Sonntag, 18. November 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (250): Der Januskopf des Herzens

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Gehirn und Ego-Verstand gerieren sich gegenüber der Stimme des Herzens und der Herzens anderer distanziert bis feindselig. Spreizen sich, eitel, stolz, besessen, ja berauscht von offenen oder verborgenen Grandiositätsphantasien. Bauen ein Leben lang eine feste Burg aus Meinungen und Urteilen, die angestrengt bis fanatisch verteidigt werden.

Es scheint, als gelte es, zu allem eine Meinung zu haben, alles zu beurteilen, alles zu denken, alles erklären zu können. Und wehe, jemand ist anderer Meinung, oder, schlimmer, kritisiert die eigene. Dann gerät die scheinbar feste Burg, die ganze Persönlichkeit ins Wanken, erzeugt Abwehrmuster, einem seelischen Erdbeben gleich.

Das ist die unermessliche Freiheit des Denkens, die unsere „aufgeklärte“ Gesellschaft repräsentiert. Eine Gesellschaft mit gestorbenem Mitgefühl für die Schöpfung. Eine Gesellschaft der Gier des Egos nach Selbstinszenierung, der Gier nach Macht, der Gier nach dem Materiellen. Doch die Dinge und das Geld leben nicht, können nicht antworten. Sie sind Spielzeuge für Lebewesen, die Angst vor dem Lebendigen haben.

Tote Dinge schenken keinen Frieden, geben weder Heimat noch Halt. Sie tönen, verheißen Glücksversprechen, die niemals eingelöst werden.

Was als Erfahrung von Beschämung begann, zur Scham wurde, wird zur Quelle der Beschämung überall dort, wo sich die Stimme des Herzens artikuliert: In sich selbst, in den Kindern, den einfachen »naiven« Menschen, in den Wilden, den »Unzivilisierten«, den aus ihrem Herzen heraus lebenden Frauen und Männern aller Zeiten und Kulturen. Wir nennen sie primitiv, einfältig, Träumer, Romantiker, weltfremde Spinner, „Gutmenschen“. Im Grunde muss eine leistungsorientierte, den Ego-Verstand heiligende Kultur sie verachten. Mit heiler Haut kommen sie nur dann davon, wenn sie nur verachtet, aber nicht vernichtet werden. Das war und ist nicht immer der Fall.

Was macht sie so bedrohlich? Erinnern sie an wilde, verborgene Sehnsüchte, abgetrieben, vergraben und eingeschlossen in den Tiefen der Seele? Begegnet man ihnen feindselig, weil sie den tiefen Schmerz, das wilde Tier der metaphysischen Sehnsucht berühren oder zu neuem Leben erwecken könnten? Erinnern sie an das, was hinter der eingekerkerten Seele, neben der Leere, unter dem Schmerz auf Befreiung wartet?

Immer dann, wenn ein Herz berührt wird, werden Scham und Schmerz angesprochen. Genau darin zeigt sich der Januskopf der Liebe. Wenn Liebe lächelt, krampft sich das beschämte, das gebrochene Herz allzu bald zusammen, unternimmt alles, um den alten Schmerz nicht wieder fühlen zu müssen. Persönliche Abwehrmuster von Spaltung und Verdrängung, von Verleugnung und Projektion, formieren sich zu einer kampfbereiten Front.

Muss die Stimme des Herzens deshalb sprachlos bleiben? Welche Wege weisen die Richtung, die fast vergessene Sprache des Herzens zu neuem Leben zu erwecken?

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 9. September 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (249): Ein Phyrrussieg ist der Sieg des Gehirns über das Herz

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Ebenso wenig lässt sich die Stimme des Herzens vollständig kontrollieren. Sie meldet sich immer dann, wenn es nicht passt. In schlaflosen Nächten, in plötzlichen Weinkrämpfen, in endlosen inneren Dialogen eines innerseelischen Bürgerkriegs. Immer dann, wenn der Ego-Verstand alles tut, die Stimme des inneren Kindes, die Stimme der Sehnsucht, die Stimme des Beschämten niederzuringen.

Die Beschämung des eigenen Herzens wird nicht nur zur Quelle innerer Kämpfe und seelischen Unfriedens, man könnte sie mit einem Großteil existentiellen Leids in unserer Kultur in Zusammenhang sehen. Einer Kultur des Gehirns, welche nur die Oberfläche, nur einen Teil des menschlichen Wesens abbildet. Nicht nur die Authentizität des Gefühlslebens bleibt auf der Strecke.

Die Bindungs- und Liebesbedürfnisse, die den Menschen von frühester Kindheit an auszeichnen, werden, quantifiziert und zum Tauschobjekt geformt, in einer Weise verzerrt, die die innere Natur langsam erstickt. Am Ende dieses Prozesses finden sich Persönlichkeitsmuster, die, gefangen in ihrem Narzissmus, das vollständige Spektrum von Neurosen, Beziehungsstörungen bis hin zu Sadismus, Mord und Totschlag abdecken.

Ein Pyrrhussieg ist der Sieg des Gehirns über das Herz, weil der Mensch Anmut, Authentizität, Selbst-Halt mehr und mehr verliert. Er versteift, erstarrt. Innen, in den Räumen seiner Seele, herrschen Wüste, Kälte, Krieg und Bürgerkrieg. Die Wüste, diese Kälte veräußert sich, der innerseelische Bürgerkrieg gebiert äußere Bürgerkriege und Kriege. Die Wüste in der Seele des Menschen erzeugt die Verwüstung von Natur und Schöpfung
.
Wer haltlos und mit sich nicht im Frieden lebt, kann mit anderen nicht im Frieden leben. Er braucht die Macht, die Gewalt, das Geld, die Halt und Sicherheit versprechen. Das wussten wir schon lange. Aber wir begreifen es nur, wenn überhaupt, im Kopf. Fühlen es nur wenig. Weinen, trauern nicht mehr beim Anblick der Zerstörungen der Natur um uns herum. Ahnen vielleicht, wie jämmerlich es ist, so mit der Schöpfung umzugehen und sich seiner eigenen Lebensgrundlagen und denen kommender Generationen zu berauben. Die moderne Zivilisation erscheint auf diesem Hintergrund nicht zivilisiert, sondern völlig suizidal und wahnsinnig. Eine einfache Wahrheit. Die Wahrheiten des Herzens sind einfache Wahrheiten.

Die Dominanz des Gehirns  über das Herz erscheint als Pyrrhussieg. Das Herz kann nicht herausgerissen werden. Solange ein Mensch lebt, wird es nicht sterben. Das Herz kann ignoriert werden. Es kann abgespalten werden. Es kann verachtet werden. Es kann verschlossen werden. Es bleibt ein Teil des Lebens.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 2. September 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (248): Gequälte, kranke Herzen


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Das Kind lernt, sich der Beschämung zu unterwerfen. Es identifiziert sich nach und nach mit der beschämenden Stimme des Erwachsenen. Das Kind beginnt sich zu schämen. Beginnt sich seiner selbst zu schämen. Beginnt, sich der Stimme seines Herzens zu schämen. Beginnt, den Teil in sich zu belächeln, zu verachten oder zu hassen, der die Stimme seines Herzens repräsentiert. Sein sich entwickelndes Ich, sein Verstand wird jene Instanz, die sich mit der beschämenden Lebensumwelt identifiziert, und nach und nach beginnt, ihren Job zu übernehmen.

Am Anfang sind es viele Facetten seiner Gefühle, seiner Körperlichkeit, seiner Sinnlichkeit, seiner Sehnsucht, die eng verbunden sind mit seinem Herzen. Später wird diese Verbindung längst gelöst sein, dann reichen bestimmte Empfindungen, Gefühle, Emotionen, völlig aus, um sich derer zu schämen, oder »fremdzuschämen«, um ein Modewort zu gebrauchen.

Das Ganze ist ein durchaus schmerzhafter Prozess. Ein Schmerz, der tief vergraben wird in der Seele und Körper der Menschen. Ein Kampf, der von vornherein aussichtslos ist. Das Kind kann seine organismische Wahrheit, kann sein Herz nicht retten. Blessuren sind nicht zu vermeiden, selbst in liebevollsten Familien. Das Herz und die Stimme seines Herzens müssen auf dem Altar der gehirnorientierten Realität geopfert werden, um zu überleben. Um nicht zerrissen zu werden. Das ist eine kulturelle Lektion, der sich niemand zu entziehen vermag.

Doch wo Frieden herrschte, kommt es zu einem Kriegszustand. Die Selbstbeziehung wird und bleibt geprägt durch diese tiefe Beschämung. Das Kind schämt sich seiner selbst. Es verliert. Es verliert sich. Es verliert seine Würde, seine Anmut, die Verbindung zu seinen Instinkten, seiner Intuition, die Wahrnehmung des Einsseins mit sich und der Welt. Es wird das, was von ihm erwartet wird. Das Kind nicht mehr in sich selbst zuhause. Es wird heimatlos. Seine innere Heimat ist verloren. Damit der Schlüssel zur Wahrheit seiner Existenz. Seine Augen verlieren ihr Strahlen, seine Bewegungen ihren Fluss, der heranwachsende Mensch wird steif, verspannt, rigide und heimatlos in seiner eigenen Seele und im eigenen Körper.

Der Ego-Verstand, gar nicht mehr so nüchtern in seiner johlenden Überheblichkeit, glaubt, auf der ganzen Linie gesiegt zu haben. Ein Phyrrussieg. Denn das abgeschnittene Herz ist nicht tot. Es schlägt weiter, damit der Körper leben kann. Damit das Gehirn existieren kann. Und dies Herz, das schlägt, macht allein dadurch Angst, dass es schlägt. Es ist unheimlich. Der Schrecken des lebendigen Herzens! Herzangst.

Das lebendige Herz ist nicht ein Zeichen der Stärke, der Vitalität, der innewohnenden Potentiale der Persönlichkeit. Es ist nicht das heilige Organ der Liebe. Es ist nicht das Göttliche im tiefsten Grund der Seele, das immerwährende Ziel aller Sehnsüchte von Heimat, Gott, Glück, Selbsterkenntnis und Erleuchtung. Nein, nein, nein! Es ist, indem es dem Gehirn das ist, was es ist: ein spezieller Muskel für die Blutversorgung, beängstigend und bedrohlich. Herzangst wird Lebensangst. Herzangst wird Liebesangst. Herzangst wird Orgasmusangst. Abgetriebene Sehnsucht. Kontrolliert mit EKGs, Blutdruckmessgeräten, misstrauischen Griffen zum Puls, Pulsmessern rund um die Uhr.

Doch die Herzen in unserer Kultur tanzen als Organe aus der Reihe. Lassen sich nicht kontrollieren. Sind so nicht in den Griff zu bekommen. Die meisten Menschen im Westen sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Herzinfarkt hängt wie ein Damoklesschwert über den hirnstolzen, dauergestressten Häuptern. Gequälte, kranke Herzen.

(Fortsetzung folgt)


Sonntag, 26. August 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (247): Das authentische und das künstliche Herz

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Die kulturelle Realität sieht so aus: Die Welt, in der ein Kind geboren wird, wird diese Sehnsucht, dieses Herz beschämen, immer wieder und überall. Wird das So-sein des Kindes beschämen. Ein Kind wird lernen, sich der Stimme seines Herzens, seines So-seins, zu schämen. Bald empfindet es Scham darüber, ein wildes, ein sehnsüchtiges, ein nach Verbindung und Bindung strebendes Herz in sich zu fühlen.

Es lernt, dieses authentische Herz zu verbergen, vergraben, entwickelt ein gekünsteltes Herz (»Kunstherz«), um das echte Herz vor weiteren Verletzungen schützen. Die alte ist zu tief. Das beschämte Kind wird eine Persönlichkeitsstruktur entwickeln, die nur ein einziges Ziel hat: sein Herz zu schützen. Und so ein falsches, narzisstisches Selbst ausbilden, dem wir auf Schritt und Tritt begegnen.

Unsere ganze Kultur ist eine einzige gigantische »Supermaschine« des Narzissmus. Dort, wo das Herz erstickt wurde, bleibt nur Leere. Die »Supermaschine« ist ein grandioses Räderwerk, das einzig und allein dazu dient, die Leere nicht zu fühlen.
Die Menschen unserer Kultur sind fanatisch damit befasst, irgendetwas zu tun, mit irgendetwas beschäftigt zu sein, zu »machen«, aber nicht zu »sein«. Sie lechzen nach Spiegelung und Bewunderung durch andere, richten ihr Leben darauf aus. Spiegelung und Bewunderung durch andere repräsentieren jene kompatible Form von Liebe, zu der ein gepanzertes Herz, ein gekünsteltes Herz, in der Lage ist. Denn am liebsten lässt es lieben, ohne selbst Liebe zu schenken.

Die permanente »Action« lenkt ab von der Stille, in der die innere Leere aufscheinen könnte. Oder, soweit es noch atmet, das authentische Herz mit seiner peinlichen Sehnsucht nach Verbindung und Bindung. Gefühle des Herzens sind gefährlich, denn sie könnten Wahrheit zu Tage bringen.

Spätestens in Pubertät und Adoleszenz hat der Mensch gelernt, die Herzen anderer mitleidlos zu brechen. Es hilft dabei, all diesen Gefühlsdusel mithilfe des Ego-Verstands mundtot zu machen, ihn zu kontrollieren, den Schmerz des eigenen gebrochenen Herzens nicht zu fühlen.

Gepanzerte Herzen, Kunstherzen, Schamherzen reagieren wie Pawlowsche Hunde und reproduzieren sich ständig. Ja, so funktionieren Menschen. Beschämen sich, andere, und schützen ihr eigenes Herz zu Tode. Sie lieben herzlos, pornographisch. Ich meine dies nicht moralisch, sondern als Phänomen einer Spaltung zwischen Herz und Genitalien.

Das, was so von Kindesbeinen an beschämt wird, ist die authentische Stimme des Herzens. Hand auf’s Herz. Dort, wo sie »reinen Herzens« spricht. Sie wird belächelt, beschämt, gedemütigt, manipuliert, verachtet oder sogar gehasst. Denn der Erwachsene spricht meist losgelöst von der Stimme seines eigenen Herzens, vertraut nicht ihr, sondern seinem Verstand, hat sie tief in sich verschlossen und den Schlüssel fortgeworfen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 19. August 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (246): Die Vetreibung aus dem Paradies

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Denn die Geschichte geht ja weiter: „Die Schläge meines Vaters haben mir nie geschadet. Im Gegenteil“. Haben sie. Nur irgendwann spürt das geschlagene, gedemütigte, missbrauchte Kind nicht mehr den Schmerz, weil es abgestumpft ist.

Hat der erwachsene Mensch sich nicht längst sich für die Waffen und die Domestizierung seiner Herzgefühle entschieden? Hat sich arrangiert mit der kalten herzlosen Welt, in der Geld und Macht alles sind, weil sie das Herz am besten schützen? Und jetzt ist er bei seiner eigenen Tochter, seinem eigenen Sohn wieder mit genau diesen Herzgefühlen konfrontiert! Was nun?

Nahezu jeder Erwachsene in unserer Kultur hat eines lernen müssen: Die Stimme des Herzens ist peinlich, lächerlich, kindisch, belanglos, sie läuft der Wirklichkeit zuwider, sie ist lästig, völlig unwichtig, überflüssig wie die 20. Talkshow mit Leuten, die man schon 20 mal hat reden hören. Zwar ist sie manchmal irgendwie gegenwärtig, und dass sie das ist, lässt sich auch irgendwie nicht vermeiden. Verliebtheit kann ein nettes Spiel oder auch zur Droge werden, aber erwünscht, willkommen, geliebt gar ist die Stimme des Herzens nicht.

Dieses Wesen des Kindes, das aus seinem Herzen heraus lebt, ist, offen gesagt, eine Schande. Das Kind soll anders sein, als es ist. Als es wahrhaftig ist. Es muss anders werden. Brav. Angepasst. Vernünftig. Seine Gefühle müssen domestiziert werden, insbesondere die schmelzenden Gefühle des Herzens.

Es sollte sich schämen, so zu sein. So überschwänglich, so ehrlich, so naiv in seiner Liebe und seinen Gefühlen. Denn das Leben ist doch ganz anders. Die Menschen sind doch ganz anders. Das Leben ist hart und brutal, das Kind weich, viel zu weich. Diese elende Schwäche, wenn und wie es sein Herz zeigt! Lächerlich. Es ist eine Schande, solche Gefühle zu empfinden, es ist eine Schande, so zu sein, wie es ist! Es ist lächerlich. Hahaha. Und dieser offene, unverhohlene Blick, ist er nicht lächerlich, kindisch, treudoof, hündisch? Wenn mein Hund so guckt, okay, er ist ein Hund und kann nicht anders. Aber mein Kind? Peinlich.

So erfährt das Kind die Scham, seine emotionale Nacktheit in dieser Welt. Die Scham wird zur Vertreibung aus dem Paradies der Unmittelbarkeit, der authentischen gefühlsmäßigen Wahrheit in sich selbst. Der Mensch lernt die Zensur des Gehirns, identifiziert sich mit dem Verstand, lebt aus ihm heraus, versucht, seine Gefühle zu kontrollieren. Gefühle und Verstand finden sich wieder in einem endlosen Konflikt, ich nenne ihn den »innerseelischen Bürgerkrieg«.

Die Vertreibung aus dem Paradies: War das, was er zu verbergen lernte, nicht in erster Linie sein Genital, sondern vielmehr sein Herz? Führt uns die Schöpfungsgeschichte in die Irre? Erwuchs die Scham nicht nur aus der körperlichen, sondern aus der seelischen Nacktheit? War der Sündenfall nicht vielmehr die Abspaltung des liebenden Herzens und seiner Beschämung?

Die Vertreibung aus dem Paradies gestaltet sich zur Abtreibung des Herzens. Die Vertreibung aus dem Paradies entlarvt sich als tief empfundene Scham darüber, ein über alle Maßen liebendes, ein überschwängliches, ein aus innerem Frieden und Glückseligkeit heraus schlagendes Herz in sich zu fühlen. Diese Sehnsucht, ist das, was Wilhelm Reich „kosmische Sehnsucht“ nannte, andere als „spirituelle Sehnsucht“ oder Sehnsucht nach Verschmelzungserfahrungen jedweder Art wahrnehmen. Das Bedürfnis nach Verbindung des Herzens repräsentiert die menschliche Natur in ihrer Tiefe und den Kern jedes noch rudimentär sichtbaren Sozialverhaltens.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 29. Juli 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (245): Das Herz eines Kindes

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So, wie das Kind in seiner Natur und in seinem Herzen empfindet, könnte es manchmal vor schierer Freude, vor purem Glück zerspringen. Seine „unanstößliche Übertragung“ (Freud) auf die Menschen, sein grenzenloses Lieben, seine Güte, sein Urvertrauen ist ungetrübt, wie sein Wunsch sich mit alles Lebewesen herzlich zu verbinden, wird es gelassen. Erhält das Kind die Chance, seiner inneren Natur zu folgen, sie zu entfalten (ich spreche hier also nicht von ungewollten oder früh traumatisierten Kindern, bei denen dieser Impuls bereits verzerrt ist), ist es eins.

Das Herz des Kindes schlägt dann und zuerst aus dem tief empfunden Einklang mit sich selbst und mit der unmittelbaren Lebensumwelt, Gebärmutter, Mutter, Familie. Es ist sein Herz, das es leitet, das sich zeigt, das sich verbinden will. Es ist sein Herz, das Bindung sucht: mit der Mutter, dem Vater, den anderen Kindern und Lebewesen um es herum. Bindung ist das tiefe biologische Bedürfnis, sich mit einem anderen Herzen wieder und wieder in Einklang zu fühlen.

Jene glücklichen Momente des Eins-Seins mit einem anderen Menschen erweisen sich in dieser Weise als ein tiefes biologisches Bedürfnis, das der Mensch als „Tiefe“, als unmittelbaren Kontakt, als „Glückseligkeit“ wahrnimmt, die für einen Augenblick präsent sind, aber auch wieder vergehen. Die Kontinuität solcher Erfahrungen, besser, die Fähigkeit, solche Erfahrungen immer wieder herzustellen, ist das, was eine gute Bindung ausmacht. Goethe sagte zu diesem Augenblick „verweile doch, du bist so schön!“, Ernst Bloch sprach vom „Dunkel des gelebten Augenblicks“ und Immanuel Kant vom „Ding an sich“, welche eher die rationale Schattenseite dieser Erfahrung andeutet.

Der Augenblick verweilt nicht, er vergeht, wir können ihn nicht mit dem Verstand, sondern nur mit dem Herzen erfassen, aber daraus erwächst das Bedürfnis der Liebe, solche Augenblick mit einem anderen Menschen neuerlich zu erfahren, zu lieben, was allerdings die eigentliche Schwierigkeit ist, wie wir sehen werden.

Nur so viel an dieser Stelle: In meinen Gedichten spielen Begriffe wie „Augenblick“, „Herz“, „Licht“, „Sonne“ usw. deshalb eine so große Rolle, weil solche Erfahrungen einer Herzverbindung wahrhaftig erhellende Erfahrungen des Augenblicks repräsentieren. Doch kommen wir zurück zur Herzerfahrung des Kindes, die im Kern im Menschen angelegt sind:
 
Das Herz eines Kindes kann so überschäumen vor Liebe, vor Liebeslust, dass der Erwachsene in seiner harschen, unerbittlichen Welt des Kampfes und der Waffen heftig erschrickt. Der Erwachsene hat schließlich sein inneres Kind mit genau diesen Gefühlen in sich abgetrieben, es geopfert. Er ist genau das geworden, was er ist: Ein einsamer Wanderer auf rastloser Suche. Er sucht sich selbst. Doch er sucht genau dort, wo es keine Chance gibt, sich zu finden, er sucht im Außen, in seinen Beziehungen, im anderen, doch nicht in sich selbst.

Was bleibt dem Kind? Wenn es keine oder wenig Resonanz fühlt bei den eigenen Eltern? Das Kind sucht neue Objekte für seine Sehnsucht. Oft sind es Tiere, oft lieben deshalb Kinder – und manchmal auch Erwachsene – Tiere, vielleicht, weil diese Liebe, diese Herz(ver)bindung ungefährlicher, weniger existentiell bedrohlich ist. Weil Tiere keine Herzen brechen.

(Fortsetzung folgt)


Sonntag, 22. Juli 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (244): Die Poesie der Liebe und mein Weg dorthin


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Doch wie weit entfernt ich mich von dieser seelischen Wirklichkeit in Wahrheit befand, zeigte jenes Erschrecken, das ich empfand angesichts mancher aufwühlender Eindrücke, die Rumis Poesie auslöste. Mein narzisstisches Ego erteilte mir die Lektion darüber, wie es funktioniert. Denn in meinen (un)heimlichen Gedanken hatte nichts Besseres zu tun, als mich auf der Ebene des »Kollegen« flugs mit Rumi zu messen und zu vergleichen. Abgesehen von der Vermessenheit und Grandiosität, die sich hier abbildet, erweist sich das Kategorisieren und Bewerten als probates Mittel, mein tiefes Berührtsein, die Aufgewühltheit, die Erregung schlechthin im ruhigen Hafen des Ego-Verstands zu ankern.
 
Ja, ich schrieb nicht nur selbst Gedichte, sondern als favorisiertes Sujet galten mir Liebesgedichte. Der Gegenpol der Grandiosität, man könnte auch sagen, der Realitätsgewinn, äußerte sich bald in einem niederschmetternden Urteil: »Du wirst nie so schreiben können wie Rumi, da kannst du alles in die Tonne treten, was du je geschrieben hast oder schreiben wirst«. Dass auch in diesem Reaktionsmuster die Freude und Lust auf der Strecke blieb, ist klar. Urteile und Analysen jeder Art dienen stets dazu, den unmittelbaren, sinnlichen, lustvollen, erfüllenden Kontakt zu unterbrechen, zu kontrollieren, die Liebe, die sich mit wem oder was auch immer verbindet, heim ins Reich der Gedankenselbstkontrolle zu holen. Wo das Herz sich verbindet, trennt der Verstand.

Ich nahm nicht nur Grandiosität und Selbstabwertung wahr, die im Vergleichen mit Rumi deutlich wurde, sondern auch die vielschichtige Scham, die sich dahinter verbarg.

Die Scham betraf zunächst die vielen gescheiterten Versuche zu lieben. Es betraf meine Liebesbeziehungen, die mit einem Strohfeuer begannen, sich mit Illusionen und Machtspielen entwickelten, und die am Ende in Enttäuschungen und Schmerz endeten. Legitimiert eine solche Vor-Geschichte, über Liebe zu schreiben?

Ja, es legitimiert. Allein deshalb, weil der Ego-Verstand stets nach dem Vollkommenen strebt. Das ist wohl seine spezielle Art der Gottsuche. Das Zarte und das Leise, das Unschuldig-Naive und das Unvollkommene, das der Wahrheit-ins-Auge-Sehen des Herzens sind nicht seine Sache.

Die Scham betraf zudem sich jenen intimen Wahrheiten des Herzens in einer Weise zu öffnen, die über den Rahmen der persönlichen Beziehung hinaus wiesen. Wie exhibitionistisch mochte es sein, Intimitäten des Herzens einem Leserkreis zu offerieren, der anonym blieb? Ich erschrak, als ich in mir selbst wahrnahm, dass ich die Gefühle des Herzens als persönlicher und schamhafter empfand als jede Art erotischer oder sexueller Empfindungen. Sollte das auch bei anderen Menschen so sein?

Diese inneren Dialoge und Selbstbeobachtungen mündeten in dem Schritt, meine Liebesgedichte, die jahrzehntelang eine verborgene Existenz in den Schubladen meines Schreibtisches führten, öffentlich zu machen. Ich gründete 2010 das Blog »eintagsliebe«, das bis heute im Internet zu finden ist und einige Hundert Liebesgedichte aus meiner Feder der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Ich möchte versuchen, die Hintergründe zu skizzieren (man möge mir nachsehen, dass hier manches nur rudimentär, angedeutet, fragmentarisch erscheint), weshalb ich Liebeslyrik schreibe und veröffentliche. Dabei geht es weniger um die Lyrik als solche, sondern mehr um die Hintergründe, die den Boden bilden, auf dem meine „lyrischen Blüten“ wachsen. Lassen Sie sich also entführen in jene Seelenlandschaften, in denen das Lied, die Lyrik nur das Echo einer Seele repräsentiert. Einer Seele, die sich verbindet mit sich selbst, mit der Schöpfung, mit den Herzen des oder der Anderen.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 9. Juli 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (243): Die Melodie der grenzenlosen und formlosen Liebe

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So leben Tiefe und Weisheit dieser Poesie aus längst vergangenen Tagen bis heute. Kabirs und Rumis Lyrik wirken zeitlos. Sie geben Zeugenschaft über die ureigensten Themen der Seele: Spiritualität und Liebe. Sie widmen sich ihnen auf der Ebene der direkten, ekstatischen, grenzenlosen Gotteserfahrung. Nicht fein ziselierte Wortspielereien oder intellektuelle Architekturen aus Metaphern, Rhythmen und Reimen bilden die Anziehung, die ihre Poesie ausübt, sondern die Versprachlichung menschlichen Seelenlebens in seiner spirituellen Tiefe.

Nicht die die Form, die Wahl der Worte, sondern die Inhalte selbst sind es, welche die Faszination dieser Poesie ausmachen. Sie erreichen uns aus der Tiefe der menschlichen Seele, und berühren sie, bringen sie und ihre Wahrheit zum Klingen. Die Liebe, die Rumi besingt, ist nicht die personale, sondern die transpersonale, nicht die bedingte, sondern die bedingungslose, allumfassende, göttliche Liebe:

Neunte Ghasele
Tritt an zum Tanz! Wir schweben
In dem Reihn der Liebe,
Wir schweben in der Lust
Und in der Pein der Liebe.
Der ew’gen liebe Botschaft
Hört‹ ich von dem Tode,
Dass Gott den Tod getränkt
Im Lebenswein der Liebe.
Die Kraft der Liebe löste
Leise mir den Nabel,
Als Mutter Liebe mich
Gebar ins Sein der Liebe.
Ich frug die Liebe: Wie
Soll ich der Lieb‹ entgehen?
Sie sprach: Ohn‹ Ausgang ist
Der Zauberhain der Liebe.
Der liebe Zauberspiegel
Strahlet Weltgestalten,

Der Blick verirrt sich
In den Schilderein der Liebe.
Gib deinen Leib wie Gold
In Liebe’s Läutrungsschmerzen;
Denn Schlack‹ ist Gold, das nicht
Die Glut macht rein der Liebe.
Ich sage dir, warum
Das Weltmeer schlägt die Wogen:
Es tanzt im Glanze
Vom Weltedelstein der Liebe.
Ich sage dir, wie aus dem Ton
Der Mensch geformt ist:

Weil Gott dem Tone blies
Den Odem ein der Liebe.
Ich sage dir, warum
Die Himmel immer kreisen:
Weil Gottes Thron sie füllt
Mit Wiederschein der Liebe.
Ich sage dir, warum
Die Morgenwinde blasen:
Frisch aufzublättern stets
Den Rosenhain der Liebe.
Ich sage dir, warum
Die Nacht den Schleier umhängt.
Die Welt zu einem Brautzelt
Einzuweih‹n der Liebe.
Ich kann die Rätsel alle
Dir der Schöpfung sagen,

Denn aller Rätsel Lösungswort
ist mein, der Liebe.

Rumis Poesie weist auf jenen erleuchteten Zustand, in welcher ein Mensch in vollendetem Kontakt mit der Essenz des Seins steht.

Die Form tritt zurück hinter das Orchester der Worte. Ein Orchester, das eine Musik erklingen lässt, welche als »Musik Gottes« oder »Gesang der Engel« ertönt. Musik, die in den Tiefen der menschlichen Seele immer existierte und existiert, die nun ohrenfällig wird. Es ist, also ob Kabir oder Rumi nur den Lautstärkeregler aufdrehen, und schon hören wir eine Melodie in uns anklingen, die dort schon immer war: die Melodie der grenzenlosen und formlosen Liebe.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 3. Juni 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (242): Die Poesie der Mystik

Rumi (1207–1273)
Der Name »Kabir«, den mir mein Lehrer spiritueller Lehrer Alakhananda Al Qahhar gab, verweist auf den Mystiker Kabir, der im 14. Jahrhundert in Indien lebte und lehrte. Sympathisch mutete an, dass er mehrere religiöse Traditionen in sich vereinte, besser, sich als Vertreter einer einzigen, allumfassenden Spiritualität verstand.

Kabir wuchs in einer Moslemfamilie auf. In seiner Jugend wurde er Schüler des bekannten hinduistischen Asketen Ramananda, einem Vorreiter der mystischen Erneuerung gegen die intellektualisierte Lesart der damals vorherherrschenden vedischen Philosophie. Später entdeckte Kabir die berühmten persischen Mystiker des Sufismus wie Rumi und Hafiz und  beschäftigte sich auch mit jüdischen und christlichen Quellen.

Kabir war Dichter. Im Ozean seiner Poesie vereinigten sich all diese Einflüsse. Es verwundert nicht, dass nach Kabis Tod 1518 Angehörige verschiedener Religionen ihn zu dem Ihren erklären wollten. Der Legende zufolge stritten sich Hindus, Moslems und Sufis bereits bei der Beerdigung um seine Vereinnahmung. Kabir gilt heute als einer einflussreichsten Dichter Indiens und als bedeutender Mystiker, dessen Wirkung bis heute anhält.

Das folgende, nach wie vor aktuelle Gedicht, gibt einen Einblick in die Lehre Kabirs:

Ich bin an deiner Seite
Wo nur suchst du mich?
Schau hin! Ich bin an deiner Seite.
Ich bin nicht im Tempel,
nicht in der Moschee.
Ich bin nicht in der Kaaba
und nicht am Kailash.
Ich bin nicht in Riten und Zeremonien,
nicht in Yoga und Entsagung.
Wenn du ein wirklicher Sucher bist,
dann erblickst du mich in diesem Augenblick –
du begegnest mir in diesem Moment.
Kabir sagt:
›Gott ist der Atem allen Atems‹

Einem anderen Mystiker und Dichter, dem Perser Rumi, erwähnte ich bereits in Zusammenhang mit Al Baumann und Wilhelm Reich, die diese Poesie gemeinsam vertonten. Obwohl ich mich seit meiner Jugend als Freund der Poesie verstand und selbst Gedichte schrieb, war mir Rumi bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt. Meine Bewunderung für alles, was mit Reich zusammen hing, motivierte mich bereits damals, die Poesie Rumis kennenzulernen.

Ich fühlte mich fasziniert, ja überwältigt von der Schönheit und Weisheit in Rumis Versen. Die Klarheit der Worte ermöglichte einen visionären Blick in die Tiefsee der menschlichen Seele, in jene Welten, wo die Liebe im Dunklen wohnt. In meinem Herzen entfaltete sich eine Blüte langsam, scheu, vorsichtig, und in ihr erwachte gleichzeitig eine Sehnsucht, die viel weiter ging, allumfassend wachsen wollte, mich zog und dehnte bis ins Universum. Eine Ausdehnung aller Sinne, eine essentielle Wirklichkeit, erzeugt durch ein paar einfache Worte eines Mystikers und Poeten.

Die Anziehung, die Rumi ausübt, scheint, nicht nur für mich, bis heute ungebrochen. Dieser Mystiker, glückselig und trunken vor Liebe, berührt bis zum heutigen Tage zahllose Menschen, die seinen Worten begegnen. Wie können einfache Worte eine solche Wirkung ausüben? Weil sie eine tiefe Wahrheit in uns berühren und zum Klingen bringt, die, unabhängig von Zeit und Kultur, unser Menschsein ausmacht: die Wahrheit über die Natur der Liebe.

(Fortsetzung)

Sonntag, 27. Mai 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIIE (241): Der Weg nach innen


Das, was sich in dieser Weise im Einzelnen verankert, spiegelt sich vollständig auf der gesellschaftlichen Ebene und umgekehrt. Die Dominanz des analytischen Verstands in der Beziehung zu Natur und Schöpfung forcierte die globale Unterwerfung und Ausbeutung derselben unter die Herrschaft der Profitmaximierung um jeden Preis. Heute stehen wir vor einer Situation, in der nur noch die populistische Verleugnung und Verdrängung der Realität darüber hinwegtäuschen, dass die Katastrophe längst eingetreten ist: Klimawandel globalen Ausmaßes, radioaktive und chemische Verseuchung, Verschmutzung der Natur mit Mikroplastik, endemisches Artensterben, Überfischung usw., diese Liste ließe sich seitenweise fortsetzen.

Ein globaler Bewusstseinswandel steht auf der Agenda dieser Entwicklungen. Wann er kommen wird, ist sekundär, spätestens dann, wenn die Ressourcen des Planeten und damit die Objekte der Gier erschöpft sind, werden sich die Wahrnehmungen zwangsläufig nach innen, also auf die inneren Ressourcen richten. Damit deutet sich die Chance einer Selbstheilung der Spezies Mensch an. Ein Weg zur Selbstheilung ist vorgezeichnet und hat seine Spuren in der menschlichen Geschichte hinterlassen, verachtet, bekämpft, verfolgt. Es ist der Weg der Mystiker.

Gotteserfahrungen im Herzen, statt Antworten in den Konstrukten des Ego-Verstands zu suchen, beschreibt diesen Weg. Er bedarf keiner Kirche oder Moschee, keiner Liturgie oder Kommunion. Der Mystiker macht sich auf die Reise, Wahrheit, Glückseligkeit, Verzückung und die allumfassende Liebe in sich selbst zu finden. Er taucht ein in die Tiefen der Seele, dorthin, wo das Individuelle, das Einzigartige, das Besondere jedes Menschen mündet: im Grund des überpersönlichen Selbst, des Transpersonalen im menschlichen Herzen.

Unmittelbare Gotteserfahrung und Gottsuche im eigenen Selbst charakterisieren diesen Weg. Der Mystiker erlebt und zelebriert die Verbindung zu Gott im Herzen, in der Seele, in der Ekstase des Lebens, im Diesseits.

Im Gegensatz dazu inszeniert sich die von der Kirche repräsentierte Religion. Sie zeigt nach Außen, weit fort von der eigenen Seele. Sie verweist auf den Allmächtigen und seine Allmacht. Sie verweist auf die (Er)Lösung im Jenseits. Sie ist eine Konstruktion, in der Verstand und Gehirn den Ton angeben. Theologie und Theologen repräsentieren nicht nur die Exegese einer Beziehung zum Göttlichen mithilfe der Wortklauberei, sie definieren auch die Grenze zwischen Glaubenslehre und Häresie. Historische Hexenverbrennungen und die Hinrichtungen Andersgläübiger durch Fanatiker jedweder Couleur folgen der gleichen Logik: der des irrationalen und herzlosen Ego-Verstands.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 20. Mai 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (240): Mystiker und Kind

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Die modernen psychologischen Wissenschaften, die die seelische Entwicklung des Menschen betrachten, allen voran Bindungs- und Säuglingsforschung, haben Bindung und soziale Kompetenz als ein psychologisches Phänomen beschrieben. Interaktionen und Objektbeziehungen, also die Beziehungen zu anderen Menschen im familiären und sozialen Lebensraum gilt dabei besondere Aufmerksamkeit. Das frühkindliche Bindungs- und Kontaktverhalten betrachtet man entsprechend als Gestalt, Formung und Ausdruck der psychologischen Seele.

Die spirituelle Seele des Menschen hingegen wird in diesem Menschenbild nicht erfasst. Was aber wäre, wenn der »kompetente Säugling« nicht nur als natürliches soziales Wesen, das in Beziehung mit seiner menschlichen Lebensumwelt tritt, verstanden würde, sondern auch als spirituelle Seele, die Verbindung und Bindung zum Herzen des anderen Menschen sucht? Was, wenn diese noch ungebrochene Zuwendung, dieses Ringen um Kontakt und Verbindung, nichts anderes darstellte, als ein Ausdruck von Liebe und dem transpersonalen Herzcode? Die Frage: »Warum liebt ein Kind seine Eltern?« wurde bereits erörtert.

Was, wenn hinter den entwicklungspsychologischen Kategorisierungen frühester Kindheit wie »symbiotische Phase« (Margret Mahler), »regressive Wiederverschmelzung« (Otto Kernberg) oder »Gemeinsamkeitserlebenisse von Mutter und Kind« (Daniel Stern) nichts anderes als die natürliche Spiritualität des Kindes steckt, dessen Herz sich uneingeschränkt in Liebe zu seiner Lebensumwelt zu verbinden sucht? Das klingt zwar weniger wissenschaftlich und distanziert, öffnet aber einen anderen Blick auf das Kind und die spirituelle Essenz im Menschen.

Das Verbundensein mit der Natur, mit der Schöpfung, mit der Menschheit im Allgemeinen charakterisiert jene spirituellen Erfahrungen, die geschildert werden in Zusammenhang mit Erleuchtungserlebnissen von Mystikern und anderen spirituellen Persönlichkeiten. Es findet sich ebenso in zahllosen ethnologischen Beschreibungen indigener Völker von Margaret Mead über Bronislaw Malinowski bis hin zu Jean Leadloff.

Daraus ergibt sich die Frage, ob dieses Verbundensein mit Natur und Schöpfung einen Naturzustand von Kindheit beschreibt, die beiden Dimensionen der menschlichen Seele Raum gibt, der psychologischen und der spirituellen Seele? Es bleibt spekulativ, ob wir nicht von unserem unverfälschten natürlichen Wesen auch einen Zustand glückseliger Verbindung und allumfassender Liebe in uns tragen. Dies bezieht sich insbesondere auf die pränatale Entwicklung und vorsprachlichen Abschnitte des 1. Lebensjahres.

Eines hingegen ist gewiss: Das »göttliche Kind« Hölderlins, das Göttliche im Kind, das »reine Herz« finden wenig Resonanz in dieser lärmenden, übererregten und gehirndominierten Kultur. So taucht es ab in die Tiefsee der Seele, ins Dunkel. Sukzessive übernimmt das Ego mit seinen Programmierungen die Herrschaft: Der verinnerlichte Blick der Anderen, die Gier nach Spiegelung im Außen, die Sucht, alles zu kategorisieren und zu beurteilen, die Kontaktlosigkeit, der Hochmut, die Eitelkeit. Körper und Seele salutieren im Erwachsenenego, brave Soldaten, eher bereit, den physischen statt den psychischen Tod zu sterben. Dieses Training startet früh, wie meine Ausführungen in den Folgebänden zeigen werden. Aber das »reine Herz«, das »göttliche Kind« überlebt und wartet auf Befreiung, ein Leben lang.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 10. Mai 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (239): Im Kind findet sich die Essenz des Menschseins

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Es zeichnet das Ego aus, dass es in vorauseilenden Gedanken Befreiung sucht. Ist jedoch die Seele nicht frei, das Herz nicht rein, dann führt und verführt dies die Menschen zu jeder Art »kirchlicher Sozialbauten«, welche die Energie der Liebe einsperren und in ihr Gegenteil verkehren.

Eine besondere Brisanz findet sich dort, wo die Identifizierung eines geistigen Führers mit Allmachts-Übertragungen seiner Anhänger verschmilzt. Die narzisstische Selbstaufwertung spiegelt sich zunächst in der Überhöhung des jeweiligen Gurus. Je großartiger er phantasiert wird, umso glanzvoller stabilisiert sich das (wackelige) Selbstbild der Anhänger.

Es entsteht eine fatale Kollusion. Der Jünger delegiert seine Selbstressourcen an den geistigen Führer, idealisiert diesen umso maßloser, je ausgeprägter die eigenen regressiven Anteile, je abhängiger und bedürftiger sie sich erweisen. Der geistige Führer wird in zunehmendem Maße der Verführung ausgesetzt, eigene narzisstische Schattenanteile und Grandiositätsphantasien durch die grenzenlosen idealisierenden Übertragungen als Beweis eigener Quasi-Göttlichkeit zu missdeuten.

Wenn dies zutrifft, was mag es dann mit dem Phänomen der »Erleuchtung« des geistigen Führers auf sich haben? Zeigt er sich frei von narzisstischen Schattenanteilen, wenn er erleuchtet ist?

Ich befürchte, solche Ideal-Vorstellungen existieren nur in den Phantasien der Jünger und stehen für narzisstische Übertragungsmuster. Sie repräsentieren das fatale Bedürfnis, eben nicht den Weg des Mystikers zu beschreiten, der sich aufmacht, Gott in sich selbst zu finden. Sondern sie verweisen auf den bequemeren Weg, Gott und das Göttliche im Außen, hier: in einem anderen Menschen, im geistigen Führer, zu suchen.

Es gibt keinen perfekten Menschen. Vollkommenheit ist eine Kategorie des Ego-Verstands, der sie nach außen projiziert. Ja, das Göttliche, die göttliche Liebe mag existieren, als Teil des Selbst, verschüttet in der Tiefe jeder Seele.

"Ja! Ein göttlich Wesen ist das Kind, solange es nicht in die Chamäleonsfarbe der Menschen getaucht ist." (Hölderlin)

Es ist das göttliche Kind und das Göttliche im Kind, das ungelebt bleibt. Kein Kind ist nur göttlich, wie Reichs »Christusmythos« oder das Zitat von Hölderlin suggerieren. Die Chamäleonsqualität, die Anpassung an die Lebensumwelt, beginnt bereits im Mutterleib. Dennoch, im Kind findet sich die Essenz des Menschseins, bereit, zur Liebe zu erwachen. In jedem Fötus, in jedem Neugeborenen, in jedem Kind findet sich die Seele nicht nur als eine psychologische, sondern auch als eine spirituelle Wesenheit.

(Fortsetzung folgt)