Montag, 1. November 2010

Eine sehenswerte Enttäuschung, 2. Teil

Ich schaute mir den Film zusammen mit einer Freundin an, die selbst einige Jahre der Sannyasinbewegung angehörte und Osho und den Ashram in Poona noch aus eigener Anschauung kannte. Sie reagierte ähnlich emotional auf den Film wie ich selbst, allerdings auf unterschiedlichem Hintergrund. Für sie war der Film eindeutig ein “Hetzfilm”, ich selbst war eher verärgert über die Oberflächlichkeit des Films, der mehr Fragen aufwirft als Antworten zu geben. Wie kann man einen solchen Film drehen, der im Grunde ohne erkennbaren roten Faden Anekdoten aneinander reiht und im übrigen den Zuschauer seiner Ratlosigkeit überlässt. 
Ich bin nicht deiner Meinung, dass dieser Film ein „Hetzfilm“ ist, er ist noch nicht einmal das. Denn das würde ja bedeuten, dass er eine Position vertritt. Tut er aber nach meinem Eindruck überhaupt nicht. Seine Positionierung besteht darin, dass er zwei Zeitzeugen zu Worte kommen lässt, scheinbar willkürlich, obwohl es sicher noch viele Dutzende aus dem inneren Kreis gibt, die etwas über Osho zu sagen hätten. Warum so? Warum diese beiden?
Bhagwan mit Sheela Birnstiel in den 70ern
Was ich an dem Film kritisiere, ist, dass die sozialen Dimensionen der dargestellten Entwicklungen kaum reflektiert werden, also das Phänomen der „Verkirchung“ und Erstarrung der an sich anarchischen und weitgehend undogmatischen spirituellen Lehre Oshos. Wieso konnte das geschehen, wo Oshos Lehre doch so frei, anarchistisch und beweglich war? Das wäre eine interessante Frage gewesen in meinen Augen!
Die von Anhängern Oshos vertretene Vermutung, dass Tragödie von Oregon so etwas wie ein „Meisterspielchen“ war, ist eine charmante apologetische Idee. Hat jemand irgendetwas aus diesem Spiel gelernt? Denn nur dann macht ein solches Spiel Sinn, wenn es weiterbringt, lehrt, transformiert, und zwar massenhaft, wenn es einen Quantensprung an Erkenntnis nach sich zöge. Von einem solchen Quantensprung habe ich aber leider nichts mitbekommen.
Oshos Genie bestand meines Erachtens darin, dass er der erste mir bekannte Guru war, der frühzeitig, bereits in den 70er Jahren, die modernen Medien (zunächst Audio-, später auch Videokassetten) bewusst als Multiplikatoren seiner Lehren eingesetzt hat. Damit hat Bhagwan sehr früh und radikal die traditionell  persönliche Beziehung zwischen spirituellem Lehrer und seinen Schülern auf eine globalisierte Stufe gehoben, die nicht mehr auf dieser persönlichen Bindung basiert. Dass damit natürlich auch einige signifikante Schatten einhergehen, liegt auf der Hand (z.B. hat ein Guru, der seine Schüler nicht mehr persönlich kennt, auch keinerlei Rückmeldung mehr über die Wirkung seiner Lehre in der Person des einzelnen Schülers).
Diese und solche interessante Fragen berührt der Film kaum, genauso wenig wie, und das ist die größte Enttäuschung dieses Films, die radikale und anarchische spirituelle Lehre Bhagwans nicht einmal ansatzweise in diesem Film skizziert wurde . Somit bleibt völlig offen, wieso Hunderttausende Menschen oder mehr auf der Welt noch immer strahlende Augen bekommen, wenn sein Name fällt. Halt nicht die Augen einer Sheela, aus denen inzwischen jeder Glanz gewichen ist.