Samstag, 12. März 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (75): Einstimmung und Übertragung



Wir haben als Erstes gesehen, dass Menschen, die sich in einem gleichen energetischen und bio-emotionalen Niveau befinden, aufeinander „eingestimmt“ sind, d. h. in Verbindung, in Kontakt stehen.

Der zweite Punkt, der in Verbindung mit einer energetischen „Einstimmung“ beobachtet werden kann, ist, dass der Austausch von Informationen, insbesondere derjenige von Gefühlen und anderen seelischen Inhalten, weitaus intensiver und deutlicher stattfindet, als ohne Einstimmung. Dies ist von Bedeutung insbesondere für alle therapeutischen Prozesse. 
 
Betrachten wir diese Informationsflüsse im Einzelnen:

Da ist zunächst der Informationsfluss von Klienten zum Therapeuten. Herausragend ist hier der Begriff der Übertragung.

Übertragung kann als das Herzstück der psychotherapeutischen Technik der Psychoanalyse angesehen werden und ist dementsprechend umfänglich erforscht und beschrieben worden. An dieser Stelle soll es ausreichen, nur diejenigen Aspekte der Übertragung zu erörtern, die in Zusammenhang mit dem Einstimmungsphänomen in anderem Licht erscheinen.

Die Psychoanalyse und ihre Ableger unterscheiden traditionell zwischen der sog. „positiven“ und „negativen“ Übertragung. Hierunter subsummiert man die all jene Gefühle und Empfindungen, die der Klient aus den Prägungen seiner Vergangenheit auf den Therapeuten überträgt. Diese können sowohl positive, idealisierende, sehnsuchts- und liebevolle Gefühle darstellen, aber auch misstrauische, kritische oder aggressiv-destruktive.

Etwas sarkastisch könnte man sagen, dass die „positiven Übertragungen“ dem Psychotherapeuten und seiner Arbeit nützen und diese voranbringen, die „negativen Übertragungen“ beide behindern, ausbremsen oder sogar verunmöglichen.

Vertrackter wird dieses Modell dadurch, dass es nach der psychoanalytischen Theorie durchaus sein kann, dass hinter der positiven Übertragung eine latente negative Übertragung verborgen ist, die negative Übertragung durch eine positive kaschiert ist und der therapeutische Prozess stagniert.

Wilhelm Reich war meines Wissens der erste Psychoanalytiker, der diese Gefahr beobachtete und theoretisch (in seinem berühmten Buch Charakteranalyse) herausgearbeitet hat.

Deshalb begann Reich seine analytischen und später seine orgontherapeutischen Sitzungen häufig mit der Herausarbeitung negativer Übertragungsanteile seiner Klienten, die er z. B. fragte: „Was denken Sie über mich? Was haben Sie über den verrückten Professor gehört in ihrem Umfeld? Was sind Ihre Vorbehalte meiner Arbeit gegenüber? Was sagt Ihr Misstrauen gegen mich?“

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 9. März 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (74): Das Phänomen Einstimmung


Was dir jetzt dunkel erscheint,
wirst du mit glühendem Herzen erhellen
(Rainer Maria Rilke)

Einstimmung ist eines jener geheimnisvollen Phänomene, die im Kontakt zwischen Menschen auftreten, ohne dass es den Beteiligten immer bewusst ist, was da eigentlich geschieht oder nicht geschieht. Gleichzeitig ist die Einstimmung ein wertvolles Element im transformativen Prozess, denn es greift auf archaische Wirkkräfte zurück, die tief in unserem Körper-Seele-System verankert sind.

Mit Einstimmung bezeichne ich die Dualität einer energetischen Verbindung und eines gleichzeitigen Austausches von Informationen auf Grundlage dieser Verbindung. Was bedeutet das im Einzelnen?

Nehmen wir eine Situation, die jeder kennen dürfte: A kommt hochgradig aufgeregt, erregt, von einem stressigen Arbeitstag nach Hause, wo B hingegen ihn wartet. B befindet sich in einer anderen, nämlich eher ruhigen, entspannten Stimmung. Betrachten wir beide von einem rein energetischen Standpunkt, wird erkennbar, dass sich  jeder auf einem anderen organismischen und emotionalen Erregungsniveau befindet. Was passiert bzw. kann passieren?
  1.  A kommt energetisch runter, beruhigt sich, stimmt sich in die ruhige, entspannte Stimmung von B ein.
  2. B erregt sich ebenfalls, wird ebenso aufgeregt wie A, so dass sich beide auf einem hohen, aber gleichen Energieniveau  wiederfinden.
  3. A und B verharren jeweils auf dem gleichen Energieniveau, auf dem sie sich vorher befanden.
In welchen der 3 Konstellationen entsteht nach Ihren Erfahrungen energetischer Kontakt, in welcher keiner?

Antwort: Die ersten beiden Konstellationen machen es sehr wahrscheinlich, dass beide Personen miteinander in Kontakt treten, d. h. zusammen schwingen wie zwei Tänzer, die einen gemeinsamen Rhythmus finden (was nicht unbedingt bedeuten muss, dass sie sich in Variante 1 genau zuhören).

In der 3. Variante ist das eher nicht zu erwarten, weil jeder in seinem eigenen energetischen Status verharrt, deshalb keine Verbindung entsteht und das sich „Hineinversetzen in den Anderen“ deshalb sich eher schwierig gestalten dürfte.

Das erste, was wir also feststellen können ist, dass ein gleiches Energieniveau, ein gleicher organismisch-emotionaler Zustand die Verbindung zwischen Menschen erleichtert, weil es ermöglicht, sich mit dem anderen Menschen verbunden zu fühlen in seinem energetisch-emotionalen Zustand. Dies ist der erste Aspekt dessen, was wir hier als Einstimmung bezeichnen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 6. März 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (73): Des Pudels Kern

Wir haben es also in dieser Fallvignette mit drei Beziehungsmustern zu tun, die eine Schnittmenge der Persönlichkeit bilden: Die Beziehung zu sich selbst, die Beziehung zu anderen Menschen und die Übertragungsbeziehung im transformatorischen Prozess.

Das in der Übertragungsbeziehung und in der Gegenübertragung erkennbare Muster, welches in diesem Fall das eines grundlegenden Misstrauens repräsentierte, wies den Weg auf die entsprechenden psychischen Muster in der Selbstbeziehung und den Objektbeziehungen.

Es muss allerdings angemerkt werden, dass die Sichtbarkeit dieses funktionalen Parallelismus nicht immer so offensichtlich auf den Hand liegt wie in dem vorgestellten Fall. Oft bleibt das seelische Grundmotiv, mit der ein Mensch sich selbst und der Welt begegnet, verborgen unter einer Oberfläche von Symptomen und Verhaltensmustern, die das Wesentliche verbergen.

Deshalb bieten die Gegenübertragungsinformationen, also die Empfindungen und Gefühle, die beim Therapeuten in der Begegnung zum Anklang gebracht werden und die insbesondere in der ersten Begegnung typischerweise mit Deutlichkeit hervortreten, wichtige Hinweise auf dieses Grundmotiv.
Ja, man könnte sagen, dass bei entsprechender Achtsamkeit und Bewusstheit die gesamte Geschichte eines Menschen in seiner Biografie und die Geschichte seines kommenden Transformationsprozesses wie ein offenes Buch vor uns liegen.
  
Eine Wahrnehmung, die von Achtsamkeit und der Bewusstheit eines offenen Herzen bestimmt ist, wird in vielen Fällen zeigen können, dass dieses Grundmotiv jeder Persönlichkeit in der Regel die Art und Weise ist, in der ein Mensch gelernt hat, sein Herz zu schützen. Der orale Charakter hat hier z. B. völlig andere Persönlichkeitsmuster vorzuweisen als der hysterische, die analen Charaktere wiederum andere als die phallischen usw.

Ich behaupte, dass hier der Kern jeder Persönlichkeitsbildung gefunden werden kann. Es wird entsprechenden Ausführungen an anderer Stelle vorbehalten sein, diesen Zusammenhang aufzuzeigen.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 4. März 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (72): Ein Leben in Misstrauen

Die folgende Fallvignette illustriert anschaulich das Zusammenspiel von Selbstbeziehung, Objektbeziehung und Übertragungsbeziehung:

Bei Frau D. fiel bereits im Erstinterview ihr offen zutage tretendes Misstrauen auf. Ihre Fragen, ihre Mimik und Körpersprache brachten deutliche Hinweise, dass sie von starkem Misstrauen meiner Person und all meinem Tun gegenüber geprägt war, obwohl sie mir zum ersten Mal begegnete.

Die Lebens- und Familiengeschichte, die sie schilderte, war von Kontrollwahn, narzisstischem Missbrauch und emotionaler Kälte geprägt, die in ihrer Herkunftsfamilie vorherrschte und die Beziehungen der 4 Geschwister mit ihren Eltern prägte.

Beim Erstgespräch zählte sie 41 Jahre, wirkte erschöpft und verlangsamt in ihren Bewegungen, nur die Augen und die Mimik zeigten Ansätze von Lebendigkeit. Sie beschrieb sich als Opfer der falschen Männer in ihren wenigen kurzen Beziehungen und war seit fast 10 Jahren beziehungslos. Sie litt an Depressionen und Ängsten und zeigte energetisch Ansätze tiefer Verzweiflung, die sie allerdings nicht wahrhaben wollte. Es gab keine Freundschaften in ihrem Leben, sondern nur mehrere Katzen, mit denen sie zusammen lebte.

Ich konnte mir gut vorstellen, dass das Misstrauen, das sie anderen Menschen entgegenbrachte, diese schnell auf Distanz zu ihr gehen ließ. Entsprechende Gegenübertragungen waren deutlich spürbar, es gab einen Anklang von Kälte und Unwohlsein in ihrer Gegenwart.

Meine Frage, was sie denn selbst von sich halte, brachte die Abgründe ihres Misstrauens in all ihrer zerstörerischen Wirkung  zum Vorschein. „Ich traue mir selbst und meinen Gefühlen nie, deshalb kann ich auch keinem anderen vertrauen. Ich werde eh immer wieder betrogen und im Stich gelassen.“

In der ersten Phase der Arbeit mit Frau D. wurde sie zu Beginn jeder Stunde dazu aufgefordert, ihr Misstrauen bezogen auf meine Person und die seinsorientierte Körpertherapie in aller Ausführlichkeit darzustellen. Sie lernte, dieses Misstrauen mir gegenüber in Beziehung zu den Störungen in ihrer Selbstbeziehung zu setzen.

Ihr Misstrauen und die damit verbundene Selbstbeziehungsstörung erhielten so besondere Aufmerksamkeit. Frau D. konnte allmählich die für sie neue Erfahrung machen, dass sie trotz ihres Misstrauens nicht verlassen wurde. Diese Erfahrung schuf eine erste Basis positiver Übertragung,  stärkte das Arbeitsbündnis und begründete so die ersten Schritte zu ihren veränderten Selbst- und Objektsbeziehungen.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 2. März 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (71): Selbstbeziehung, Objektbeziehung und Persönlichkeit


Wir können den Charakter oder die Persönlichkeit eines Menschen als die Summe der stereotypen, sich stets wiederholenden Verhaltensmuster überall dort erkennen, wo Kontakt- und Beziehungsfähigkeit in Objektbeziehungen angesprochen werden. Hier finden sich die typischen Wiederholungszwänge und Muster, deren Ursprung typischerweise in der Selbstbeziehung der Persönlichkeit zu finden ist.

Eine genaue Beobachtung legt es nahe, Funktionen und Einflüssen dieser Selbstbeziehungsmuster bis in feinste Verästelungen der Biografie der Seele zu folgen. Was ist das Selbstbild des Menschen? Welche Geschichte, die ja in der Regel eine Opfergeschichte ist, begründet sein Selbstbild? Wie realistisch ist dieses Selbstbild? In welchen Lebenszusammenhängen kollidieren Selbstbild und (Beziehungs-)realität? Kann ein Mensch dem Ausdruck seines Herzens Raum geben oder lieben (z. B. eine Mutter kann dies gegenüber ihrem Kind, aber nicht – mehr – einem Mann geben) und in welchen Lebensbereichen ist die Liebesfähigkeit blockiert?

Die prägenden Beziehungsmuster der Herkunftsfamilie inszenieren sich also in der Selbstbeziehung und den Objektbeziehungen. Auf einer tieferen Ebene ist insbesondere die energetische Verbindung der Herzcode-Information (HCI) mit den körperlichen und seelischen Subsystemen von Bedeutung.
Diese und andere Fragen enthalten wichtige diagnostische Kriterien für die transformatorische Arbeit.

Um den Bereich der Diagnostik zu vervollständigen, sollte ein weiterer, sehr wesentlicher  Bereich nicht unerwähnt bleiben, nämlich das Übertragungsmodell der seinsorientierten Körpertherapie.

Allgemein gesagt spiegelt sich das, was die Persönlichkeit des Menschen in seiner Selbstbeziehung abbildet, in der Übertragungsdynamik in auffälliger Weise wider. Was der Klient in der Beziehung zu seinem Herzen an Persönlichkeitsmustern entwickelt hat, bildet die Matrix derjenigen Übertragungen, die den Prozess seiner Transformation begleiten. Die Bejahungs- und Verleugnungsanteile gegenüber der Stimme des Herzens bilden die Basis der positiven und negativen Übertragungsanteile. Deshalb ist ein wichtiges Element des seinsorientieren Transformationsmodells die Charakter- und Persönlichkeitsanalyse. Diese basiert also auf der funktionellen Identität von Selbstbeziehung und Objektbeziehung, von Selbstbeziehung und Übertragungsbeziehung und von Objektbeziehung und Übertragungsbeziehung. Das, was sich also in den Kontaktstörungen innerhalb der Selbstbeziehung manifestiert, wird in ähnlicher Weise in  Objektbeziehung und in der Übertragungsbeziehung zutage treten.

Die folgende Fallvignette soll diese Zusammenhänge illustrieren:

(Fortsetzung folgt)