Sonntag, 22. April 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (237): Die Vertreibung des Wunders und des Wundersamen


Wilhelm Reich, der Pionier der modernen Lebensenergieforschung, beantwortete die Frage nach dem Wesen des von ihm postulierten »biologischen Kerns« unzureichend. Zwar ahnte er eine Verbindung zur Liebe als Qualität der primären Persönlichkeit. Doch wo man die energetische Quelle physiologisch ausmachen konnte, darüber existierten nur undeutliche Hinweise. »Irgendwie« ordnete er die sexuelle Energie und ihren ungehinderten Fluss im Organismus dieser primären Persönlichkeit zu, diagnostisch manifestiert in seinem Idealtypus des »genitalen Charakters«. Doch wie hingen Sexualität und Liebe energetisch zusammen? Entsprang die Quelle der Liebesfähigkeit eines Menschen seinem ungepanzerten Becken?

Die Annahmen Reichs hatten mich nicht überzeugt, ich spürte, dass die menschliche Seele und das Thema Liebe mehr charakterisierten als eine frei gelebte, ungepanzerte Sexualität.

Paul Pearsall gab den entscheidenden Hinweis:
  
»Das Herz ist der Haupterzeuger von Info-Energie. Das Herz sendet fortwährend info-energetische Signale mit einem bestimmten Muster aus, welche die Organ- und Zelltärigkeit im ganzen Körper  regulieren.
Da wir Manifestationen dieser Info-Energie sind, die von unserem gesamten Zellsystem absorbiert, intern weitergeleitet und ständig an die Außenwelt emittiert wird, ist das Wissen, wer wir sind und wie wir uns fühlen, eine physische Repräsentation von Zellerinnerungen, auf die wir Zugriff haben.« (Pearsall, Paul 1999, S. 39)

Dass das Herz nicht nur seelisch, sondern auch energetisch-funktionell eine derart zentrale Bedeutung im Leben des Menschen besitzt, leuchtete mir umgehend ein. Dieses Modell des Herzens als Energiezentrum, das Signale von höchster Intensität aussendet, die nicht nur den eigenen Organismus beeinflussen, sondern weit über die eigenen Körpergrenzen hinausreichen, gab Antwort auf viele offene Fragen und Phänomene, auch auf das der Liebe. Pearsall bezeichnete seine Lehre als »Kardioenergetik«.

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Die Fixierung auf das Gehirn und die Logik des Verstandes lässt sich als kulturgeschichtliches Erbe der Aufklärung interpretieren. Das Wilde, das Unberechnenbare, die Magie und das Irrationale des Herzens und seiner Gefühle hingegen wirken bedrohlich auf ein mechanistisch-rationales Verständnis des Menschen und seines Wesens. In dieser Weltkonstruktion bedarf es eines überlegenen Generals, einer von seinem Feldherrnhügel die Szenerie überschauende Autorität, die alles kontrolliert und der sich alles unterzuordnen hat: das Gehirn.

Nur, dieses Menschenbild ist nicht das einzige, das in der Geschichte der Menschheit eine Rolle spielt. Es existieren Kulturen, deren intuitives Wissen und transzendente Weisheit über die menschliche Natur dem Modell der Kardioenergetik in manchem näher steht als die westliche. Das westlich-rationale Denken erfasst die Wirklichkeit auf eine analytische, also trennende und zerlegende Weise. Es trennt nicht nur die Totalität der Wirklichkeit selbst, sondern auch das erkennende Subjekt vom betrachteten Objekt; an dieser Gestaltungsweise des Denken konnten auch die Erkenntnisse der Quantenphysik nichts Entscheidendes ändern.

Damit wurde nicht nur das Wunder, das Wundersame und Wunderbare, sondern auch der Zauber des Zufalls und der Zauber der Schöpfung selbst aus der Wahrnehmung des Menschen vertrieben. Geistesgeschichtlich mag es eine verheerend wirksame Waffe darstellen, welche die Aufklärung gegen die Macht des Klerus und der Feudalstrukturen zum Erfolg führte. Allerdings feiern in unseren Tagen die Dämonen des Irrationalen gerade auf dem Feld der Politik fröhliche Urständ. Was den Verdacht aufkommen lässt, dass auf diese Weise das Verdrängte und Abgespaltene mit einer destruktiven Wucht an die Oberfläche drängt, die es unberechenbarer und unbeherrschbarer machen.

Zudem nährten meine Erfahrungen und Erkenntnisse den Eindruck, dass die instinktiven und intuitiven Fähigkeiten des Menschen unseres Kulturkreises immer weiter verkümmerten, was sich insbesondere im Umgang mit seinen eigenen Nachkommen und in seinem Liebesleben manifestierte.

Dazu trat die Erkenntnis, dass die körpertherapeutische Tradition, der ich mich bisher verbunden fühlte, sich von vielen dieser Aspekte unberührt zeigte, Grenzen und Begrenzungen aufwies, die nicht nur auf die Methoden selbst, sondern auch auf die Begrenzungen ihrer Protagonisten verwiesen. Insbesondere das Narzissmus-Phänomen blieb so auf der Agenda.

In all dem fand sich der Ausgangspunkt einer Reise, die mich in den folgenden Jahren in Landschaften führen sollte, die einen anderen Bereich menschlichen Wissens als den analytisch-rationalen markierten: dem der Metaphysik, der spirituellen Traditionen und Weisheitslehren der Menschheit.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 15. April 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (236): Heilung aus dem Herzen


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Von welch ungeheurer Kraft und Bedeutung muss Liebe sein, wenn sie als Bindungsimpuls bereits in frühester Kindheit, trotz vieler Widrigkeiten, wirkt? Im Leben von Jugendlichen und Erwachsenen drängt sich die Sexualität mit aller Macht ins Bild. Ob gelebte Sexualität mit Liebe verbunden wird, könnte dies auf früheste prägende Bindungserfahrungen verweisen?

Ich fühlte mich auf der Spur, aber noch keine Klarheit in mir.

Neben Erfahrungen können Bücher Geschenke des Lebens sein, nicht weil sie schön verpackt sind, sondern weil ihr Inhalt einen verändernden, »verrückten« Blick auf das Leben auslöst. Bücher, bei denen es wie Schuppen von den Augen fällt.

Einst fiel Wilhelm Reichs Funktion des Orgasmus auf den fruchtbaren Boden meiner Suche nach Antworten. 30 Jahre später traf ich auf ein Buch, das mich in ähnlicher Weise wachrüttelte: Heilung aus dem Herzen – die Körper-Seele-Verbindung und die Entdeckung der Lebensenergie des Psychoneuroimmunologen Paul Pearsall (Pearsall, Paul 1999).

Pearsall gab eine einfache Antwort: Die Quelle und das Instrument jeder Verbindung und Bindung zwischen Menschen ist sein Herz, das Organ der Liebe.

Er fand und benannte damit gleichzeitig das fehlende Kernelement für das Verständnis der primären Persönlichkeit des Menschen und der Quelle seiner Lebensenergie.

Die primäre, liebende Natur des Menschen, bei Kohut das »Kernselbst«, bei Balint die »primäre Liebe«, bei Reich der »biologische Kern«, führen nach Pearsall zurück in ihren Ursprung:: in das Energiesystem des Herzens.

Er zeigt, dass das menschliche Herz weit mehr als eine mechanische Pumpe darstellt. Sein elektromagnetisches Feld wirkt bis zu 5000 mal stärker als das des Gehirns. Welche Funktion erfüllt es damit?

Pearsall Forschungen und wissenschaftliche Schlussfolgerungen, seine Tiefeninterviews mit Herztransplantatempfängern und andere Quellen deuteten auf etwas, was jeder Mensch und jede Kultur offensichtlich weiß: Das Herz und die Seele bilden eine Einheit.

Untermauert wird dies nicht allein durch Hinweise aus unserer Körpersprache, die auf das Herz zeigt, wenn ein Mensch vom Selbst oder dem Sitz seiner Seele spricht. Wer deutet in diesem Fall schon auf seinen Kopf?

Dennoch, die moderne westliche Wissenschaft neigt dazu, das Seelenleben vollständig dem Gehirn zuzuordnen. Selbst der Tod wird nicht mehr mit dem Stillstand der Herz-, sondern der Gehirnfunktionen definiert. Das Herz hingegen erscheint als eine mechanische Pumpe, ein hochentwickelter Muskel, der, wird er disfunktional, repariert und transplantiert werden kann.

Ich fragte mich, ob hier nicht ein merkwürdiges Ungleichgewicht im kulturellen Bewusstsein über die Funktionen von Herz und Gehirn herrschte. Was steckte dahinter?

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 8. April 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (235): Das verlorene Paradies der Liebesfähigkeit

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So spiegelte sich im Gesellschaftlichen vieles von dem, was in den gemeinsamen Elementen der vorherrschenden Persönlichkeitsstrukturen angelegt war. Zeigen sich Übertragungen dem Blick des Therapeuten, stellen sie ein wertvolles Handwerkszeug für den Transformationsprozess dar. Agieren sie hingegeben unbewusst und ungehemmt in andere Beziehungen hinein, verursachen sie Konflikte und Leid. Repräsentieren Übertragungen und Idealisierungen vom Einzelnen auf das Ganze in Gestalt politischer und religiöser Ideen, die in der Sozialgeschichte viel Unheil anrichten, die unerledigten Geschäfte einer zerstörten Liebesfähigkeit?

Es schien mir, als ob mit der Geburt jedes Kindes das Geschenk der Liebe von neuem in die Welt gebracht wird. Jedes Neugeborene symbolisiert die Chance, zu lieben, lieben zu lernen. Wie regelmäßig wird dieses Geschenk in der eitlen Pose des Egos zurückgewiesen, ignoriert oder verachtet?

Ein Kind muss lernen, seine liebende Natur zu verleugnen, bis am Ende des Weges der Hochmut des Ego-Verstands und nicht mehr das wilde liebende Herz sein Dasein bestimmen, es wird gezähmt, hoffähig gemacht.

All dies geschieht zum Preis seelischer Verhärtungen, die sich in die Körperseele des Kindes, und, erwachsen geworden, in die seiner eigenen Nachkommen eingraben. Ein Teufelskreis, wird er nicht durchbrochen, der sich von Generation zu Generation fortsetzt.

Hier stieß ich auf jene Dualitäten, mit denen die Menschheit ringt: Gott und Teufel, Gut und Böse, Himmel und Hölle, Hell und Dunkel, Licht und Schatten: Die eine Polarität findet sich in dem Geschenk der Herzenswärme, die mit jedem Neugeborenen in die Welt getragen wird (und einen wesentlichen Teil des Christusmythos ausmacht(*FN*    Wilhelm Reich hat sich unter diesem Aspekt in seinem Buch «Christusmord» ausführlich mit dem Christusmythos beschäftigt*FN*)). Die andere wirkt als die destruktive Kraft der Übertragungen, welche in der Tiefe die ungelebten und verzerrten Liebessehnsüchte der Menschen repräsentieren.

Das verlorene Paradies der Liebe zeigt sich in allen Kulturen: In jenen kitschigen oder sentimentalen Liebesliedern und Schlagern, die sich bei den Völkern der Welt fanden, in den Arien der großen Opern, in Literatur und Kunst. Ein erheblicher Teil des kulturellen und kreativen Schaffens drehte sich um das Sujet der Liebe. Handelte es sich dabei lediglich um die Sublimierung des Sexualtriebes, wie Freud annahm oder war hier eine eigenständige Wirkkraft am Werk? Deutete dies alles nicht auf eines: Auf die ungeheure Wirkkraft der und die ungestillte Sehnsucht nach Liebe im Leben der Menschen?

Doch was war Liebe? Freuds Triebtheorie und die darauf basierenden Antworten Reichs überzeugten mich nicht. Das psychische Erleben sollte einfach nur eine Spiegelung des sexuellen Trieberlebens darstellen?

Sexualität beeinflusste das Seelenleben nachhaltig, das stand außer Frage. Repräsentierten Liebesgefühle nur die halluzinierten Tagesreste eines befriedigenden oder unbefriedigenden Sexuallebens? Oder fand sich hier ein eigenständiges bio-emotionales Grundbedürfnis? Bildete die Spaltung von Sexualität und Liebe das Hintergrundszenario für sexuelle und seelische (Selbst-)Entfremdungsprozesse?
 
Nicht schon die Wortwahl verweist auf Nuancen: Erfahre ich ein »befriedigendes Sexualleben« oder ein »erfülltes Liebesleben«? »Befriedigend« verweist auf das Triebhafte, im Sinne von Hunger und Sättigung. »Erfüllt« deutet auf eine seelische Komponente, die hinzutritt, ähnlich, wenn ich von »Liebesleben« statt »Sexualleben« spreche.

Die Bindungsforschung bot über das Triebmodell hinausgehende Antworten an. Dass der Mensch ein Bindungswesen ist, konnten die Forscher seit John Bowlby immer wieder eindrucksvoll nachweisen.
Menschliche Bindungsbedürfnisse, insbesondere in der frühkindlichen Entwicklung, gebärden sich dermaßen auffällig, dass die Bindungsimpulse selbst dann keinen Schaden nehmen, wenn sie auf eine eingeschränkte Liebesfähigkeit eines oder beider Elternteile treffen. Was den berühmte »Normalfall« darstellt, nach dem gern gefahndet wird.

Auch die moderne Säuglingsforschung, die Daniel Stern begründete, gab zahlreiche Hinweise auf das bindungsorientierte Wesen des Babys. Sie lieferte wertvolle diagnostische Anhaltspunkte für Störungen in der Mutter-Kind-Interaktion und die daraus resultierenden Einflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen.

Die Phänomenologie der Liebe als menschliche Bindungs- und Sozialkompetenz konnten die Forscher eindrucksvoll beschreiben und nachvollziehbar machen. Doch die Frage nach dem Wesen der Liebe, die den Menschen prägt und bewegt, und zwar ein Leben lang, blieb für mich noch immer ein Stück im Dunkel.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 17. März 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (234): Warum liebt ein Kind seine Eltern?

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Es gab Fragen, die erschienen so banal, dass man sie gar nicht erst stellte. Ein Beispiel fand sich in dem Phänomen der Liebe zwischen Eltern und Kindern.

Es erstaunte, dass fast jedes kleine Kind Vater und Mutter in einem Maße liebte, sie idealisierte und verklärte, das deutlich über eine Resonanz auf die Elternliebe hinausging. Dies blieb selbst dann zu beobachten, wenn die Beziehung der Eltern zu ihrem Kind nicht gleichermaßen Liebe, Zuwendung und Achtsamkeit, sondern Egoismus, Abweisung und Missachtung prägte. Ein eklatanter Unterschied zwischen der Liebesfähigkeit von Eltern und Kindern schien wenig zu ändern an diesem fast naturgesetzlichen Phänomen.

Es erweckte den Eindruck eines nahezu unbegrenzten »Liebesvorschusses«, den die Kleinen Mama und Papa schenkten. Wirkten hier noch umfassendere Faktoren als eine Bindungsenergie, die sich nährte aus dem Schutzbedürfnis der Babys und Kleinkinder? Arbeitete hier eine Kraft, eine Lebenskraft, eine Energie, die über die Biologie einer Libido im Sinne Freuds und Reichs hinauswies?

Meine wachsenden Erfahrungen in der transformativen Arbeit verdeutlichlichten mehr und mehr: Selbst neurotische oder schwerere Störungen auf Seiten der Eltern verhinderten jenen »Liebesvorschuss« des Kindes nicht. Ein Kind wendeten sich nicht umgehend schaudernd ab, selbst andauernde seelische und körperliche Gewalt erstickten die kindliche Liebe nicht, formten sie jedoch maßgeblich.

Es versetzte mich in Erstaunen, unter welchen widrigen familiären Verhältnissen manche Kinder ihre innere Integrität bewahren konnten. Während andererseits Menschen bei scheinbar günstigeren Ausgangsbedingungen psychische Verwerfungen aufwiesen, deren Ausmaß verblüffte. Es stellte sich die Frage, ob neben tiefenpsychologischen Einflussfaktoren noch weitere Katalysatoren existierten, welche dafür verantwortlich zeichnen. Bildet allein die Erfahrungsgeschichte den Boden, in dem eine relative seelische Gesundheit im Erwachsenenalter wurzelt? Was definiert sie? Ich begann zu ahnen, dass die Liebesfähigkeit des Menschen damit in Zusammenhang steht. Aber auf welche Weise?

Das innere Kind im Erwachsenen suchte ein Leben lang jene Resonanz von Liebe, die es in der Beziehung zu den Eltern am Ende nicht fand. Es blieb ein Kreis offen, ein Bereich nicht beantworteter und nicht gelebter Liebe. Dieser bildete das Reservoir und den Ausgangspunkt aller Übertragungsprozesse.

Da sie nicht durch reale Bindungserfahrungen geerdet waren, vermischten sie sich mit den – kompensatorischen – Grandiositätsphantasien des narzisstischen Egos. Es steckte eine gehörige Portion Verzweiflung in der Grenzenlosigkeit solcher Vorstellungswelten, ein Hunger, eine Gier, die sich ins Unermessliche und gleichzeitig Irrationale steigern konnte.

Das Ego glich auf diese Weise die erfahrenen Defizite von Liebe mithilfe einer Persönlichkeitsstruktur aus, die unersättlich zu gieren schien nach der Anerkennung und Bestätigung durch andere, die gleichzeitig ein hohes Maß an bindungsloser und realitätsverleugnender Ich-Bezogenheit aufwies. Entkoppelt von der Realität, mussten sich sich diese Anstrengungen als Abstraktionen erweisen.

 »Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören« bemerkte Hegel einmal in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Idealen. Es deutete auf ein markantes Merkmal nicht nur der vorherrschenden, vom narzisstischen Ego dominierten sozialen Prozesse, sondern unserer gesamten Kultur. So spiegelte sich im Gesellschaftlichen vieles von dem, was in den gemeinsamen Elementen der vorherrschenden Persönlichkeitsstrukturen angelegt war.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 10. März 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (233): Die Höllenangst vor der Liebe

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Die Maske herrschte, nicht die Wahrheit. Galt das auch in der Therapie? Fanden sich hier die gleichen Mechanismen wir wie im normalen Leben? Was galt es auf diese Weise, mit diesem Aufwand, zu schützen, zu kontrollieren?

Ging es um etwas Tieferes, das Selbst, den Kern der Persönlichkeit, jenen inneren Raum jenseits der Ich-Strukturen? Was aber kennzeichnete das Wesen dieses Selbst? Der »biologische Kern«, von dem Reich sprach, firmierte als eine Art Grundausstattung des Menschen, betrachtet man es als energetisches System. Damit grenzte er sich vom Bauchladen des Freudschen Unbewussten ab, in das alles hinein passte, was nicht dem Bewussten entsprach. Oder präsentierte sich das Selbst als jene unveränderliche, Inkarnationen überdauernde Wesens-Instanz der Persönlichkeit (»Atman«), wie Hindus glauben?

Der Begriff »organismische Wahrheit«, den ich in meinen Veröffentlichungen verwendete, verknüpfte die biologistischen Äußerungen Reichs mit der Instanz des Spirituellen, Physik mit Metaphysik. Gleichzeitig nahm ich ein Unbehagen wahr, denn all diese »Selbst-Konzepte« muteten etwas abstrakt an. Gab es einfachere Antworten?

In allen Systemen, den westlich-psychologischen und den östlich-spirituellen, tauchten zwei Begriffe immer wieder auf: Liebe und Herz.

Zielten all die Bemühungen der narzisstischen Ich- und Weltkonstruktionen darauf, das eigene Herz, die Quelle seiner liebenden Natur zu schützen? Sollte es so einfach sein?

Das narzisstische Gieren nach dem bewundernden Blick der Anderen, repräsentierte dies eine subtile Form des Bedürfnisses nach einem »Sich-Lieben-Lassen«, ohne dabei selbst zu lieben? Steckte hinter dieser Gier nach Anerkennung ein dramatisches Defizit, ein existentieller Hunger und Durst nach Liebe?

Spürte man aufmerksam hinter die Fassade der Worte und Verhaltensweisen, trafen diese Muster auf jeden Menschen mehr oder weniger zu. Menschen sehnen sich nach Liebe. Gleichzeitig verspüren sie eine Höllenangst davor, ihr Herz zu öffnen, bedingungslos und authentisch und aus dem Herzen heraus zu sein, ohne Netz und doppelten Boden Liebe zu leben. Abgesehen von kurzen Phasen des Verliebtseins, das oft regressive und realitätsverleugnende Eigenschaften aufweist. Doch wie hing dies zusammen?

Bezogen auf die psychoanalytische Charakterlehre und Charakteranalyse Reichs skizzierte ich erste Entwürfe, in denen ich den Kern des Charakters nicht mehr allein auf die Prägungen der psychosexuellen Entwicklung zurückführte, sondern auf die Erscheinungsformen dessen, wie ein Kind lernt, seine Liebe zurückzuhalten und zu verformen, sein Herz zu schützen. Der Schizoide flüchtet sich beispielsweise in die Paradiesvorstellungen seines Intellekts, der Anale in Zwangsrituale, der Phalliker in dominante Grandiosität, der Hysteriker in die Flucht vor emotionaler Nähe usw.

Bald betrachtete ich narzisstische Verhaltensmuster als ubiquitäres Phänomen, das in deutlichem Zusammenhang mit den menschlichen Bedürfnissen nach Halt, Bindung und Liebe stand. All das wurde bereits in der frühesten Entwicklung geformt und geprägt.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 24. Februar 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (232): Die Maske herrscht, nicht die Wahrheit

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Ich beobachtete weiter, mich selbst und andere. In narzisstischen Verhaltensmustern zeigte sich ein augenfälliges Bedürfnis nach Anerkennung und Geliebtwerden. Selbst Fremden gegenüber und Menschen, zu denen keinerlei Beziehung bestand, ließ sich solches Gebaren beobachten.

Das ging soweit, dass das eigene Kind, der Freund oder Partner öffentlich beschämt oder beschimpft wurde, um gegenüber den anonymen Blicken Fremder zu bestehen. Hier zeigte sich nicht nur um ein situationsbedingtes Verhalten, sondern eine »Haltung«, die sich als »soziale Maske« (W. Reich) durch das Leben zog. Der Verrat, den jemand als Kind durch seine Eltern erlitten hatte, wiederholte sich so an denjenigen, denen man sich verbunden fühlte.

Das narzisstische Ego trat unbewusst als Racheengel des ungeliebtes inneren Kindes auf. Es traf nicht nur das eigenen Herz, sondern auch das Herz derjenigen, mit denen man in Liebe verbunden war. Zudem suchte es fatalerweise nach Antwort in der Außenwelt, statt in der Beziehung zu sich selbst. Die Strategie führt genauso wenig zur Liebe wie der bei manchen Menschen lebenslange Versuch, von den Eltern im Nachhinein die heilende Liebe zu erfahren, die man als Kind vermisste.

Bei denjenigen, die scheinbar auf gesellschaftliche Konventionen pfeifen, fand sich dieser stumme »Schrei nach Liebe«, nur bezog er sich nicht mehr auf die Gesellschaft, sondern auf die Subkultur, der man sich zurechnete und deren Bedeutung für die eigene Identität bis hin zum Fanatismus anwachsen konnte.
 
Ein weiteres Merkmal des narzisstischen Egos fand sich in den kommunizierten oder verborgenen Grandiositätsphantasien. Im üblichen Sprachgebrauch gibt es für die offene Variante viele Worte dafür: »Schaum schlagen«, »aufschneiden«, »angeben«, »prahlen«, »protzen«, »sich aufplustern« usw. Das Selbstbild, das sich hierin präsentierte, besaß Eigenschaften eines Werbeclips. Der versprach eine heile Welt, von der alle Beteiligten, die Macher und die Zuschauer, wussten, dass sie verlogen war. Ein einzigartigen Heldenepos, ein Werbeclip, der rund um die Uhr läuft, und dessen einzige Funktion darin bestand, Erwartungen zu erfüllen, durch die man sich eine Antwort von Geliebtwerden erhoffte.

Schwieriger zu erkenen als der Prahlhans erwiesen sich diejenigen, die bescheiden, zurückhaltend auftreten und bei denen die Grandiosität verborgen im Inneren aufschien und nur im Verhalten erkennbar wurde. Das Muster war das gleiche: Der Schrei nach Liebe verbarg sich hinter der Maske der Bescheidenheit und Zurückhaltung, um die verinnerlichten Erwartungen zu erfüllen, die Liebe versprachen. Ich gewann den Eindruck, dass all diesen Haltungen gemeinsam ein kleines, verlorenes, sich nach Liebe sehnendes Kind verborgen war, dass sich zum Ausgleich aufplusterte, großartige machen musste, um zu überleben. Das narzisstische Ego ließ sich also als ein Kompensationsmechanismus interpretieren, ein Heilungsversuch für ein Selbst, dass sich überhaupt nicht großartig, selbstbewusst und stark empfand, sondern klein, unsicher und schwach.

Dazu passten auch die ausgeprägten Schutz- und Kontrollmechanismen, die mit Empfindlichkeiten gegenüber jeder Art von Kritik verknüpft waren. Sobald ein Hauch von kritischer Sichtweise herüberwehte, traten Abwehrmechanismen unterschiedlicher Couleur hervor: Wutausbrüche, Halsstarrigkeit, rechthaberischer Trotz, Beleidigtsein, Beschimpfungen, Rückzug, Kontaktabbruch, Überheblichkeit, Verachtung. Sie stellten nur einige Varianten dessen dar, wie Menschen in sozialen Zusammenhängen auf kritische Äußerungen reagieren.

Doch in der alltäglichen Kommunikation zwischen Menschen stand eines im Vordergrund, ein unausgesprochenes »Rührmichnichtan«, bezogen auf das narzisstische Ego. Wir nannten es »Konvention« oder »Höflichkeit«, Reich sprach von der »sozialen Maske«, in der Politik hat man es als Kunst der »Diplomatensprache« zur höchsten Stufe der Abstraktion von jeglicher Gefühlsäußerung entwickelt.

Offensichtlich existiert ein stillschweigendes Übereinkommen, das narzisstische Ego, das Bild, die Geschichte, die jemand sich selbst und anderen vermitteln will, nicht infrage zu stellen. Es gilt, zu verhindern, dass der andere »sein Gesicht verliert«. Gemeint ist die Maske, denn fiele die Maske, kämen authentische Emotionen zum Vorschein (s. o.). Was es um jeden Preis zu verhindern gilt. So verrückt sind wir Menschen, »verrückt« von der Wahrheit, der Authentizität. Die Maske herrscht, nicht die Wahrheit.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 19. Februar 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (231): Die narzisstische Kollusion

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Dies legte die Vermutung nahe, dass durch die Veränderungsprozesse, die unsere Methoden auslösten, ein unzureichend funktionierendes Selbstsystem durch ein korrigiertes und optimiertes ersetzt wurde. Immerhin, das war ja schon was. Aber wenig von dem, für das es sich hielt.
Ich diskutierte manche dieser Fragen damals mit meiner Kollegin, der Körpertherapie-Trainerin Bettina Schröter. Wir hielten ein Seminar mit dem Titel »Narzisstische Schattenwürfe in der Körpertherapie« auf dem Jahreskongress der DGK 2003.

»Rekurrierend auf den Paartherapeuten Markus Möller, betrachten wir die narzisstische Kollusion mit einer anderen Person, spezifisch die Therapeut-Klient- oder die Therapeut-Trainee-Beziehung.
Dabei bedarf es eines Zusammenspiels eines unbewussten überhöhten Therapeutenselbstbildes mit einem Klienten, der sich durch tiefe, aber bewusste Selbstzweifel und regressive Fixierung auszeichnet.
Beide Systeme komplettieren sich in der narzisstischen Kollusion und bilden somit ein stabiles dyadisches System. Der Klient delegiert in dieser Kollusion seine Selbstressourcen weitgehend an den Therapeuten, der Therapeut seinen spezifischen Mangel an Selbstressourcen an den Klienten.
Dabei bildet die narzisstische Gratifikation des Gebrauchtwerdens auf Seiten des Therapeuten das Gegenstück zur regressiv-fixierten Bedürftigkeit des Klienten, d. h. je abhängiger und bedürftiger sich der Klient zeigt, desto besser fühlt sich der Therapeut in seinem verzerrten Selbstsystem. Beide (miss)brauchen sich gegenseitig, um die eigene Identität zu stabilisieren und im Gleichgewicht zu halten. Dass unter diesen Umständen eine Entwicklung hin zur Autonomie und Unabhängigkeit des Klienten kontraindiziert ist, dürfte ein nahe liegender Effekt sein ... »(*FN*Unveröffentlichtes Manuskript, im Archiv des Autors*FN*)

Es war offensichtlich, dass das alte schulmedizinische soziale Modell einen bedeutenden Anteil an diesen »Schattenwürfen« besaß. Denn es wies nicht nur eine soziale Hierarchie und ein deutliches Machtgefälle auf, sondern basierte auf einer fundamentalen Trennung zwischen Subjekt und Objekt.

Der Patient und in abgemilderter Form auch der »Klient« erwiesen sich als Objekte der therapeutischen Strategien und Techniken, in der Körpertherapie repräsentiert durch die vorgegebenen Übungen oder technischen Interventionen. Die Gefahr eines narzisstischen Missbrauchs war also strukturell vorgegeben. Wiederholten damit die Therapien der Seele genau das, was bereits im neurotischen Familiensystem angelegt war? Deuteten sich nicht einige beunruhigende Parallelen an durch die Anpassung an die Erwartungen der Eltern hier und der Therapeuten dort? Fand sich in der »narzisstischen Kollusion« ein Wirkmechanismus, der darüber hinaus in allen sozialen Systemen zu finden war?

Samstag, 10. Februar 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (230): Grenzen körpertherapeutischer Transformation

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Die körpertherapeutischen Herangehensweisen halfen dabei, diese zurückgedrängten, blockierten Emotionen in die Persönlichkeit zu reintegrieren. Eine Identifizierung mit den Gefühlen des »inneren Kindes« ging mit diesem Prozess einher.

Das narzisstische Ego, das ließ sich immer wieder beobachten, lernte, sich in körpertherapeutischen Prozessen mit den individuellen emotionalen Programmen zu identifizieren. Verdrängte oder abgespaltene Emotionen ließen sich so im Laufe des Prozesses reintegrieren. Soweit, so gut.
Damit war ein Transformationsprozess der Persönlichkeit allerdings nicht abgeschlossen. Denn was hier geschah, dürfte im besten Fall eine Umstrukturierung des narzisstischen Egos im Sinne einer Korrektur darstellen. Die vorher blockierten Gefühle zeigten sich erweitert, komplementierten im besten Fall das zwanghafte Denken und die Identifizierung mit den Konstruktionen des Ego-Verstands.

Was körpertherapeutische Therapien ermöglichten und der Klient lernte, bestand darin, vorher abgespaltene, verdrängte Gefühle und ihren emotionaler Ausdruck in die Persönlichkeit zu reintegrieren. Das Ich-Bewusstsein schloss das »innere Kind« liebevoll in die Arme. Doch war damit alles gut?

Beobachtungen an mir selbst und meiner Umgebung zeigten etwas anderes: Das Ich-Bewusstsein und die Selbst-Bezogenheit verloren nicht etwa an Intensität und Präsenz, sondern gewannen. Man erhielt den Eindruck, von lauter Egozentrikern umgeben zu sein, die sich nur mt sich selbst beschäftigten, deren Bezogenheit nur um ihr eigenes Wohlbefinden, ihre seelischen Wetterumschwünge und die sie selbst betreffenden Irritationen ihrer Umwelt kreisten. Die narzisstischen Persönlichkeitsmuster nahmen nicht ab, sie zeigten sich potenziert. Nur mit anderen Etiketten. Wo vorher »die anderen sind an allem schuld« draufstand, las man »ich bin viel geiler als die anderen«. An der Grundhaltung,
diese »Anderen« als Gradmesser der eigenen Identität zu betrachten, hatte sich nichts geändert.

Hier stieß man an eine Grenze dessen, was eine Körperpsychotherapie oder die Psychotherapie überhaupt zu leisten imstande war. Das alte »neurotische Gleichgewicht« ersetzte man durch ein korrigiertes seelisches Konstrukt. Die alte Geschichte dessen, wer man glaubte zu sein, ersetzte man durch eine neue Story. Eine Geschichte, die man sich und anderen in allem erzählte, was in der Persönlichkeit aufschien.

Doch fühlte sich der Klient automatisch in Einklang mit sich selbst und der Umwelt? Vermochte er jene Heimat und jenen Frieden in sich wahrzunehmen, die er einst verloren hatte? Lebte er Freiheit, innerlich und äußerlich, in seiner Lebensumwelt, Beziehungen und Bindungen? War die Spiegelungssucht, also der ständige Drang nach Anerkennung und Bewunderung durch andere, das fundamentale Defizit an Liebesfähigkeit, damit aufgehoben? Ließ sich dieser Weg als Beitrag zur Transformation der Persönlichkeit, zur Aufhebung der Selbstentfremdung, zur Befreiung aus der narzisstischen Falle betrachten?

Es fehlte ein entscheidender Schritt: die Des-Identifizierung der Person mit allen Gefühlen, die nach Dominanz, Macht, Kontrolle, obsessiver Artikulation oder zwanghaftem Ausdruck strebten. Solange das Gefühlsleben das Ego nährte und beherrschte, verhinderte das Ego die innere Freiheit und die Liebesfähigkeit.

Denn die Stimme des »inneres Kind« konnte im Alltag durchaus obsessiv machtbesessen und vollkommen egozentrisch und asozial agieren, als Abwehr und Widerstand im Therapieprozess wirken. Es ließ sich ein auffälliger Egozentrismus in der gesamten Körpertherapieszene beobachten, bei mir selbst, bei Klienten und Therapeuten, das mit einem deutlichen Mangel an sozialem Einfühlungsvermögen einherging. In den Verhaltensmustern und hinter allen Worten hörte ich Kinder, die verzweifelt schrien: »Ich, ich, ich!«

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 3. Februar 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (229): Annäherung an das Phänomen des Narzissmus

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Der Mammon erwies sich in der Szene als Tabuthema, man sprach nicht darüber. Dennoch schien es ein Gradmesser dessen zu dienen, was man für Erfolg hielt. Also alles wie im Leben, wie in der Gesellschaft, die uns umgab. Wie sollte es anders sein?

Nur: Befriedigend, erfüllend, glücklich machte das alles nicht. I can’t get no satisfaction blieb eine unausgesprochene Wahrheit, auch in den Transformationsversprechen der modernen Körpertherapien.

Später fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Antrieb all dieser Ambitionen fand sich in den Konstruktionen meines Ego-Verstands, jenen Rationalisierungen, die all das schön redeten, was an Widersprüchen und Unbehagen aufschien. Die sich nur daran interessiert zeigten, sich die konventionellen Symbole des Geliebtwerdens einzuverleiben und diese zu vermehren: soziale Anerkennung und Geld. Zeigte sich hier nicht die Bankrotterklärung von Liebesfähigkeit?

Ich sprach und lehrte über die Transformation der Persönlichkeit, über das energetische Strömen in Körper und Seele. Aber, Hand auf Herz, ich selbst fühlte mich nicht ständig lebendig und frei, sondern häufig gestresst, arbeitswütig und verbissen. Befand ich mich also auf dem besten Weg, als wichtigtuerischer »Wahrheitskrämer« (W. Reich) zu enden, der Körper und Lebensenergie in seine Wirklichkeitskonstruktion eingebaut hatte anstatt zum Beispiel Aktienhandel oder Gesetzesinterpretationen?

Denn in Wahrheit deutete alles darauf hin, dass ich aus narzisstischen Bedürfnissen nach Anerkennung und Erfolg agierte. Meine Aufmerksamkeit richtete sich nach außen, auf die phantasierten Blicke und antizipierten Urteile anderer. Meine Persönlichkeit erwies sich nicht als frei, trotz jahrelanger Therapie, Orgasmusreflex und vegetativem Strömen. Etwas stimmte hier nicht. Ich fühlte mich in einer Falle, gefangen in einem narzisstischen Teufelskreis aus Gedankenkonstrukten und der Gier nach Anerkennung.

Bei Weggefährten, in Beziehungen, wie sah es denn da aus? Offenbar auch nicht anders. In den sozialen Zusammenhängen, in denen ich mich bewegte, spielten bei genauem Hinsehen Rivalitäten und Machtambitionen eine ebenso zentrale Rolle wie die endemischen Bedürfnisse nach Anerkennung und Bewunderung. Hörte ich meinen eigenen Reden und denen anderer genau zu, dann stand hinter allem eine unausgesprochene Botschaft: »Finde das, was ich sage, toll. Halte mich für wichtig, bewundernswert, einzigartig, besonders, speziell, liebenswert. Liebe mich.«

Eigenartig. In mir wuchs allmählich die Erkenntnis heran, dass Narzissmus, die Gier nach den anerkennenden Blicken der Anderen, verbunden mit innerer Leere oder Armut, mehr darstellte als nur die Pathologie einer »Persönlichkeitsstörung«, wie es die vorherrschende Lehrmeinung seit Kohut suggerierte. Phänomene des Narzissmus schienen in jeder Persönlichkeit auf, in unterschiedlichen Ausprägungen. Sie präsentierten sich ubiquitär, überall um mich herum. In ihnen zeigte sich zudem eine Schattenwelt, die sich durch die Geschichte der Psychotherapie zog.

Grandiositätsphantasien zogen sich wie ein roter Faden von Freud über Jung und Reich bis hin in die aktuelle Generation von Psychotherapeuten. Nebenher, aber nicht zu verleugnen, ging dies einher mit Varianten subtilen narzisstischen und bisweilen sogar offenen sexuellen Missbrauchs von Klienten, ebenso tabuisiert wie verbreitet.

Wie wirkten sich narzisstische Persönlichkeitsmuster auf die therapeutische Arbeit aus? Welche Fragestellungen ergaben sich hierfür insbesondere in der Körpertherapie?

In der Kindheit lernte der Mensch, Gefühle und Emotionen in sich zu kontrollieren. Dies entsprach den jeweiligen Erwartungen und Rollenzuweisungen des sozialen Systems, in dem er aufwuchs. »Ein Junge weint nicht, ein braves Mädchen lächelt immer nur, aber wird nicht aggressiv.«

Entsprechende charakterliche und körperliche Blockierungen entwickelten sich, um bio-emotionale Impulse zurückzuhalten und zu kontrollieren. Letztere standen später dem erwachsenen Menschen nicht mehr zu Verfügung. Wenn der Junge lernte, den Ausdruck von Trauer in sich zu chronisch zu kontrollieren, um sich niemals mehr verletzlich zu zeigen, vermochte er als erwachsener Mann nicht mehr zu weinen. Das Mädchen, das lernte, aggressive Impulse zurückzuhalten, um »brav« zu erscheinen, lächelnte als erwachsene Frau auch dann noch, wenn ihre Grenzen massiv überschritten wurden. Der zum Mann herangewachsene Knabe ließ weiche, zarte Gefühle nicht mehr zu, das zur Frau erwachsene kleine Mädchen vermochte nicht mehr klar und vehement für seine Interessen kämpfen.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 17. Januar 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (228): Der narzisstische Teufelskreis

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Damit trat das Thema Bindung in einen deutlichen Zusammenhang mit den energetischen Erfahrungen von Verbindung, die ein Mensch in seiner frühesten Entwicklung macht. Dies gilt insbesondere für die pränatale Phase und das erste Lebensjahr, in denen sich die Mutter-Kind-Bindung und das energetische (ich benutze hier den Begriff »energetisch«, um damit all die sensitiven, instinktiven, intuitiven und gefühlsbezogenen Potentiale zusammenzufassen, die im Vorfeld der Ich-Entwicklung und Wortsprache das Kind kennzeichnen) Wesen des Menschen am deutlichsten darstellen.

Gleichzeitig ließen sich nicht nur bei mir selbst, sondern bei allen erwachsenen Menschen eine auffällige übermäßige Identifizierung mit dem Verstand, seinen Urteilen und Konstrukten, beobachten. Dazu trat ein nahezu endemisches Bedürfnis nach den anerkennenden Blicken der anderen, der süchtige Wunsch, sich in inneren oder äußeren Wertsystemen sozial gespiegelt zu sehen. Ich kam also hier mit Fragen nach dem Wesen des Narzissmus, des Egos oder des narzisstischen Egos in Berührung. Ein heißes Eisen.

Was Bindung und ihre Störungsmuster betraf, versuchte das patriarchalische Modell von Therapie vom Olymp des diagnostischen Ego-Verstands herab, Symptome aus der präverbalen Entwicklungsstufe zu behandeln. Einer Phase, in der Verschmelzungserfahrungen, Nur-Körper-Sein, energetische und emotionale Präsenz jenseits der Gedanken und Begriffe, vorherrschen. Kann so etwas funktionieren?

Wie hing das alles zusammen? Eines erkannte ich deutlich: Es galt, sich dem Phänomen des Narzissmus und des Ego-Verstands zu stellen.

Ich beobachtete an mir, dass im Laufe meiner körpertherapeutischen Karriere die Bedürfnisse nach Bestätigung, Erfolg und Anerkennung, nicht ab-, sondern zunahmen. Nach wie vor wollte ich mich »wichtig« fühlen. Vieles davon spiegelte sich im Gradmesser Geld wieder. Die gesellschaftstypische Leistungsorientierung dominierte auffällig mein Denken.

Die freiberufliche Tätigkeit versetzte mich in die Position, das rechte Maß für mein arbeitsmäßiges Engagement zu verlieren, an den Rand der Erschöpfung zu geraten. Ähnliches hatte ich zuvor bei meinen Lehrern beobachten können. Also alles wie im normalen Leben.

Ich kompensierte meine Arbeitswut typischerweise mit steigendem Konsum. Schnellere Autos und andere Männerspielzeuge, häufige Urlaube und Luxus verknüpfte ich mit der Rationalisierung, mir kompensatorisch etwas Gutes zu gönnen. Arbeiten bis zum Rand der Erschöpfung, anschließend das verdiente Geld wieder für einen tollen Urlaub ausgeben, um danach weiter zu ackern, bis spät in die Nacht, ohne freie Wochenenden. Das sollte es gewesen sein? Das also gab sich als die Freiheit, als das Emanzipationsversprechen, die Befreiung, die ich anderen Menschen vermitteln wollte? Wie verlogen war das denn?

Dazu traten, wie ich es aus frühester Jugend kannte, meine politischen und gesellschaftlichen Ambitionen. Überall musste ich dabei sein, mitmischen. Statt Parteipolitik trat Berufspolitik in den Vordergrund: EABP, Forum, Wilhelm-Reich-Gesellschaft, Kongresse, Gaststrainer-Workshops, nicht zu vergessen die publizistische Tätigkeit mit meiner eigenen Zeitschrift »Ströme-Rundbrief für Reichianischer Körperarbeit« und in dem Wilhelm-Reich-Periodikum »Emotion« und dazu noch mein eigener Verlag.

Gedankenkonstrukte und ihre Veräußerung in Wort und Sprache bildeten ein Zentrum meiner Identität. Je mehr ich arbeitete, desto auffälliger wuchs die Neigung, in Konzepten und Interpretationen, die ich mir zurechtgelegt hatte, einen Halt zu finden. Mein Terminkalender plusterte sich auf, ich zog eine perverse Befriedigung daraus. Zehntausende Kilometer jedes Jahr verbrachte ich auf der Autobahn, unterwegs zum nächsten Termin, so besonders fühlte ich mich. Was unterschied mich von einem Versicherungsvertreter, der besessen beruhigende Policen an überängstliche Zeitgenossen verkaufte und atemlos dem Geld hinterherhechelte?

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 14. Januar 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (227): Die Blockierung frühkindlicher Entspanungszustände als Basis für Bindungsstörungen


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Bei der karthartischen Ausdrucksarbeit, also der klassischen Körpertherapie auf hohem Erregungsniveau, besteht die Funktion des Therapeuten u. a. darin, die emotionalen Impulse, die beim Klienten zum Ausdruck drängen, zu unterstützen. Dies geschieht organismisch, indem er körperlich-energetisch mitschwingt (»vegetative Identifikation« bei Reich, »affect atunement« bei Daniel Stern). Dies geschieht sowohl körpersprachlich als auch verbal. Ersteres richtet sich an die präverbale Präsenz des Kindes, letzteres an die kognitive Ebene. Indem der Körpertherapeut ermunternde oder katalytische Worte benutzt (»ja, genau, drücke es vollständig aus, komme ganz heraus damit, gib alles usw.«). Damit setzt der Körpertherapeut den Kontrapunkt zu den blockierenden Botschaften der Eltern, die die emotionalen Impulse hemmten und auf diese Weise die charakterliche Identifizierung des Kindes mit der Hemmung bewirkten.

Wenn ein Mitschwingen, die sog. »vegetative Identifikation«, in der energetischen Erregungsphase eine zentrale Rolle spielt, könnte dies dann nicht ebenso auf die Entregungsprozessen zutreffen?

Hinweise gab es. Ich erinnere an die bereits erwähnten Phänomene der Gehirnwellenmuster in der perinatalen Entwicklung. Darüber hinaus existierte das Mysterium einer »postorgastischen Trance«, jenem tranceartigen Entspannungszustand nach dem Orgasmus, der häufig mit Gefühlen inneren Friedens und äußerer Bindung einhergeht das Phänomen trat ja nicht nur in der erwachsenen Sexualität auf, sondern ließ sich bereits beim »oralen Orgasmus« des Säuglings und nach dem Stillen beobachten.

Alle Fäden liefen in der Hypothese zusammen: Chronische Blockierung von Entspannungszuständen beim Säugling bildet die Basis für die Bindungsstörungen der ersten Lebensmonate. Pulsationszustände von Aktivität und Ruhe, von Erregung und Entregung, schaffen einen Energieausgleich, eine energetische »Harmonie« (Mesmer). Beeinträchtigungen dieser Pulsation in Richtung Entregung, verursacht durch soziokulturelle Entwicklungen, stehen mit der Zunahme von Bindungsstörungen in Zusammenhang. Die Erweiterung der Körpertherapie um den Bereich energetischer Entregung eröffnet einen Weg, Bindungsdefizite zu beeinflussen.

Allerdings führte diese Hypothese zu einer entscheidenden Fragestellung: Spielte es dabei eine Rolle, ob eine Tiefenentspannung ein einzelner Vorgang auf Seiten des Klienten oder eine gemeinsame, eine verbundene, eine Bindungserfahrung darstellte?

Falls dies der Fall sein sollte, galt es allerdings ein Hemmnis zu überwinden, nämlich die Definition und das Selbstverständnis der Therapeutenrolle. Beide bedurften einer Neubestimmung.

Aus der Tradition von Schulmedizin und Psychoanalyse stammt die Haltung, dass der Therapeut beobachtet, aber auch steuert und letztlich kontrolliert, was in Sitzung Platz hat und was nicht. Dies gilt für die Begegnung als solche und insbesondere für die regressiven Zustände des Klienten. Beides bedürfte einer Korrektur. Die Herausforderung bestand darin, im energetischen Kontakt auch Trancezustände zuzulassen. Es verändert die tradierte Rollendefinition des Therapeuten grundlegend, wenn der Körpertherapeut in gemeinsame Tranceerfahrungen mit dem Klienten abgleitet, nicht mehr die steuernde, kontrollierende Instanz darstellt.

Im Grunde verwies all dies auf eine Transformation der therapeutischen Grundhaltung. Es galt, ein tradiertes patriarchalisches Modell, das vom Ego-Verstand her agiert, zu korrigieren und zu erweitern mithilfe rezeptiver Bindungs-Qualitäten, die den intuitiven Ressourcen des Menschen entstammen.

Hier stand nicht mehr der (phallische) Therapeut als Macher, als Diagnostiker und Techniker im Fokus. Gefordert war ein hingebungsfähiger Mensch, der sich den Geheimnissen des Seins öffnet und seine intuitiven und liebevollen Qualitäten einzubringen in der Lage ist. Nicht die Rolle des Therapeuten, seine männliche oder väterliche Seite, die sich in der Welt dort draußen auskennt und sich dort sicher zu bewegen weiß, war gefordert. Sondern vielmehr die weiblichen und mütterlichen Qualitäten, die sich in der Welt von Intimität und Bindung, Einfühlung und Kontakt zuhause fühlt.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 11. Januar 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (226): Das Geheimnis von Rhythmus und Trance

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 Ich hatte das Glück, einen alten österreichischen Magnetiseur kennenzulernen, der offenbar noch Techniken dieser Mesmerschen Interventionen aus Überlieferungen von Magnetiseuren kannte. Es handelte sich um rhythmische, teilweise spiralförmige Bewegungsmuster, die in der Aura, dem Energiefeld des Körpers, ausgeführt werden. Die Spiralform wiederum korrespondierte mit jenen Modellen, die sich in der asiatischen Chakrenlehre finden. Die magnetischen Striche konnten, je nach Implikation, entweder sympathisch-kathartische oder parasysmpathisch-tranceähnliche Reaktionsmuster im Organismus auslösen.

In der Orgontherapie hatte ich gelernt, dass das Streichen in der Aura von oben nach unten harmonisierend-entspannende, von unten nach oben hingegen aufladend-erregende Wirkung zeitigt. Der alte Magnetiseur zeigte mir zusätzlich Techniken, die gezielt in Bereiche der Aura und des Körper eingesetzt werden können.

In einem Buch von Ernest Rossi, einem Schüler Milton Ericksons, stieß ich auf den Hinweis, dass es Trancezyklen gibt, die ca. 20 Minuten andauerten. Das stimmte mit meinen eigenen Beobachtungen und den Ergebnissen der Interviews überein, die ich, für die Recherchen des Säugling-Artikels mit stillenden Müttern gemacht hatte.

Hinweise fand ich bei Felicitas Goodman, die das Trancephänomen von einer kulturanthropologischen Perspektive aus erforscht hatte. Sie verwies auf den Zusammenhang von Rhythmus und Trance, den sie bei ihren Studien der Rituale indigener Völker und Kulturen, von Schamanen und Heilern, vorfand.

Beim Dhikr (ein ekstatisches Ritual der Sufis, in dem die Teilnehmer im Kreis mit Atemtechniken und rhythmischen Lauten der Kontakt zu Gott gesucht wird) der Sufis oder schamanistischen Ritualen, an denen ich teilnahm, spielte ein sich steigernder Trommelrhythmus die entscheidende Rolle.

Plötzlich verstand ich: Auch bei den Mesmerschen Strichen und in der hypnotischen Tranceinduktion gab es Rhythmen. Bei der »Unwinding«-Technik der Cranio-sacralen Therapie, die bei mir selbst Trancezustände ausgelöst hatte, zeigte sich ein (wenn auch relativ langsamer) Rhythmus.

War alles Rhythmus, Pulsation? Repräsentierten Einstimmung auf und Hingabe an den jeweiligen Rhythmus die Tür, um in andere Bewusstseinszustände einzutreten? Gab es einen Zusammenhang zwischen der rhythmischen Frequenz und dem Erregungszustand einer Trance? Repräsentierten die ekstatisch-kathartischen Zustände wie z. B. im Dhikr nur die eine, die tiefenentspannten schlafähnlichen Trance-Stadien eine andere Polarität?

Beeinflusste die Taktfrequenz des jeweiligen Rhythmus die Polaritäten Trance-Somnambulismus oder Trance-Ekstase? Bedeuteten diese Zusammenhänge, dass neben der emotionalen Ausdrucksarbeit noch eine andere, nach innen weisende Polarität existierte, in der nicht die Erregung, sondern die Entregung im Vordergrund stand?

(Fortsetzung folgt)