Sonntag, 26. Dezember 2021

Wege zur Hingabe des Herzens

Das Elysium aus Leib und Seele singen

Annäherungen an das Phänomen
Diana Ankudinova (5. Teil)

 


Betrachten wir die Stimme eines Gesangskünstlers, so spielen Kriterien wie Klarheit, das Element des Raumfüllenden, der Präsenz und nicht zuletzt der emotionalen Qualität eine besondere Rolle bei dem, was sich aus dem geöffneten Mund nach außen bewegt. Gesangsterminologisch und topisch möchte ich das energetische Fenster »Mund« unter dem Begriff »Kopfstimme« zusammenfassen. Kommt das, was der Künstler ausdrückt, aus dem Herzen, erlebt er das mit, was er in seinem Lied erzählt? Das gilt für alles, was wir über unsere Stimme kommunizieren: Nur das, was mich selbst bewegt, vermag auch den anderen zu bewegen.

Die Genitalien als Kontaktorgan werden als »Ausdrucks-Fenster« der Herzenergie in unserer Kultur verzerrt oder abgespalten wahrgenommen (Nur eine Anmerkung dazu: Die Termini »Liebe machen« oder »Liebesakt« illustrieren diese Verzerrung anschaulich. Sie verweisen einerseits auf die einseitige sexuell-genitale Konnotation von Liebe und andererseits auf die Ebene einer vom Kopf gesteuerten Tätigkeit im Gegensatz zum Lieben als Hingabe und Seinserfahrung). Das betrifft auch die Nicht-Wahrnehmung des Beckens als energetisches Zentrum und als Resonanzkörper. Wenn wir uns den menschlichen Körper als Resonanzraum vorstellen, dann lassen sich die hohen Töne dem Kopf (»Kopfstimme«), die mittleren Tönen dem Brustbereich (»Bruststimme«) und die tiefen Töne dem Becken zuordnen (»Beckenstimme«).

»Beckenstimme«? Googelt man danach, findet man – von einer Ausnahme abgesehen – ausschließlich Hinweise zum Schlaginstrument »Becken«. Diesen Sonderfall repräsentiert Iris Hammermeister, eine Gesangslehrerin, die gleichzeitig über einen trauma- und systemtherapeutischen Hintergrund verfügt und einen eigenen Ansatz zur »Befreiung der Stimme« verfolgt. Sie stellt fest:

»Meine Erfahrung ist, dass alle Veränderungen, die im Stimmapparat geschehen, auch parallel im unteren Beckenboden passieren oder umgekehrt. So kann man von parallelen Organen sprechen, wie beispielsweise Mund und Muttermund, Mundraum und Gebärmutter, Innenohr und Eierstock, Stimmlippen und Schamlippen, Kehlkopf und Vagina,…Es ist kein Zufall, dass es diese Verbindung zwischen dem Kehlkopf und dem unteren Beckenboden gibt. Diese Verbindung besteht auch bei Männern in einer anderen Art. Das bedeutet, dass die Stimme mit unserem Ursprung, mit unserem göttlichen Funken, mit unserer Lebensenergie, mit unserem Schöpfungsraum verbunden ist. Es ist auch kein Zufall, dass das weibliche Geschlechtsorgan so viele Parallelen zum Stimmapparat aufweist und das kollektive verletzte Weibliche im Schoßraum der Frauen verborgen liegt. Ich habe mich viel mit der Mutterwunde auseinandergesetzt und bin zum Ergebnis gekommen, dass das Singen mütterlich ist, was uns wieder mit dem Gottesweiblichen verbindet, denn der Klang ist weiblich und der Ursprung des Universums.« (Quelle und weitere Informationen: www.irishammermeister.de)

Das sind Erkenntnisse, welche die Faszination verstehen helfen, die von einer weiblichen Stimme ausgehen kann, die tief aus dem Becken kommt, sich im Gesang spiegelt. Auf das männliche Unbewusste dürfte mit dieser Tonlage eine urtümliche (mütterlich-archaische und gottesweiblich-archaische) und erotisch-archaische Wirkung einhergehen.

Eine Besonderheit der Stimme von Diana Ankudinova besteht darin, dass sie das gesamte Spektrum, von der tiefen Beckenstimme bis zur Kopfstimme beherrscht. Ihre Beckenstimme repräsentiert den kraftvollsten und intensivsten Anteil, eine für Frauen seltene Tonlage (»Contralto«).

Halten wir fest: Bei musikalischen Gesangsdarbietungen, die emotional ergreifen, spielt der freie Energiefluss durch die Augen, Mund, Armen und Becken eine entscheidende Rolle. Die Intensität dessen, wie präsent und frei sich energetische Lebendigkeit zeigt, verdient besondere Aufmerksamkeit. Die Quelle der Energie, die durch die Kanäle fließt und sich über die energetischen »Fenster« mit einem anderen Organismus verbindet, liegt im Herzen.

Die Hingabe an und der Ausdruck der dem Herzen entströmenden Energie erzeugt jene Präsenz, die ich als organismische Wahrheit von Liebe bezeichne, also jenen Selbstanteil, der im Grund unserer der Seele verborgen ist und berührt werden will. Die authentische Präsenz der Herzenergie, die in einem Menschen aufscheint, resoniert mit einem oder mehreren anderen Herzen. Präsenz erwächst aus der Hingabe an die Wahrheit des Herzens (»Hand auf’s Herz«).

(Fortsetzung folgt)

 

Mittwoch, 22. Dezember 2021

 

Wege zur Hingabe des Herzens

Das Elysium aus Leib und Seele singen

Annäherungen an das Phänomen
Diana Ankudinova (4. Teil)

 


 
 Bei diesem Strom der Herzenergie handelt sich um den Energiefluss, der sich in jeder zärtlichen Berührung ausdrückt, z. B. innerhalb der Mutter-Kind-Beziehung oder in der Umarmung zweier Liebender. Bei einem Gesangsauftritt, sei er live oder Aufzeichnung, gilt er nicht einer Person, sondern strahlt, einem unsichtbaren Licht vergleichbar, in den Raum auf das Publikum. Dem Tenor Luciano Pavarotti wurde von vielen, die ihn live erlebten, kolportiert, dass der Zuschauer den Eindruck hatte, er sänge nur für ihn. Was in meinen Augen ein deutlicher Hinweis auf die Intensität des Herzkontaktes, den Pavarotti während seiner Auftritte herzustellen in der Lage war.

Die Hände repräsentierten das zentrale Organ der Berührung und des direkten Kontakts mit unserer Umwelt. Mithilfe unserer Hände »begreifen« wir die Welt, mithilfe des Mundes verleiben wir sie uns ein, was sich anschaulich im Babyalter beobachten lässt. In den späteren Entwicklungsphasen trennen sich diese Funktionen, der Akt des »Begreifens« verlagert sich auf die abstrakte Ebene der Verstandesfunktionen. Verbindet sich der Fluss des Herzens mit der Berührung eines anderen Menschen, in der liebevollen Berührung zwischen Mutter und Kind oder der Berührung von Liebenden, dann nähert sich der Erwachsene wieder dieser frühkindlichen Berührungsqualität, in dem Herz, Mund und Berührung zur Einheit zurückfinden. Die Resonanz des im Brustkorb schwingenden Lebendigkeit, die sich von hier stimmlich ausdrückt, spielt gerade in Liebesliedern eine entscheidende Rolle und kann dem sog. »Brustregister« oder »Bruststimme« zugeordnet werden.

Der erste, fundamentale Energiefluss führt also vom Herzen durch die Arme bis in die Hände und Fingerspitzen und darüber hinaus, ist körpersprachlich mit der Geste eines sich Öffnens, des Ausgreifens, des »Hin-zur-Welt« assoziiert.

Auf dem Hintergrund der seinsorientierten Körpererfahrung lässt sich dieses Modell erweitern und spezifizieren. Es existieren 4 »Kontaktorgane«, ich bezeichne sie auch gern metaphorisch als »energetische Fenster«, mithilfe derer ein Mensch in bio-emotionalen Kontakt mit einem anderen Organismus treten kann: Augen, Mund, Hände und Genitalien. Für alle 4 gilt, dass sie mit dem energetischen Zentrum, dem Sitz der Seele, dem menschlichen Herzen mehr oder weniger spürbar oder sogar bewusst verbunden sind. Das bedeutet, es existieren substanzielle bio-emotionale Verbindungen zwischen dem Herzen und den Augen, zwischen dem Herzen und den Händen, zwischen dem Herzen und dem Mund und zwischen dem Herzen und den Genitalien.

Bei allen handelt es sich um energetische Zentren, erogen, erregbar, vital. Gleichzeitig bilden sie authentisch den inneren Gefühlszustand eines Menschen ab. Betrachten wir diese Funktionen im Einzelnen.

Die Augen stellen bekanntlich den »Spiegel der Seele« dar, der »augenblickliche« oder chronische Gefühlszustand (Im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung kann sich eine bestimmte bio-emotionale Ausdrucksbewegung chronifizieren. Zum Beispiel findet sich in hysteroiden Persönlichkeitsstrukturen ein chronischer Ausdruck von Sehnsucht in den Augen, welche der betreffenden Person nicht bewusst ist, aber von anderen Menschen als erotische Botschaft missinterpretiert werden kann. Manche chronisch-unbewusste körpersprachliche Botschaft zieht kommunikative Missverständnisse nach sich, nicht nur in den Augen, z. B. chronische Angst oder chronische Wut, die sich in den Augen abbildet) lässt sich ebenso leicht in den Augen ablesen, wie generell der Erregungszustand eines Menschen. Im Grunde lässt sich jedes Gefühl in den Augen erkennen. Die Varianzbreite des Augenausdrucks steht in Abhängigkeit von der bio-emotionalen Vitalität eines Menschen und findet sich typischerweise bei Kindern am deutlichsten ausgeprägt. Das »Strahlen« der Augen zeigt sich bei Kindern und später bei Liebenden in seiner ganzen Intensität und Lebendigkeit.

Auch der Mund sendet ein weites Spektrum von bio-emotionalen Signalen aus: Zusammengepresste Lippen zeigen Zurückhaltung, zusammengebissene Zähne zurückgehaltene Wut, die nach unten gezogene Unterlippe vermittelt Distanz, geöffnete Lippen, über die die Zunge streichen, vermitteln erotische Signale, ein Zittern und Zucken emotionale Erregung usw. Das Küssen, die Überlagerung der Münder zweier Liebender, gilt als Geste von Zuneigung und Liebe. Es repräsentiert den substanziellen Energiefluss vom Herzen zum Mund.

Hinzu tritt das weite Spektrum bio-emotionaler Ausdrucksbewegungen der menschlichen Stimme, die über den Mund den Weg in die Außenwelt findet. Sprache und Gesang repräsentieren ein einzigartiges individuelles Abbild der Persönlichkeit. Wie es Milliarden von Menschen auf dieser Welt gibt, so existieren Milliarden unterschiedlicher Stimmen auf diesem Planeten. Jede dieser Stimmen ist einzigartig.

Über das energetische Fenster des Munds tritt die Stimme mit der Lebensumwelt und der sozialen Welt in Kontakt. Ist die Stimme deutlich und klar? Oder klingt sie undeutlich nuschelnd, als ob derjenige, der spricht, nicht so richtig von dem, was er sagt (oder möglicherweise auch von sich selbst) überzeugt ist? Zeigt sich emotionale Präsenz, ein Beteiligtsein in der Stimme, die durch den Mund in die Außenwelt dringt, oder wirkt sie gefühllos und mechanisch? Ist sie voller Zugewandtheit und Mitgefühl oder verführerisch, abgegrenzt und kühl?
 
(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 15. Dezember 2021

Wege zur Hingabe des Herzens

Das Elysium aus Leib und Seele singen

Annäherungen an das Phänomen
Diana Ankudinova (3. Teil)

 

 

Eine andere Frage, die sich mir stellte: Ließ sich jeder Mensch davon berühren, gab es individuelle Unterschiede? Konnte jemand gänzlich unberührt, emotional und vegetativ, bleiben?

Die zweite Frage ließ sich leicht und schnell beantworten. Sie war direkt aus dem Spektrum der »reaction video«-Protagonisten abzuleiten: Es gab eine Minderheit, die cool und nüchtern-analytisch ihre Kommentare zur Gesangstechnik, Komposition und Choreographie abgaben, dabei keinerlei emotionale Reaktion zeigten. Wobei ich den Eindruck gewann, dass ihre distanzierte Haltung mit ihrer Persönlichkeitsstruktur zusammenhing. Ähnliche Wirkungen beobachtete ich bei Personen aus meinem sozialen Umfeld, die ich bat, sich ein Video von Diana Ankudinova anzuschauen. Diejenigen unter ihnen, die ich als rational-analytisch kenne, reagierten kritisch, monierten z. B. das übertriebene »Pathos« ihres Gesangsstils.

Schwieriger zu beantworten blieb die Frage nach dem Zusammenwirken von Musik und vegetativer Reaktion. Welcher Vorgang löste Tränen tiefer Berührung, Fassungslosigkeit, Trance und Gänsehaut aus? Was geschah bio-energetisch und bio-emotional (Der Terminus rekurriert auf das Modell einer in Körper und Seele wirkenden Lebensenergie, die eng mit dem menschlichen Gefühlsleben verknüpft ist), in den Interaktionen zwischen Zuschauer und Künstler? Was wirkte in der Videokonserve eines Live-Auftritts? Gab es etwas, was Künstler wie Diana Ankudinova oder Luciano Pavarotti von anderen unterschied, die durch ihren Gesang weniger intensive oder keine bio-emotionalen Reaktionen auslösten?

Die Fenster der Herzenergie

Eine typische Geste, die sich durch alle Liebeslieder zieht, die sind die geöffneten, in den Raum greifenden oder ausgebreiteten Arme. Arme und Hände zeigen nicht Habachtstellung, Abwehr oder Schutzbedürfnis, sondern greifen hinein in den Raum, die Handflächen geöffnet. Sie stellen körpersprachlich eine Botschaft des »Sich-Öffnens« dar.

Für die gegensätzliche Geste dieser in den Raum greifenden, offenen Arme und Hände stehen vor der Brust verschränkte Arme, zur Faust geballten Hände. Könnte man in solcher Körperhaltung ein Liebeslied präsentieren? Das wäre unglaubwürdig, unpassend. Probieren Sie es selbst aus: Ballen Sie einmal Ihre Fäuste und verschränken dabei Ihre Hände vor der Brust. Dabei sprechen Sie die romantischsten Liebesworte aus, die Sie sich vorstellen können. Fühlt sich das glaubwürdig an?

Dies gilt auch, wenn die Sängerin das Mikrophon in der linken Hand hält, wie dies bei Diana Ankudinova häufig der Fall ist (was mit dem Wettbewerbsrahmen oder den technischen Vorgaben der Vorführung in Zusammenhang stehen dürfte). In diesen Fällen orientiere ich mich an der Körpersprache, die sich in dem Arm ausdrückt, der sich frei bewegt.

Für den Tenor Luciano Pavarotti waren die bewegten, nach außen ausgebreiteten Arme nicht nur während des Gesangvortrags markant. Er war berühmt für seine weit geöffneten Arme am Ende seines Vortrags, während er ein weißes Tuch in der Hand hielt und sich dabei strahlend dem Applaus hingab. (Bei der Recherche zu diesem Artikel stieß ich übrigens auf die Tatsache, dass er, was die Dauer des Beifalls angeht, 1988 einen Weltrekord einstellte, indem Pavarotti erst nach sage und schreibe 154 Vorhängen und 67 Minuten (!) ununterbrochenem Applaus die Bühne verließ. Auch ein bemerkenswertes Beispiel dafür, welche Verzückung ein Gesangskünstler auslösen kann.)

Was öffnet sich hier, was ist die Quelle dieser Ausdrucksbewegung von des »Sich-Öffnens«? Es ist der Energiefluss und die Hingabe des Herzens, die sich in der Ausdrucksbewegung der Arme, der Augen und des Mundes abbilden. Sie repräsentieren den Strom der Herzenergie zur Peripherie und über die Körpergrenzen hinaus in den Raum. Dieser fundamentale Energiefluss begegnet und berührt andere Menschen, deren eigenes Herz, das resoniert und sich verbindet.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 8. Dezember 2021

Wege zur Hingabe des Herzens

Das Elysium aus Leib und Seele singen

Annäherungen an das Phänomen
Diana Ankudinova (2. Teil)


Die Botschaft, welche die Interpretation von Diana Ankudinova ausdrückt, adressiert an die bedingungslose Hingabe an die Liebe. Eine Hingabe, in der keinerlei Ambivalenz, keine Zweifel, keine Haltegriffe und auch keine »Fallangst« bestehen bleiben. Eine Hingabe, die all dies hinweggefegt in ungehemmter, machtvoller Ausdrucksbewegung, die in Gesang, Körpersprache und Gestik, in ihrer ganzen Präsenz und unerschöpflichen Kraft aufscheinen. Im Grunde handelt es sich um den ganzheitlichen, ungebremsten und vollständigen Selbstausdruck im Hier und Jetzt der Präsentation, Hingabe an die eigenen Potentiale und Ressourcen aus den Tiefenschichten der Persönlichkeit.

Ich wollte mehr darüber erfahren, verstehen, wann und wie Gesangskunst derartig intensive Gefühlsreaktionen auslösen kann.

Hinweise fanden sich gleich »nebenan«, bei Youtube nämlich. Hier gibt es nicht nur Aufzeichnungen von Dianas Auftritten, sondern auch Hunderte von sogenannten »Reaction-Videos«. Hierbei handelt es sich um Videoclips, in denen eine musikalische Darbietung mimisch und verbal von einem oder mehreren Zuschauern begleitet und kommentiert wird. Die Kommentatoren präsentieren sich entweder als Fachleute, als Gesangslehrer, Opernsängerin, »vocal coach«, Musikerin etc., oder es zeigen sich musikaffine Zeitgenossen, die so die große weite (Social-Media-)Welt beglücken möchten.

Die »Reaktionäre« auf Diana Ankudinova, und es wurden Dutzende, die ich mir im Laufe der Zeit anschaute, reagierten enthusiastisch bis euphorisch auf die junge Sängerin. In den Kommentaren stimmten sie darin überein, dass es sich bei Diana Ankudinova um eine hochtalentierte Künstlerin mit unverwechselbarer Stimme und beeindruckender Bühnenpräsenz handelt. Vom Fachpublikum (... deren wirkliche fachliche Kompetenz ich nicht beurteilen kann) wurden meist die Einzigartigkeit und Schönheit der Stimmlage (»Contralto«), ihre reife Gesangstechnik und ihre stimmliche Bandbreite hervorgehoben.

Ich wollte die Faszination und die emotionalen Muster verstehen, die von dieser Künstlerin ausging. Meine Aufmerksamkeit galt daher nicht der fachlich-musikalischen Analyse, sondern den energetisch-emotionalen (Dieser Begriff verweist aus Wilhelm Reich (1897-1957), der Emotionen als Ausdruck lebensenergetischer Prozesse in lebenden Organismen betrachtete) Reaktionen. Dabei fanden zwei typische Elemente, die am häufigsten auftraten, meine Aufmerksamkeit:

•    »Gänsehaut« als vegetative Reaktion, welche die Zuschauer häufig erwähnten;
•    erkennbare Sprach-/Fassungslosigkeit, häufig verbunden mit starrem Blick, der auf einen Zustand von Trance verwies.

Beide Muster sprechen für spezifische emotionale Erfahrungen, die über das durchschnittliche Erleben von Musik weit hinausgehen.

Hier ein paar Aussagen, die Kommentatoren machten, nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hatten:
»Es ist, als könnte man das Lied in ihrem Gesicht lesen«
»Sie ist eine Naturgewalt.«
»Sie ist so hypnotisierend«
»Sie pustet mich einfach weg«
»Als ob das Gehirn explodiert«
»ich muss erstmal meine Tränen trocknen«
»wie auf einem Segelschiff auf großer Fahrt«
»die Königin der Gänsehaut« ...
 Auffällig erschienen mir die vegetativ-energetischen Reaktionen, allem voran der häufig genannten »Gänsehaut«. Zunächst die biologische Definition:

»Bei Kälte (Zittern), Angst oder Erregung kommt es zu einer vom vegetativen Nervensystem gesteuerten Kontraktion des Haarbalgmuskels (lat. Musculus arrector pili), so dass sich der Haarfollikel über die Hautoberfläche erhebt und sich das Haar aufrichtet (medizinischer Fachbegriff Piloerektion). Dies dient der Einschließung von mehr Luft zwischen den Haaren. An generell unbehaarten Hautflächen, wie Fußsohlen und Handflächen, kann keine Gänsehaut entstehen. Regionen mit selbst nur minimaler bzw. stark rudimentärer Behaarung dagegen zeigen bei entsprechenden Bedingungen durchaus diese sehr eindeutige Reaktion.
Gänsehaut tritt auf, wenn man von einem positiven Moment oder einem emotionalen Erlebnis berührt ist, wie zum Beispiel einem Musikstück oder einer jubelnden Menschenmenge.« (Aus: Wikipedia, Stichwort: »Gänsehaut«)

Musik als Auslöser für ein »emotionales Erlebnis«, Musik, die sprachlos macht, das waren doch vielversprechende erste Hinweise. Wie ließen sich die vegetativen Reaktionen im Zusammenwirken erklären? Was hatte Musik damit zu tun und vor allem: Unter welchen Voraussetzungen löste Gesang diese Wirkungen aus? Denn beileibe nicht jedes Lied zog sie nach sich. Im Gegenteil, vermutlich traf man auf dieses Phänomen das eher selten.(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 5. Dezember 2021

 Wege zur Hingabe des Herzens:

Das Elysium aus Leib und Seele singen

Annäherungen an das Phänomen
Diana Ankudinova (1)

 

Vor einiger Zeit stieß ich im Netz auf eine junge russische Sängerin, die etwas tief in mir berührte. Ihr Name: Diana Ankudinova. Im Portal YouTube finden sich ungefähr ein Dutzend Video-Clips, die Cover-Versionen in englischer oder französischer Sprache oder russische Lieder von ihr vorstellen. Einige ihrer erfolgreichsten Interpretationen, wie z. B. »Wicked Game« von Chris Isaak oder »Derniere Danse« von Indila, präsentierte sie bereits mit 15 oder 16 Jahren. Heute, 2021, ist Diana Ankudinova 18 Jahre alt.

Die englische Version von Wikipedia stellt biografische Hintergründe zu Verfügung. Diana wurde offenbar durch ihre leibliche Mutter missbraucht und schwer traumatisiert, lebte daran anschließend in einem Waisenhaus. Mit ca. 4 Jahren kam sie per Adoption in eine liebevolle Familie, wo sie von da an aufwuchs. Details sind in Wikipedia nachlesbar. Eines erscheint mir naheliegend: Das Singen, das sie mit 4 ½ Jahren begann, könnte ein Stück Selbstheilung ihrer geschundenen Seele widerspiegeln. Die frühen Traumata und die Geborgenheit in einer liebevollen Adoptivfamilie könnten die emotionale Präsenz erklären, die Zuhörer und Zuschauerin bei ihren Auftritten in den Bann zieht.

Ich war vom ersten Augenblick an fasziniert. Die Wirkungen, die ihr Gesang auslöste, waren von ungewöhnlicher Intensität: Wenn ich einen ihrer Videoclips anschaute, trieb es mir Tränen tiefen Berührtseins in die Augen. Ich kannte nur 2–3 Gesangskünstler, bei denen ich punktuell vergleichbare emotionale Reaktionen erfahren hatte: Beim Opern-Tenor Luciano Pavarotti oder bei einigen Auftritten der belgischen Sängerin Lara Fabian. Doch diese stellte Diana Ankudinova in meinem subjektiven Empfinden deutlich in den Schatten. Was hatte es mit dieser Magie auf sich?

Exemplarisch für die nachfolgenden Betrachtungen soll ihre Interpretation des bekannten Elvis Presley Songs »Can’t Help Falling in Love« (siehe Videolink oben). Den Song stellte Diana Ankudinova innerhalb eines russischen Talentwettbewerbs vor, bei dem die Jury gleichzeitig Teilnehmer des Wettbewerbs sind. Während der Vorführung schwenkt die Kamera mehrmals in ihre Gesichter. Hier zeigen sich 3 typische Reaktionen auf Ankudinovas Gesang, die ich im Folgenden genauer betrachten werde:

  • Ein weibliches Jurymitglied dreht sich verblüfft zu den anderen hin, eine Geste, die den Anschein erstaunter Selbstvergewisserung symbolisiert. Dieselbe Frau fasst sich nach Beendigung der Vorstellung mit beiden Händen an den Kopf, was ich als eine Reaktion des Überwältigtseins und der Ratlosigkeit deute.
  • Ein männliches Jurymitglied erhebt sich von seinem Platz, hebt die Hände und nimmt eine betende Geste ein.
  • Ein weiteres männliches Jurymitglied starrt völlig weggetreten, in tiefer Trance, vor sich hin.

Wohlgemerkt, es handelt sich hier um Reaktionen von professionellen Sängerinnen und Sängern, die gleichzeitig Konkurrenten innerhalb dieses Wettbewerbs waren (den Diana Ankudinova am Ende auch gewann).

Ihre Interpretation dieses Elvis-Presley-Songs präsentierte Diana im September 2021. Es handelt sich also um das erste Video, in der sie nach der Corona-Krise eine neue Coverversion vorgestellte und das innerhalb weniger Tage viral auf Youtube ging. Durch die textliche Verkürzung, die Tonlage, den Rhythmus und Dramaturgie ändert sich der Charakter des ursprünglichen romantischen Liebeslieds »Can’t Help Falling in Love« in den einer Inszenierung, die das ganze Spektrum vom lauen Lüftchen bis zu einem Orkan atemloser emotionaler Intensität umfasst.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 25. April 2021

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (281): Die Heiligsprechung der Individualität und ihre Schatten

Bild von Hans-Joachim Müller-le Plat auf Pixabay
 

Historisch betrachtet ermöglichten Aufklärung, Rationalismus und Naturwissenschaften einen Quantensprung in der Entwicklung der Menschheit. Sie halfen, das Bollwerk der Stagnation von Klerus und Feudalstrukturen zu Fall zu bringen. Sie sorgten für eine grundlegende Verbesserung der Lebensbedingungen, für Wohlstand und technischen Fortschritt nie zuvor gekannten Ausmaßes.

Doch wie sah es Innen, in den Seelen der Menschen aus? Die  Wissenschaft von der Seele, Psychologie und Psychotherapie, ließen sich durchaus auch in dieser Tradition verorten. Hatten sie einen Beitrag leisten können, die innere Armut, die Armut der Seelen zu besiegen?

Die Realität, der ich mich gegenübersah, ließ Zweifel aufkommen. Die mathematische Erfassung aller Lebensbereiche und ihre Algorithmen, auf Sprache und Codierung beruhende technische Kommunikationsgeräte beherrschten den Alltag. Im Kontrast dazu feierten die Dämonen des Irrationalen, emotional getriggerte Kettenreaktionen, Asozialität und überbordender Narzissmus bis hin zu den modernen Verschwörungserzählungen fröhliche Urständ. Was den Verdacht verstärkte, dass das Abgespaltene mit destruktiver Wucht an die Oberfläche drängte, es unberechenbarer und unbeherrschbarer zeitigte.

Zudem nährten meine Erfahrungen den Eindruck, dass nicht nur die sozialen, sondern auch die instinktiven und intuitiven Fähigkeiten des Menschen unseres Kulturkreises immer weiter verkümmerten, was sich insbesondere im Umgang mit den eigenen Nachkommen und im Liebesleben manifestierte. Haltlosigkeit schien ein ubiquitäres Phänomen zu sein.

Die Heiligsprechungen der Individualität und der isolierten Persönlichkeit basierten auf einer Illusion, die eine Fixierung auf das Gehirn im Zusammenspiel mit der Abspaltung und Verkümmerung unserer metaphysischen Potentiale beförderte. In Wahrheit waren wir, wie es alle spirituellen Lehren nahelegten, Teil und Baustein einer universalen Schöpfung, standen ständig unter ihrem Einfluss. Die profane Tatsache, dass in allen Kulturen, in allen Epochen ein spirituelles Weltbild vorherrschte, dass in der Tiefe der menschlichen Seele eine natürliche Spiritualität verankert zu sein scheint, wies in diese Richtung. Die folgende Empfehlung von Paul Pearsall erschien mir angesichts des Weltzustands aktueller denn je:

»Wir sollten das Streben des Gehirns nach Individualismus und seines Mottos ‚jeder ist sich selbst der Nächste‘ ignorieren und versuchen, die Xenophobie zu überwinden, die uns allen zu eigen ist, weil die Angst vor allem, was fremd ist, im Verlauf der Evolution in unseren Zellen gespeichert wurde. Unsere Zellen haben möglicherweise auch Erinnerungen an ein Quantenparadies bewahrt, an eine weniger selbstsüchtige, wesentlich erfülltere Zeit, in der alles in der Schöpfung miteinander verbunden war.« (   Pearsall, Paul (1999), S. 97)

Der Hinweis auf das »Qantenparadies« war eine frappierende Vorstellung. Sie machte das Prinzip organismischer Erwartung von frühester Kindheit an, das Jean Liedloff als »continuum concept« (vgl. Liedloff, Jean (2020)) bezeichnet hatte, plausibel. Auch die der Körperseele innewohnenden »Selbstregulierung« (Reich) und das damit verbundene Potential der Selbstheilung, die uns in der Körpertherapie begegnete, erschien sinnfällig.

Dem gegenüber stand die Erkenntnis, dass die körpertherapeutische Tradition, der ich mich bisher verbunden fühlte, sich von vielen dieser Aspekte unberührt zeigte, Grenzen und Begrenzungen aufwies, die nicht nur auf die Methoden selbst, sondern auf die ihrer Protagonisten verwiesen. Insbesondere das Narzissmus-Phänomen blieb auf der Agenda.

In all dem fanden sich Beweggründe einer Reise, die mich in Landschaften führten, die ein anderes Terrain menschlichen Wissens als das des analytisch-rationalen markierten: die der Metaphysik, der spirituellen Traditionen und Weisheitslehren jenseits des westlichen Weltbildes.

 

Sonntag, 11. April 2021

SEINSORIENTIERTE KÖPERERFAHRUNG (280): Die Herrschaft des Gehirns und die Zerteilung der Wirklichkeit

Photo by TAHA AJMI on Unsplash
 

Nach den Erkenntnissen der Kardioenergetik sendete das Energiezentrum Herz Informationssignale höchster Intensität aus. Diese Informationsströme beeinflussten nicht nur den gesamten Organismus, sondern reichten weit über die eigenen Körpergrenzen hinaus. Pearsall stimmte mit Reich und Mesmer verblüffenderweise in der Feststellung überein, dass die Lebensenergie dem Prinzip der »Nichtlokalität« folgte.

»Nichtlokalität besagt, dass es in der winzigen, geschäftigen Welt mikrophysikalischer Erscheinungen, zu der auch die Körperzellen gehören, keine Barrieren gibt; dass die Zeit relativ ist; dass Masse, Energie und Information ein und dasselbe sind; dass Objekte, die einmal miteinander verbunden waren, bis in alle Ewigkeit info-energetische Erinnerungen an diese Verknüpfung bewahren; und dass eine Trennung, gleich welcher Art in der Welt, auf der menschlichen oder einer anderen Ebene, nur eine Sinnestäuschung ist.« (Pearsall, Paul (1999), S. 86)

Dieses Modell gab Antwort auf zahllose offene Fragen, erweiterte schlagartig meinen Blick auf unerklärte Phänomene. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Die Fixierung auf das Gehirn ließ sich als kulturgeschichtliches Erbe interpretieren. Das Wilde, Unberechenbare des Herzens, seine Magie, Musik und Poesie, seine transzendente Kraft wiesen weit hinaus über den analytischen Blick einer abgespaltenen Rationalität, die das ordnende, quantifizierbare Menschenbild beherrschte.

In dieser Weltkonstruktion bedurfte es eines überlegenen Generals, einer vom Feldherrnhügel die Szenerie überschauenden Autorität, die alles nüchtern im Blick behielt und kontrollierte, einer Ordnungsmacht, der sich das Übrige unterzuordnen hatte: das Gehirn. Mit dem Gehirn einher ging die Heiligsprechung des Denkens, des Rationalen und die Abwertung all dessen, was nicht in dieser Ordnung entsprach.

Nur, dieses Bild vom Menschen war längst nicht das einzige, das in der Geschichte der Menschheit eine Rolle spielte. Es existierten Kulturen, deren intuitives Wissen und transzendente Weisheit über die menschliche Natur dem Modell der Kardioenergetik in vielem näher standen als die gehirndominierte westliche Lesart. Rationales Denken erfasste die Wirklichkeit auf analytische, also teilende, zerlegende Weise. Es zertrennte nicht nur Realität in ihrer Ganzheitlichkeit, sondern separierte auch das erkennende Subjekt vom betrachteten Objekt.

Damit wurden nicht nur die Mystik des Seelischen, sondern die Universen des Mysteriums, des Unerklärlichen, wundersamen und Wundervollen, einschließlich der menschlichen Sinne ihrer Wahrnehmung aus der Wirklichkeit vertrieben. Der Mensch verortete sich nicht länger als Teil der Schöpfung. Er avancierte zu ihrem Beherrscher, indem er seine Götter verbannte, mithilfe der modernen Wissenschaften die Metaebene und damit den Olymp eroberte. Sein analytischer Blick katapultierte ihn auf jenen Thron, auf dem in seiner gesamten Geschichte das Numinose saß.

Dort, wo das Herz seine Verbindung zum Wunder der Schöpfung nicht mehr fühlte oder dafür beschämt wurde, veränderte die menschliche Seele ihr Wesen. Wo vorher kindliche Neugier und Mana die Welt erfüllten, traten Forscherdrang und chirurgische Präzision auf den Plan, zerlegten die Welt, um sie eigennützig und eitel neu zusammenzusetzen.

(Fortsetzung folgt)

 

Montag, 5. April 2021

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (279): Herz und Gehirn, Liebe und Sex

foto: Filipe Almeida, unsplash

Die westliche Wissenschaft neigte dazu, das Seelenleben vollständig dem Gehirn zuzuordnen. Selbst der Tod wurde nicht mehr mit dem Stillstand der Herz-, sondern der Gehirnfunktionen definiert. Das Herz hingegen erschien als mechanische Pumpe, als hochentwickelter Muskel, der, wurde er disfunktional, repariert oder ausgetauscht wurde.

Es drängte sich die Frage auf: Welche psychologische Implikation hatte diese merkwürdige kulturhistorische Abwertung der Funktion des Herzens?

Hinzu trat ein anderer Aspekt. Reich, Pionier der modernen Lebensenergieforschung, definierte nach meinen Empfindungen den von ihm postulierten »biologischen Kerns« unzureichend. Zwar deutete er eine Verbindung zur Liebe als Element der primären Persönlichkeit an. Doch wo er die energetische Quelle physiologisch ausmachte, darüber gab es nur vage Hinweise. »Irgendwie« ordnete er die sexuelle Energie und ihren ungehinderten Fluss im Organismus dem Wesen des Menschen zu, diagnostisch manifestiert in seinem Idealtypus des »genitalen Charakters«.

Wie hingen Sexualität und Liebe energetisch zusammen? Entsprang die Quelle der Liebesfähigkeit eines Menschen einem "ungepanzerten" Körper, insbesondere Becken, wie Reich nahelegte?

Seine Annahmen hatten mich nicht überzeugt, ich empfand innerlich die Gewissheit, dass seelische Gesundheit mehr charakterisierte als eine frei gelebte, ungepanzerte Sexualität (Reich sprach in diesem Kontext von der sog. »orgastischen Potenz«, die er als maßgeblich für einen nicht-neurotischen, psychisch gesunden Menschen betrachtete. Diesen bezeichnete er in seiner Terminologie als »genitalen Charakter«).

Eine Gemeinsamkeit sprang ins Auge: Wie das Herz (Ver)Bindung suchte, so fand sich auch in der Sexualität eine Triebkraft, die intensiv Vereinigung anstrebte. Herzen trachteten nach Verbindung, Genitalien ebenso. 

Blieben sexuelle Impulse abgespalten, herzlos, resultierte daraus die Tendenz zu Beziehungs-, insbesondere Bindungsstörungen. Im umgekehrten Fall, blieben Herzimpulse isoliert in Kontext gehemmter Sexualität, so potenzierte sich die Gefahr neurotischer Symptome. Liebe ohne Sexualität erwuchs zum Nährboden der Neurosen, ein Aspekt, auf den insbesondere Reich immer wieder hingewiesen hatte.

Nur, er hatte offenbar den Bindungscharakter des Herzens übersehen, damit den Wirkungszusammenhang von Liebe und Sexualität: Richteten sich beide, Herz und sexueller Trieb, auf das gleiche Liebesobjekt, verbanden sie sich, so entstand der Boden für Bindung, Beziehung, Liebesbeziehung.

Ein Unterschied zwischen Libido und Herzenergie war ohrenfällig: Die Stimme der Sexualität tönte oft machtvoll, unüberhörbar; die des Herzens hingegen leise, sie flüsterte eher. Es ist anzunehmen, dass auch hier eine Widerspiegelung patriarchalischer Strukturen zu diagnostizieren ist, wie überhaupt in der Dominanz des Ego-Verstands gegenüber jeder Art von Ressourcen des Gefühlslebens. Die Dominanz des Gehirns, des Ego-Verstands, spielten dabei eine wichtige Rolle.

Die Entdeckungen der Forschungen von Paul Pearsall rückte die Bedeutung des Herzens für das Leben insgesamt in ein völlig neues Licht. Paul Pearsall gab einleuchtende Hinweise:

»Da wir Manifestationen dieser Info-Energie sind, die von unserem gesamten Zellsystem absorbiert, intern weitergeleitet und ständig an die Außenwelt emittiert wird, ist das Wissen, wer wir sind und wie wir uns fühlen, eine physische Repräsentation von Zellerinnerungen, auf die wir Zugriff haben.« (Pearsall, Paul (1999), S. 39)

Pearsall bezeichnete seine Theorie »Kardioenergetik«. Dass das Herz nicht nur seelisch, sondern auch energetisch-funktionell eine derart zentrale Bedeutung im Leben des Menschen besaß, leuchtete mir umgehend ein.

(Fortsetzung folgt)

 

Mittwoch, 30. Dezember 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (278): Herz, Energie und Seele

foto: Darius Bashar via unsplash

Paul Pearsall diagnostizierte im Herzen das Kernelement unseres Wesens, verband so westliches und östliches Wissen über der Liebe, Physik und Metaphysik. Es war frappierend, die offenen Enden und Fragen, die ich seit Jahren in mir herumtrug, wurden mit einem Male verknüpft, kreierten eine neue Gestalt.

Die essentielle, liebende Natur des Menschen, bei Stern das »Kern-Selbst«, bei Balint die »primäre Liebe«, bei Reich der »biologische Kern«, verwiesen auf das Herz als »Herz« des Energiesystems.
Pearsall führte an, dass dieses menschliche Organ weit mehr als eine mechanische Pumpe darstellte. Er relativierte unser westliches gehirndominiertes Menschenbild mit seinem Modell der Kardioenergetik eindrucksvoll. So verwies er beispielsweise auf das eigenartige Phänomen, dass das elektromagnetische Feld (EMF) des Herzens sich erheblich stärker manifestiert als das des Gehirns:

»Das EMF des Herzens ist 5.000 mal stärker als das elektromagnetische Feld, das unser Gehirn erzeugt; es hat nicht nur eine ungeheure Kraft, sondern auch subtile, nichtlokale Effekte, die innerhalb dieser Energieform transportiert werden. Supraleitende Quanteninterferometer, Magnetokardiogramme und Magnetoenzephalogramme, die Magnetfelder außerhalb des Körpers messen, zeigen, dass unser Herz ein Magnetfeld von mehr als fünfzigtausend Femtoteslas erzeugt ..., verglichen mit weniger als zehn Femtoteslas, die das Gehirn zustande bringt.«(Pearsall, Paul (1999), S. 106)

Paul Pearsalls berichtete, dass seine Forschungen durch seine schwere Erkrankung ausgelöst wurden, bei der zum ersten Mal mit der Intelligenz und der heilenden Energie seines Herzens in Kontakt kam. Als Psychoneuroimmunologe mit einigen Jahrzehnten Berufserfahrung begann er sich für die Hintergründe zu interessieren.

Er gründete und leitete eine große psychiatrische Klinik, die sich auf Patienten mit Organverpflanzungen, insbesondere Herztransplantationen spezialisiert hatte, hielt Vorträge auf der ganzen Welt vor Transplantationsorganisationen, zeichnete Tiefeninterviews mit Dutzenden Organempfängern und Angehörigen auf.

Dabei stieß er auf verblüffende Phänomene, die auf einen grundlegenden Zusammenhang zwischen der physiologischen und psychologischen Beziehung, die ein Fremdherzempfänger entwickelte, verwiesen. Sein Buch ist voll von eindrucksvollen Beispielen. So beschrieb er beispielsweise:

»Bei meinen Herztransplantatempfängern fand keine Veränderung im Geruchs- oder Geschmackssinn statt, sondern eine Veränderung der Geruchs- und Geschmacksempfindungen (die Bedeutungen, die wir den Wahrnehmungen unseres Geruchs- und Geschmackssinns geben). Erinnerungen sind weit mehr als eine Gehirnszellenstimulation und Reaktionen unserer fünf grundlegenden Sinnesorgane. Sie sind ein Konvolut, das beinhaltet, wie unser Herz die Welt wahrnimmt, deutet, versteht und erlebt.

Alles, was wir jemals geschmeckt, gerochen, berührt, gehört und gesehen haben, wird vom Herzen in den inneren Info-Energiekreislauf eingeschleust, und die Herzzellen rufen aus diesen Wahrnehmungen energetische Erinnerungen an diese Begebenheiten ab. Es ist also nicht verwunderlich, dass mit einem neuen Herzen auch ganz neue Erinnerungen übertragen werden.«(Pearsall, Paul (1999), S. 199)

Diese Hintergründe verdichteten sich zu der Grundannahme, dass
»das Herz der Haupterzeuger von Info-Energie [ist]. Das Herz sendet fortwährend info-energetische Signale mit einem bestimmten Muster aus, welche die Organ- und Zelltärigkeit im ganzen Körper  regulieren.«(Pearsall, Paul (1999), S. 39)

Die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen seiner Quellen verdeutlichten: Herz, Energie und Seele bildeten eine funktionelle Einheit. Profan, aber überzeugend untermauert, wurde die  Funktion des Herzens durch Hinweise aus unserer Körpersprache: Zeigte man doch auf seine Herzregion, und zwar kulturübergreifend, wenn man vom Selbst, von dem Sitz der Seele sprach. Wer deutete dabei schon auf seinen Kopf? Schenkten wir dem oder der Geliebten unser Gehirn oder unser Herz?

(Fortsetzung folgt)

 

Sonntag, 1. November 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (277): Was erfüllte Liebe im Leben?

 

foto: vkd

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bindungsforschung bot Antworten an, die über das Triebmodell hinausgingen. Dass der Mensch ein Bindungswesen war, konnten Forscher seit John Bowlby eindrucksvoll zeigen.

Menschliche Bindungsbedürfnisse, insbesondere in der frühkindlichen Entwicklung, gebärdeten sich dermaßen ausgeprägt, dass die Bindungsimpulse selbst dann keinen Schaden nahmen, wenn sie auf eine eingeschränkte Liebesfähigkeit trafen. Was den berühmte »Normalfall« darstellte, nach dem gern geurteilt wurde. In den Persönlichkeitsstrukturen von Kindern und Erwachsenen waren Bindungsdefizite leicht erkennbar, prägten das Beziehungsverhalten bis zum Ende des Lebens.(vlg. hierzu. Brisch, Karl Heinz).

Die moderne Säuglingsforschung, die Daniel Stern begründete, gab ebenso zahlreiche Hinweise auf das bindungsorientierte und spontan soziale Wesen des Babys. Sie lieferte diagnostische Anhaltspunkte für Störungen in der Mutter-Kind-Interaktion und daraus resultierende Einflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen.

Die Phänomenologie der Liebe als menschliche Bindungs- und Sozialkompetenz wurde eindrucksvoll beschrieben. Die hormonellen, biochemischen Vorgänge der sexuellen Fortpflanzung präsentierten sich als sorgfältig erforscht, einleuchtend und reproduktionsfähig. Seit Ende der 70er Jahre ermöglichte es die Wissenschaft, Babys durch künstliche Befruchtung, die sog. »In-vitro-Fertilisation«, auf die Welt zu bringen. Schaute man genauer hin, dann wurde deutlich, dass 45% der auf diese Weise erzeugten Kinder häufiger mit einem Herzfehler oder anderen körperlichen Risiken geboren wurden.(Brendler, Michael: Ein Risiko bleibt – 7 Millionen Kinder weltweit verdanken ihr Leben der künstlichen Befruchtung – mit erhöhter Gefahr von Fehlbildungen und Herzfehlern. In: Berliner Zeitung, Nr. 172, 27. Juli 2020, S. 23) Hatte man hier ein wichtiges Element übersehen?

Die Frage, was all diese Prozesse bestimmte, steuerte und zusammenhielt, die energetische, informelle Quelle der Liebespotentiale, die den Menschen prägte, ein Leben lang bewegte, all dies erschien mir mechanistisch, unzusammenhängend, diffus, am Wesentlichen vorbeigehend.

Von welcher Vitalität musste Liebe sein, wenn sie als Bindungsimpuls in frühester Kindheit, trotz aller Widrigkeiten, umfänglich wirkte? Im Leben von Jugendlichen und Erwachsenen drängte sich die erwachende genitale Sexualität mit Macht in den Vordergrund. Sie konnte mit überwältigenden seelischen Erschütterungen verbunden sein. Oder mit emotionaler Abwehr, Distanz, Kälte. Verwies dies nur auf die frühen Bindungserfahrungen, traten weitere Faktoren hinzu? Existierten hier geschlechtsspezifische Unterschiede?

Viele Fragen. Ich fühlte mich auf der Spur, aber empfand keine innere Klarheit, sondern diffuse, teilweise widersprüchliche Wahrnehmungen.

Neben prägenden Erfahrungen, intuitiven Erkenntnissen und Impulsen durch die Sichtweisen anderer Menschen erwirkten Bücher Anregungen für eine neue Beziehung zum Leben. Vorausgesetzt, sie lösten einen verändernden, »verrückten« Blick auf etwas aus, was still im Inneren arbeitete: Am Ende entfaltete der Schmetterling, der aus der Puppe kroch, seine Flügel, um sich auf den Weg zu begeben.

Einst fiel Wilhelm Reichs Funktion des Orgasmus auf den fruchtbaren Boden meiner Suche. 30 Jahre später traf ich auf ein Buch, das mich in ähnlicher Weise inspirierte: "Heilung aus dem Herzen – die Körper-Seele-Verbindung und die Entdeckung der Lebensenergie" des Psychoneuroimmunologen Paul Pearsall.

Pearsall gab eine naheliegende, einfache Antwort, fütterte sie mit umfangreichem empirischen und wissenschaftlichen Material. Seine Theorie benannte als Quelle und Instrument jeder Verbindung und Bindung das Herz, das ubiquitäre menschliche Organ der Liebe.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 20. September 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (276): Das Mysterium der Liebe


 

 

 

 

 

 

 

 

 

»Wenn wir die Existenz eines Herzcodes ernsthaft in Erwägung ziehen, können wir die Brücke zwischen den biochemischen Errungenschaften der modernen Medizin und der Spiritualität der überlieferten, traditionellen Heilsysteme, zwischen den verschiedenen alternativen oder ergänzenden medizinischen Strömungen und der Weisheit der Religionsgelehrten und spirituellen Lehrer schlagen.« (Paul Pearsall)

Was war das Mysterium der Liebe? Wie formte sie sich? Wo ließ sich ihre Quelle verorten? Es ging mir weder darum, sie als unlösbares Rätsel zu verewigen, noch um Erklärungen und Analysen, sondern um die Frage nach ihrer Gleichzeitigkeit in Ursprung und Präsenz. Auf meiner Suche hatte ich noch immer das Gefühl, etwas Wesentliches übersehen zu haben.

In seinem bereits zitierten Buch erzählt Jack Kornfeld die Geschichte vom goldenen Buddha: In einem Tempel in Sukhothai im Norden Thailands stand eine ungewöhnlich alte, große Buddhastatue aus Ton. Sie hatte viele Jahrhunderte überdauert. Die Mönche, die sich um die Statue kümmerten, bemerkten eines Tages, dass Risse auf ihrer Oberfläche auftauchten, die sich in den folgenden Wochen erweiterten. Bald waren sie so weit vergrößert, dass sie hineinleuchten konnten und einen goldenen Schimmer entdeckten. Zu ihrem Erstaunen fanden sie unter dem Ton eine der eindrucksvollsten und größten Buddhastatuen aus Gold, die in Asien je geschaffen wurden.

»Wie die Menschen von Sukhothai den goldenen Buddha vergessen hatten, so haben wir unsere wahre Natur vergessen. Meist sind wir nur mit unserer schützenden ‚Tonschicht‘ befasst. Das wichtigste Ziel buddhistischer Psychologie aber ist es, uns den Blick hinter die Schutzschicht zu eröffnen, sodass wir unsere ursprüngliche Güte zum Vorschein bringen, die wir auch »Buddhanatur« nennen.«(Kornfield, Jack (2008), S. 22 ff.)

Die buddhistische Tradition sah Liebe aus einem friedvollen, gütigen Herzen erwachsen, betrachtete sie als das innere Gold, unser wahres Wesen, das es zu freizusetzen galt. Liebe erschien grenzen- und bedingungslos, transpersonal und gleichzeitig als tiefster Wesenskern des Menschen. Seine Quelle bildete das »erwachte Herz«.

Auf der anderen Seite des Spektrums standen die westliche Triebtheorie Freuds und die darauf basierenden Vorstellungen Reichs. Wo die buddhistische Psychologie eher den Menschen als Gattungswesen betrachtete, stand hier die einzelne Persönlichkeit, die individuelle Erfahrung im Fokus.

Die Biologie der Libido, der sexuellen Energie, erschien als diejenige Wirkkraft, die für Funktion und Formung der Liebe verantwortlich zeichnete. Das psychische Erleben der Liebe trat als Spiegelung des Trieblebens auf. Sexualität beeinflusste das Seelenleben nachhaltig, das stand außer Frage.

Und Liebesgefühle? Repräsentierten sie halluzinierte Tagesreste eines befriedigenden oder unbefriedigenden sexuellen Erlebens? Fand sich in ihnen ein eigenständiges bio-emotionales Grundbedürfnis? Das, was im Buddhismus als erleuchteter Wesenskern Liebe freigelegt würde, erschien im klassischen westlichen Triebmodell als banale Spiegelung libidinöser Triebkraft. Überhaupt, die augenfällige Spaltung von Sexualität und Liebe, brachte wenig Klärung.

Die Wahl der Worte suggerierte Nuancen: Erfuhr ich ein »befriedigendes Sexualleben« oder ein »erfülltes Liebesleben«? »Befriedigend« deutete auf das Triebhafte, im Sinne von Hunger und Sättigung. »Erfüllt« verwies schon eher auf eine seelische Komponente, die hinzutrat, ähnlich, wenn ich von »Liebesleben« statt »Sexualleben« sprach.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 1. August 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (275): Das Liebesdrama des Narzissmus

foto: vkd

Alle Beobachtungen liefen auf eine Frage hinaus: Existierte etwas Tieferes, ein Urgrund der Persönlichkeit, ein innerer Raum von Fülle jenseits der Ego- und Ich-Strukturen? Existierte ein (tieferes oder höheres) Selbst?

Wilhelm Reichs »biologischer Kern« firmierte als eine Art Grundausstattung, betrachtete den Menschen als energetisches System. Von frühester Kindheit an (über)lebte er nur in Beziehung. Bindung durch Gehaltenwerden und Halt durch Bindung wirkten und wuchsen dort, wo Liebe aufschien. Ohne sie verkümmerten sie, Liebe wie Seele.

Das Lebendige, die primäre unendliche Energie der Liebe, die in jedem Neugeborenen das Licht der Welt erblickte, repräsentierte eine phylogenetische Konstante. Fand sich hier jene unveränderliche, Inkarnationen überdauernde Wesens-Instanz der Persönlichkeit (»Atman«), wie Hindus glaubten?

Der Begriff »organismische Wahrheit«, den ich in meinen Veröffentlichungen verwendete, verknüpfte die biologistischen Ansätze Reichs mit der Instanz des Spirituellen, Physik mit Metaphysik. Gleichzeitig nahm ich ein Unbehagen wahr, denn all diese »Selbst-Konzepte« muteten etwas abstrakt an. Was sonst?

In allen Systemen, den westlich-psychologischen und den östlich-spirituellen, tauchten zwei Entitäten immer wieder auf: Liebe und Herz.

Zielten all die Bemühungen der narzisstischen Ich- und Weltkonstruktionen darauf ab, das eigene Herz zu schützen, Liebe(n) zu verhindern? Stellten das Gieren nach dem bewundernden Blick der Anderen, die Konstruktionen von Groß- und Einzigartigkeit die subtile Form einer Sehnsucht  dar, die in der Kindheit unerfüllt blieb: Mit dem ganzen Sein geliebt zu werden?

Hat man auf der Seinsebene keine Liebe erfahren, verblieb eine offene Wunde, eine Leerstelle, die verhinderte ... zu lieben. Das stellte die Tragödie, die Sisyphos-Qualität der narzisstischen Persönlichkeit dar: Liebe erhalten zu wollen, ohne lieben zu können.

Aus dieser Ohnmacht resultiert der Hang zur Größe, zur Einzigartigkeit, zum beständigen Drang, sich aufzuplustern: Ein Junges, das dauernd auffällt im verzweifelten Bemühen, in seiner Sehnsucht,  "wahr genommen" und in seinem wahren Sein geliebt zu werden.

Hinter der narzisstischen Tragödie verbarg sich ein Drama ... ein Liebesdrama.

Die Wunde des Ungeliebtseins verhinderte den Zugang zu einer tieferen Ebene in sich selbst, der des »biologischen Kerns« (Reich), der »primären Liebe« (Balint), zu ihnen wurde die »Bindung gestört«. Die Sucht nach Anerkennung, Bestätigung und Bewunderung kompensierte diesen entwurzelten Kontakt, die Vergeblichkeit des Versuches, eine Verbindung zur primären Liebe zu finden. In der frühesten (Objekt-)Beziehung ging sie einst verloren, in die Wiederholungszwänge des späteren Lebens adressiert die Seele ihre – unbewusste – Sehnsucht nach Heilung.

Von frühester Kindheit war Liebe im Menschen präsent. Sie wurde beschämt. Angst und Unfähigkeit wuchsen, authentisch in Liebe zu sein. Nur in den Phasen des Verliebtseins, das gleichzeitig »selbsttranszendente« (Joas) und regressive Eigenschaften aufwies, schien kurzfristig die primäre Liebe wieder auf. Doch wie hing dies zusammen?

Im therapeutischen Kontext begann ich, Persönlichkeitsmuster nicht mehr im Kontext psychosexueller Entwicklung zu betrachten, sondern als Ergebnis jener prägenden Erfahrungen, durch die ein Kind lernte, seine natürliche Liebesfähigkeit zu formen. Der Schizoide flüchtete sich beispielsweise in die Paradiesvorstellungen seines Intellekts, der Anale in Zwangsrituale, der Phalliker in dominante Grandiosität, der Hysteriker in die Flucht vor emotionaler Nähe usw.

Entsprechend erkannte ich in narzisstischen Verhaltensmuster ein ubiquitäres Phänomen, das in deutlichem Zusammenhang mit den menschlichen Bedürfnissen nach Halt, Bindung und Liebe stand. Sie standen also nicht mehr für eine Pathologie oder den Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung, sondern für die individuelle Art und Weise, wie ein Mensch gelernt hatte, sein Herz zu schützen.

(Fortsetzung folgt)