen Natur hingibt.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 7. Dezember 2015

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (42): Die sexuelle Störung als Normalität



Reich sah einen direkten Zusammenhang zwischen der sexuellen und seelischen Störung, zwischen Sexualität und Neurose.

Diese These machte ihn nicht gerade beliebt unter den Analytiker-Kollegen der damaligen Zeit. Selbst Freud betrachtete Reichs Annahme von der sexuellen Störung als Energiequelle der Neurose mit größter Skepsis, wohl fürchtend das Renommee seiner gerade am Beginn der gesellschaftlichen Akzeptanz stehenden Psychoanalyse.

Auch heute noch dürfte es eine unangenehme Erkenntnis sein, dass nahezu alle Menschen, Männer wie Frauen an sexuellen Funktionsstörungen leiden. Denn die Ubiquität sexueller Pathologie betrifft letztlich jeden, auch mich als Autor dieser Zeilen und Sie als deren Leser. Keine angenehme Vorstellung, oder?

Wahrscheinlich ist eine Vorstellung erträglicher, dass es hier und da Menschen gibt, die sexuell „irgendwie“ nicht klar kommen, vielleicht ist es sogar vertretbar, dass man die eigene Beschränkung in der Sexualität wahrzunehmen und für sich zu akzeptieren bereit ist. Dass es jedoch kaum jemanden geben soll, der ohne jede Störung oder Reaktionsbildung sexuell funktioniert, das ist eine erschreckende These.

Wo bleiben da all die Helden, Idole, Vorbilder, Gurus? Wo bleibt das Heroische, Vorbildhafte, Prominente, das wir bewundern und beneiden im Anderen oder zumindest dort vermuten?
Was bleibt von einem Glücksversprechen, das überall suggeriert und offenbar nirgendwo eingelöst wird?

Was würde all das das über unser Leben, unsere Kultur sagen, wenn in der überwiegenden Anzahl der Betten das nackte Elend und nicht das erfüllende Glück und die grenzenlose Ekstase vorherrschen?

Einer Kultur, die sich präsentiert, als kenne sie keinerlei sexuelle Tabus, einer Kultur,  die sich darin spreizt, die Sexualisierung sämtlicher Lebensbereiche als probates Mittel der Geschäftsmaximierung zu betreiben: „Sex sells“: In Gestalt einer Ästhetik, in der perfekte nackte Körper oder deren Fragmente auf eine prägenitale endlose Vorlust, aber nicht auf eine genitale endliche Lust verweisen.

(Fortsetzung folgt)