Donnerstag, 7. Januar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (54): Rituale narzisstischer Spiegelung


Eine Tendenz, deren Einfluss auf das Alltagsleben zunimmt, ist die gesellschaftliche Durchdringung mit Ritualen der narzisstischen Spiegelung. Dies trifft insbesondere zu auf die vielfältigen Erscheinungsformen des Freizeitverhaltens von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dieses Freizeitverhalten wird in den letzten Jahrzehnten in wachsendem Umfang bestimmt durch visuelle, sekundäre Erfahrungsdimensionen, vermittelt über Internet, Computerspiel und die visuellen Massenmedien.

Was versteht man unter „sekundäre Erfahrungsdimensionen“?

Dieser Begriff ist ein als Abgrenzungsbegriff gegenüber den primären Erfahrungsdimensionen, die durch eigene unmittelbare, sinnliche, direkte Erfahrungen vermittelt werden. Je jünger der Mensch ist, desto deutlicher werden diese von intensiven und prägenden Empfindungen und Gefühlen begleitet. Wenn z. B. ein Kind an einen heißen Topf greift, dann empfindet es plötzliche Hitze und den Verbrennungsschmerz, wird schreien und weinen, d. h. es wird ein biologisches Notfallprogramm mobilisiert, das den Handlungsimpuls verändert und sich als Erfahrung im Bewusstsein verankert.

Bei sekundären Erfahrungsdimensionen hingegeben handelt es sich um vermittelte, fremde, indirekte Erfahrungen, die einem jungen Menschen medial vermittelt werden. Dies kann spielerisch in den künstlichen Welten der Computerspiele geschehen oder über die Identifizierungen mit den handelnden Personen in Videofilmen, Serien oder den subjektivistischen Informationen in den sozialen Netzwerken.

Als gemeinsamer Nenner erscheint einerseits die Tatsache, dass es sich um aufbereitete Erfahrungen anderer Menschen (der Programmierer, Drehbuchautoren, Regisseuren, sonstiger Kreativer oder der Vertreter von Partialinteressen) handelt, die ihre Sicht der Welt, ihre Phantasien, Gefühle, Ängste und Ideologien, die ihren eigenen Prägungen entsprechen, sprachlich und visuell weitergeben.

Die andere Gemeinsamkeit, die hier offensichtlich wird, liegt in der Vermittlung von Urteilen, Werten und Idealen, die an diese sekundären Erfahrungsdimensionen gekoppelt sind und mit dem Phänomen der Spiegelung einhergehen.

Was ist das eigentlich, Spiegelung?

Es handelt sich um das grundlegende menschliche Bedürfnis, sich in einem anderen Menschen gespielt zu sehen, erkannt, wiedererkannt zu werden, sich damit sich selbst, seiner eigenen Sicht auf die Welt und das Leben zu vergewissern.

Beispielhaft sollen hier die Vorlieben, Gedanken, Gefühle, der Geschmack dessen, was gefällt oder nicht gefällt, aber auch ideologische Ansichten politischer oder religiöser Art, genannt werden. Die sozialen Vernetzungen kristallisieren sich meist an derartigen Vorlieben, formieren sich in unverbindlichen sozialen Adhoc-Organismen (Facebook „Likes“. Gruppen, Foren etc.) bis hin zu Organisationen wie Vereinen, politischen Parteien oder religiösen Gruppierungen.

Jedem dieser sozialen Organismen ist die Spiegelung des eigenen Werte und Ansichten ein verbindendes Anliegen, das sich ggf. mehr oder weniger aggressiv gegenüber den Anderen, den Fremden, abgrenzt. Hier finden wir die funktionale Basis jeder Art von Kreuzigungen und Kreuzzügen in der Geschichte der Menschheit.

(Fortsetzung folgt)