Samstag, 20. Juni 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (269): Das neue Etikett des Ich-Ich-Ich

Image by PublicDomainPictures from Pixabay
In der reichianischen Körpertherapie stand im Fokus, die Klarheit einer Emotion dort zu unterstützen, wo im Gefühlsausdruck eine Durchmischung und gegenseitige Blockierung unterschiedlicher Gefühle erkennbar war. Dieses Phänomen verwies auf körperlich-energetische Blockierungen, die eine ganzheitliche bio-emotionale Ausdrucksbewegung verhinderten. Reich sprach in diesem Zusammenhang vom Charakter- und Körperpanzer.

Drückte sich eine beliebige Emotion authentisch, unvermischt und vollständig aus, so ging damit ein Gefühl tiefer Erleichterung und Entspannung einher. Der Kontakt zur inneren Wahrheit, die ja gleichzeitig Wahrhaftigkeit des Herzens (»Hand aufs Herz«) ist, wurde unmittelbar spürbar.

Der Zugang zur Seele über die Arbeit mit dem Körper und seinen bio-emotionalen Prozessen führte deutlich vor Augen, dass das Seelenleben in seiner Tiefe Selbstregulationspotentiale enthielt. Missverstanden und negativ besetzt, mussten sie unzugänglich, in der Schublade des Beängstigenden, des Irrationalen, des zu Kontrollierenden verborgen bleiben.

Davon abgesehen, suchte, wie die Erfahrung lehrte, das so Ausgegrenzte als wesentlicher Teil der menschlichen Natur stets nach Schlupflöchern. Es umging den Kerkermeister des Denkens, wo immer sich eine Möglichkeit bot: Hier zeigte sich ein typisches Szenario des »innerseelischen Bürgerkriegs«, jenem niemals endenden Konflikt zwischen Gefühl und Vernunft, gefühlsmäßiger Wahrheit und Rationalität, Herz und Gehirn.

Weitere Fragen stellten sich. Wenn im Menschen von Kindheit an ein Stück Sisyphos angelegt wird, narzisstische Persönlichkeitszüge auf jeden zutreffen, musste das nicht auf Auswirkungen auf die therapeutische Arbeit haben? Wie wirkte sich das auf diese aus, welche Fragestellungen ergaben sich für die Körpertherapie?

Körpertherapeutische Herangehensweisen halfen, zurückgedrängte, blockierte Emotionen in die Persönlichkeit zu reintegrieren. Damit ging typischerweise eine Identifizierung mit den Gefühlen des »inneren Kindes« einher. Das Ego lernte, dies ließ sich immer wieder beobachten, sich mit den individuellen emotionalen Mustern zu identifizieren. Doch war mit dieser Reintegration der Transformationsprozess der Persönlichkeit vollständig?

Im Laufe der Zeit gewann ich den Eindruck, dass hier lediglich eine Umprogrammierung des narzisstischen Egos erfolgte. Zwar erweiterten zuvor blockierte Emotionen das seelische Gesichtsfeld, schufen in Stück Freiheit im Erleben und Verhalten. Denn die Körpertherapie ermöglichte, in der Kindheit abgespaltene, verdrängte Gefühle zu reintegrieren. Das Ich-Bewusstsein schloss das »innere Kind« liebevoll in die Arme. Das zwanghafte Denken des Ego-Verstands konnte so gelockert werden, an den Identifizierungen mit den Konstruktionen des Ego-Verstands veränderte sich ... nichts.

Beobachtungen zeigten: Das Perspektive des »Ich-Ich-ich«, die narzisstische Selbst-Bezogenheit verloren in diesem Prozess nicht etwa an Intensität, sondern nahmen zu. Allmählich gewann ich den Eindruck, als Egozentriker von lauter Egozentrikern umgeben zu sein. Wir alle waren nur mit uns selbst beschäftigt, kreisten um das eigene Wohlbefinden, um innerseelische Wetterumschwünge und die Irritationen der Umwelt, insoweit sie uns selbst betrafen.

Narzisstische Persönlichkeitsmuster nahmen nicht ab, sie zeigten sich potenziert. Ja, die Etiketten waren ausgetauscht. Wo vorher »die Anderen (Eltern, Lehrer, Gesellschaft) sind schuld« draufstand, las man »ich blicke viel besser durch, bin viel besser als die Anderen«. An der Haltung, die »Anderen« als Instanz und Gradmesser für die eigene Identität zu betrachten, hatte sich nichts geändert.

Ich stieß an die Grenze dessen, was ein körpertherapeutischer Prozess offenbar zu leisten imstande war. Das alte »neurotische Gleichgewicht« ersetzte man durch ein korrigiertes seelisches Konstrukt. Die alte Erzählung darüber, wer man glaubte zu sein, wurde gegen eine neue eingetauscht. Eine aufgehübschte Geschichte, die man sich selbst und den anderen in all dem erzählte, was aufschien.

Doch fühlte ich mich oder fühlte sich der Klient damit in Einklang mit sich selbst und seinem Leben? Vermochte ich jene Heimat und Frieden in mir wahrzunehmen, die ich verloren hatte? War die Selbst-Entfremdung damit überwunden? Führte jahrelange Körper- oder Psychotherapie zur wahrhaftigen Freiheit, innerlich und äußerlich, in Lebensumwelt, in Beziehungen?

Waren Spiegelungssucht, jene qualvolle Anstrengung des Sisyphos, der Drang nach Anerkennung und Bewunderung durch andere, das Defizit an Liebesfähigkeit, damit aufgehoben? Ließ sich dieser Weg als Beitrag zur Transformation der Persönlichkeit, zur Aufhebung der Selbstentfremdung, zur Befreiung aus der narzisstischen Falle betrachten?

(Fortsetzung folgt)

Montag, 15. Juni 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (268): Die Klarheit authentischer Emotionen

Image by <a href="https://pixabay.com/users/satyatiwari-3310601/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=3528376">Satya Tiwari</a> from <a href="https://pixabay.com/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=3528376">Pixabay</a>
Image by Satya Tiwari from Pixabay

Ich begann mich für die Schattenseiten der Geschichte der Tiefenpsychologie zu interessieren, für das Verdrängte, das Implizite. Ellenbergers Mammutwerk zur »Entdeckung des Unbewussten« verdeutlichte, wie umfänglich kulturelle und gesellschaftliche Faktoren auf ihre Entwicklung einwirkten. Arbeiten, die sich mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Psychotherapie und Psychotherapiegeschichte beschäftigten, öffneten die Augen für eine traurige Tradition von Grenzüberschreitungen.

Nebenher, aber nicht zu verleugnen, existierte das Phänomen narzisstischen Missbrauchs von Klienten. Ich gewann den Eindruck, dass es ebenso verbreitet wie tabuisiert war. In der Fachliteratur gab es zwar entsprechende Publikationen für den Bereich der Liebesbeziehungen, nicht aber im therapeutischen Kontext.

Die kulturelle Formung einer Überhöhung der Rationalität, die in der Psychoanalyse aufschien, ließ sich der Tradition der Aufklärung zuordnen (»wo Es war, soll Ich werden«): Verbarg sich dahinter nicht der Versuch, die Kontinente des scheinbar Irrationalen, des Wilden der Seele gedanklich zu erobern, zu entschlüsseln, sie der Kontrolle der Vernunft zu unterwerfen?

Kaschierten solche Vorstellungen die simplifizierende Formel: Denken = positiv – Fühlen etc. = negativ? Entsprach das nicht exakt den Prämissen, auf denen unsere (westliche) Kultur aufbaute?
Trafen sie das Wesentliche?

In meinen Erfahrungen als Körpertherapeut kam ich immer mehr zu der Wahrnehmung, dass die Welt der Gefühle, der Emotionen, der Intuition und des Instinktiven durchaus Klarheit, Eindeutigkeit und Gesetzmäßigkeit an sich besaßen, entwirrte man ihre Verstrickungen.

Die Welt der sog. Rationalität hingegen erschien mir zunehmend irrational, unberechenbar. Mit Worten und scheinbar rationalen Argumenten ließ sich offenbar jeder Wahnsinn und Irrsinn begründen, sei es im persönlichen oder gesellschaftlichen Lebensumfeld.

Das Bild des Irrationalen, das vom Gefühlsleben in unserer Kultur vorherrscht, ging auf ein grundlegendes Missverständnis zurück. Gab es nicht einen deutlichen Unterschied zwischen dem klaren, unvermischten Ausdruck authentischer Emotion und einer charakterlich verzerrten oder durchmischten Gefühlsäußerung?

Emotionen in der Kindheit wiesen zweierlei Qualitäten auf: Sie besaßen eine vegetative (Körpersprache, Mimik, Gestik, Laute) und eine qualitative Dimension (Eindeutigkeit, Klarheit). Der Gefühlsausdruck zeigte sich also gesamtheitlich. Wenn z. B. ein Kleinkind weinte, trauerte es in seinem ganzen Körper, in vollständigen Erleben. Freute es sich, lachte es vollumfänglich, alles im Kind drückte Freude aus, von den Augen bis in die Zehenspitzen.

Eindeutigkeit und Ganzheitlichkeit waren als (phylogenetische) Natur des emotionalen Gefühlsausdrucks zu betrachten, als universelle Sprache und biologisches Erbe. Diese Aussagen gelten unter Einschränkungen auch für die Tierwelt, z. B. ist ein Aggressionsausdruck bei Tieren leicht identifizierbar, insbesondere bei Säugetieren. Pionier dieser Forschungen war Charles Darwin. Sein Buch »Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren« darf als Pionierarbeit der Emotionspsychologie betrachtet werden. Auch Wilhelm Reich analysierte umfassend die Gesetzmäßigkeiten emotionaler Ausdrucksbewegungen. Er richtete seine Aufmerksamkeit bis auf die Ebene der Einzeller, beschrieb dort den Zusammenhang von Bewegungsausdruck und Emotion.

(Fortsetzung folgt)


Mittwoch, 29. April 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (267): Sisyphos oder die Sucht nach Spiegelung

Franz von Stuck: Sisyphos

Sisyphos wurde als der verschlagenste aller Menschen in der griechischen Mythologie beschrieben, überlistete und verspottete er doch die Götter. Er erhob sich über sie, ihre »göttergebenen Regeln«. Sisyphos gerierte sich lieblos, grandios; ein selbstbezogener Narziss, für den weder Bindung noch menschliche Wärme etwas galten. Ein kalt berechnender Vernunftmensch, nur auf seinen eigenen – scheinbaren – Vorteil ausgerichtet.

Am Ende holte ihn, wie jedes Lebewesen, der Tod. Der Totengott, den er vorher ebenfalls verspottet hatte, legte ihm eine schwere Strafe auf. Diese Sanktion ist das, was man als »Sisyphosarbeit« bezeichnet.

„Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.“(Homer: Odyssee, 11. Gesang, 593–600)

Gemahnte nicht jede Anstrengung, jene Liebe in der Außenwelt zu finden, die man in sich selbst nicht »wahr«zunehmen vermochte, an das Schicksal des Sisyphos? Der Schmerzkörper geriet zur Triebkraft dieses Zwangs, des Zwangsverhaltens, der Qual, des Leids, dieser nicht endenden Geschichte ohne Happyend.

Die Sucht nach Spiegelung steht als Mal auf der Stirn geschrieben. Ein Display, das dazu auffordert: »Bitte folgen!« Folge meinen Ansichten, Vorlieben, Werten, Geschmäckern, Meinungen, Gedanken, Erzählungen usw.

Indem Sisyphos seine ganze Energie auf die Außenwelt, auf äußere Erfolge richtete, blieb er seiner inneren Ressourcen beraubt, sich selbst ein Leben lang fremd. So war er verdammt dazu, weiterzusuchen. Verbissen, zwanghaft, qualvoll, ein willfähriges Opfer seiner Weltkonstruktion.

Eigenartig. In mir wuchs allmählich die Erkenntnis, dass Narzissmus, die Gier nach den anerkennenden Reaktionen der Anderen, verbunden mit innerer Beziehungslosigkeit, weit mehr darstellte als die Pathologie einer »Persönlichkeitsstörung«, wie ich es gelernt hatte. Sie stellte die vorherrschende Lehrmeinung seit Kohut dar. Ich gewann den Eindruck, dass Phänomene des Narzissmus in jeder Persönlichkeit und in jeder Entwicklungsphase aufschienen, in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Sie präsentierten sich ubiquitär, überall um mich herum.

Nahm das niemand wahr? Wenn selbst die tiefenpsychologischen Lehren den Wald vor lauter Bäumen nicht sahen, dann musste hier etwas im Dunkeln geblieben sein. Zeigte sich eine Schattenwelt, die nicht ebenso in der Geschichte der Psychotherapie wirkte?

In der Tat. Grandiositätsphantasien und befremdliche Prämissen zogen sich wie ein roter Faden von Freud über Jung und Reich bis in die aktuelle Generation von Therapeuten. Beispielsweise schrieb ein noch unbekannter 28-jähriger Freud 1885, lange vor der Psychoanalyse, an seine Verlobte: »Ich habe alle meine Aufzeichnungen seit 14 Jahren und Briefe, wissenschaftliche Exzerpte und Manuskripte meiner Arbeiten vernichtet ... Die Biographen aber sollen sich plagen, wir wollen’s ihnen nicht zu leicht machen. Jeder soll mit seinen Ansichten über die ‚Entwicklung des Helden‘ Recht behalten, ich freue mich schon, wie die sich irren werden«. (zit. Nach Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Band 1: Die Entwicklung zur Persönlichkeit und die großen Entdeckungen 1856–1900. Bern, Stuttgart 1960, S. 10 f.)
Ähnlich bei Jung und Reich lassen sich Beispiele für Grandiositätsphantasien, Egomanie und Messianismus finden, Letzterer phanasierte sich in seiner späten Lebensphase entweder als Außerirdischer oder neuer Christus. Ein gewisser Grad von Berühmtheit kaschiert allzu bald die dahinter verborgene Grandiosität. Vielleicht bildet die Egomanie eine Voraussetzung jeder Entwicklung zur Popularität.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 23. April 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (266): Schmerzkörper, emotionale Pest und Spiegelungssucht

Photo by Alex Iby on Unsplash
Ich beschreibe hier Vorgänge, in dem der die sekundäre Schicht bzw. der  Schmerzkörper getriggert werden. Sie lassen sich gleichermaßen im individuellen wie im sozialen Kontext beobachten. Die Besetzung von Macht und Geld wäre hier ebenso zu nennen wie jede Form des Fanatismus und pathologischem Sendungsbewusstseins. Auf einer unbewussten Ebene dient jede Form von Macht dem Schutz des Schmerzkörpers vor Angriffen, die zu einem Aufbrechen der inneren Wunden führt. Geld, als wesentliches Machtinstrument, dient der gleichen Funktion.

Verachtung und Hass nähren sich aus dem Schmerzkörper, manifestieren sich grandiosen Konstrukten des Ego-Verstands, in denen die eigene Weltsicht mit aller Gewalt zur Absoluten erhoben wird. Sie entladen sich beispielsweise in fundamentalistischen Feldzügen, in Gewaltherrschaft und Terror.

Häufig verbinden sich die Schmerzkörper einer Gruppe von Menschen, definieren ein gemeinsames Hass-Objekt. Solche Vorgänge beginnen beim »Mobbing«, treten bei den sog. »Wutbürgern« zum Vorschein und enden im rechtsextremen oder islamistischem Terror. Der innerseelische Bürgerkrieg bildet auf diese Weise den Nährboden für den realen Bürgerkrieg. Nicht nur die Geschichte, auch die Gegenwart ist reich an Beispielen für dieses Phänomen.

Die soziale Verbindung der Schmerzkörper Einzelner funktioniert als Dominoeffekt. Reich nannte es »emotionale Kettenreaktion« oder »emotionale Pest«. Das phylogenetische Erbe, das sich in der gesellschaftlichen Natur des Menschen ausdrückt, präsentiert in solchen Erscheinungsformen seine Schattenseite. Ausgrenzungsprozesse von Minderheiten, ebenso die Zerstörung der Umwelt, gehen zwangsläufig einher mit der Verleugnung von Mitgefühl im Seelenleben des Einzelnen. Die jeweilige Ideologie, d. h. die Rationalisierungs- und Erklärungsmuster, setzt eine Attraktion von Zugehörigkeit in Gang und stabilisiert sich, indem sie andere Menschen zum Sündenbock erklärt. Eine Zugehörigkeit, die auf der Verbindung der Schmerzkörper beruht, welche sich in der jeweiligen Erzählung wiederfindet.

Das, was im Seelenleben des Einzelnen in Gestalt des »innerseelischen Bürgerkriegs« aufscheint, indem Gefühle oder Bereiche der Seelenlebens ausgegrenzt, verachtet oder diskriminiert werden, potenziert sich im sozialen Zusammenhang als gesellschaftliche Gewalt.

Kommen wir auf unser Gedankenexperiment zurück. Die Bezugsperson, die ihr Kind mit rationalen, beziehungslosen Erklärungen zu beruhigen versucht, ist ebenso befangen wie gefangen. Gebannt in ihrem eigenen psychischen Universum, zwischen Verstand und Schmerzkörper. Das Gefängnis ihrer Persönlichkeitsstruktur blockiert die Einfühlung in das seelische Erleben ihres Kindes.

Schmerzkörper, »sekundäre Schicht« und der damit verwobene innerseelische Bürgerkrieg verschließen die Ressourcen des Herzens und der liebenden, mitfühlenden Natur in uns. Wenn diese Verbindung blockiert ist, stehen nur Selbstentfremdung, Identifizierung mit Schmerzkörper und Ego-Verstand als Instrument der Selbst- und Weltwahrnehmung zur Verfügung.

Der verlorene Kontakt zum Selbst zieht eine tiefe Verunsicherung und Haltlosigkeit nach sich. Die Suche nach dem Verlust löst Sehnsucht nach Heil und Heilung aus. Sie wird zum Antrieb für die Sucht nach Aufmerksamkeit, Spieglung, Bestätigung.

Da der Weg in das innere Universum durch den Schmerzkörper versperrt ist, richten sich diese Anstrengungen nur noch auf die Außenwelt. Was man sich selbst nicht gibt, wird nun in den Reaktionen seiner Lebensumwelt herbei gesehnt. Dies erinnert an ein Kind, das seine Bindungsbedürfnisse dort adressiert, wo es Antwort erhofft.

Selbstbeziehungsdefizite entwickeln sich gleichermaßen zum Motor jener Verhaltensmuster, in denen die Suche nach Selbst-Bestätigung aufscheint. Dabei hat die Außenwelt die Aufgabe zu spiegeln, was man für seine Persönlichkeit hält: Jene Konstruktion, jene Erzählung, die man als Identität, »Ich«, setzt.

Doch Heilung findet nicht statt. Insgeheim spürt man, dass da etwas nicht stimmt. Wer sich selbst nicht liebt, nicht mit sich in Einklang lebt, der wird kein Vertrauen dazu gewinnen, von jemand anderem geliebt zu werden. Misstrauen und innere Selbstentfremdung verhindern es. Die Suche, Antwort von Außen, äußerliche Antworten zu erhalten, geht weiter. Das Spiegelungsbedürfnis entwickelt sich zur Sucht, zum Persönlichkeitsmuster, zum Lebensinhalt. Es gemahnt an die Strafe des Sisyphos.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 19. April 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (265): Innerseelischer Bürgerkrieg und Schmerzkörper

Image by Alexas_Fotos from Pixabay

Die inneren Konflikte werden zum Teil der Persönlichkeit, manifestieren sich als »innerseelischer Bürgerkrieg«. Denn die abgelehnten, dem Verstand geopferten Seelenanteile bleiben unbequem. Sie wehren sich gegen die Diktatur des Rationalen, sind nicht auszulöschen. Sie verändern ihren Charakter, indem sie sich in wachsendem Umfang mit dem Schmerz der Ungeliebten vereinen. Erwachsen zu dem, was Eckart Tolle als »Schmerzkörper« bezeichnet.

Der Schmerzkörper wird im menschlichen Verhalten wahrnehmbar. In Beziehungen vermag er auf eine Weise getriggert zu werden, die verblüfft. Plötzlich verwandelt sich ein scheinbar friedlicher Mensch in sein schieres Gegenteil, verdunkelt sich, beißt, ohne vorher zu bellen oder zieht sich in sein Schneckenhaus zurück, erstarrt, bleibt unerreichbar.

Sei es, dass eine alte, unbewusste Wunde berührt, sei es, dass eine lapidare Bemerkung als existentieller Angriff erlebt wurde: Der Himmel verdüstert sich, ein destruktives emotionales Gewitter bricht hervor oder ein lebendiger Mensch erstarrt zur Salzsäule, verliert sich in Ritualen des Selbsthasses.

Betrachten wir diesen Vorgang genauer, wird erkennbar, dass solche überschießenden Aktions- im Grunde Reaktionsmuster darstellen. Ein Blick, eine unbedarfte Bemerkung, eine Geste reichen aus, um den Schmerzkörper zu aktivieren, um als existentielle Bedrohung wahrgenommen zu werden.
In Wahrheit sind es unbewusste schmerzvolle Erinnerungen, die getriggert werden, verdrängte Gefühle, die an die Oberfläche drängen. Sie richten sich gegen die Außenwelt, gegen andere, aber ebenso gegen die eigene Person: ersteres wäre die aggressive, letzteres die depressive Variante.

Die Intensität dieser emotionalen Reaktionen schenkt uns einen wertvollen Hinweis: Die kindliche Seele nahm sie damals schon existentiell bedrohlich wahr und ihre Anpassung an die Kultur ist nicht nur ein überaus schmerzhafter Prozess, sondern ein niemals fertiggestelltes Endlager des Leids: der Schmerzkörper.

Die sog. »soziale Maske«, wie Reich sie bezeichnete, repräsentiert jenen Teil von Zivilisierung, der normalerweise vor den allzu eruptiven Impulsen der »sekundären Schicht« schützt. Persönliche und soziale Krisen führen dazu, dass dieser Schutz nur unzureichend oder gar nicht mehr funktioniert. Kriminalität, Terrorismus, Rassismus, Krieg und Bürgerkrieg betrachte ich als Erscheinungsformen entfesselter »sekundärer Schicht« im sozialen Kontext.

(»Sekundäre Schicht« und »Schmerzkörper« setze ich hier identisch. Als sekundäre Schicht bezeichnete Reich das Sammelsurium all jeder unerwünschten und verdrängten Gefühle, die normalerweise unter der »sozialen Maske« verborgen bleiben und unter krisenhaften Umständen zum Ausdruck gelangen.)

(Fortsetzung folgt)

Montag, 13. April 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERERFAHRUNG (264): Der Großinquisitor des Gefühlslebens

 
Image by Johnson Chiang from Pixabay

Schauen wir uns das Ritual der "Erklärung“ genauer an. In ihren Aussagen ist die Wahrheit über unsere ganze Kultur enthalten: Den Kindern wird vermittelt, dass es Erklärungen für Gefühle (hier für die Angst) gibt oder geben muss. Solche Vorstellungen vermitteln den Eindruck, als ob Emotionen nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip funktionieren. Es suggeriert, dass die logisch-rationale Gesetzmäßigkeit für ganze Gefühlswelten gilt. Typische Fragen lauten: »Warum weinst du? Warum hast du Angst? Warum bist du jetzt wütend?«

Eltern kennen die kindliche »Warum-Phase« zwischen dem 3.–4. Lebensjahr. Hier manifestiert sich die Absicht, die innerseelische Wirklichkeit mit der Wahrnehmung der äußeren Welt in Einklang zu bringen, beide Bereiche den Gesetzmäßigkeiten der Ursache-Wirkung-Logik zu unterwerfen. Wie nervtötend oder belustigend dieser Prozess auf Erwachsene auch wirken mag, er repräsentiert die besessene bis verzweifelte Anstrengung, die Realitätskonstruktion seiner Lebensumwelt  einzustudieren. Denn in dieser Lebensphase findet nicht nur die sog. »Ich-Entwicklung«, sondern ebenso der Prozess der Identifizierung mit der kulturellen Weltkonstruktion ihren Abschluss.

Dazu gehört die Vorstellung, dass Gefühle eine logische Ursache zu besitzen haben. Denn diese gelten nicht als unabhängig vom Denken, nicht als spontaner, vitaler Ausdruck des Selbst im Hier und Jetzt, nicht als natürliches Geschenk der Seele für Selbstregulation und Selbstheilung. Nein, Gefühle sind der Kontrolle des Verstandes zu unterwerfen. Wenn sie schon da sind, benötigen sie eine rationale Legitimation, ein Motiv. Ein Motiv, wie es in jedem Kriminalfilm der Täter benötigt, um verurteilt zu werden.

Der Verstand führt sich als Herrscher über das Gefühlsleben auf, als Großinquisitor der emotionalen Wirklichkeit. Der Ego-Verstand erklärt das eine Gefühl für akzeptabel, das andere für negativ, bedeutungslos, unwichtig, peinlich, animalisch oder wie auch immer das Urteil lautet.

Das Ganze ließe sich als ein „innerseelisches Patriarchat“ bezeichnen: Der Verstand, die Ratio, die Vernunft, die Wissenschaft usw. sind alles; Gefühl, Intuition, Instinkt, Körper, das spontan Lebendige, Authentische, die Natur in uns bilden das, was es zu beherrschen und zu unterwerfen gilt. Genauso sieht unsere Welt noch aus.

Dies alles lässt erahnen, wie grundlegend der Konflikt zwischen innerem Erleben und sprachlicher Veräußerung, Fühlen und Denken, Herz und Verstand angelegt wird.

Zudem bilden sich unterschiedliche persönlichkeits- und kulturspezifische Ausprägungen heraus, die es zu differenzieren gilt. Individuell dürfte das Verhältnis zwischen einfühlsamen Reaktionsmuster und verbal-logischen Kontaktabbrüchen prägend sein. Im kulturellen Kontext ließen sich Einflussfaktoren dessen entdecken, was als »Mentalität« bezeichnet wird.

Wie manche Lebensweisen kühl und nüchtern daher kommen, andere als emotional und temperamentvoll, so erscheint es plausibel, dass hier unterschiedliche Erziehungsstile auf einen Landstrich, ein Volk oder eine Nation einwirken. Identifizierungen mit gewissen Mentalitäten gelten unbewusst dem Erziehungsstil, den man selbst durchlaufen hat, stellen demnach kein Mysterium dar.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 11. April 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (263): Reaktionsmuster auf kindliche Angst

foto: pixabay
Stellen Sie sich folgende Schlüsselszene vor: Eine Mutter geht mit ihrem Kleinkind die Straße entlang. Plötzlich erschüttert ein tieffliegender Hubschrauber die Stille. Das Kind, das dies zum ersten Mal erlebt, erschrickt und versteift sich, weint laut auf vor Angst.

Eine Mutter kann u. a. auf dreierlei Weise reagieren

•    Die instinktive Reaktion wäre, ihr Kind auf den Arm zu nehmen, zu halten und zu umarmen.
•    Ein anderes vorstellbares Reaktionsmuster wäre, das Kind in seiner Angst zu ignorieren und keinerlei Resonanz zu zeigen (»Kontaktlosigkeit«).
•    Eine dritte Variante wäre eine »verbal-logische Reaktion«: Die Bezugsperson reagiert mit Erklärungen, z. B.: »Das ist doch nur ein Hubschrauber. Da brauchst du doch keine Angst zu haben!«

I.
Die instinktive Variante wäre die gattungsgeschichtlich naheliegende. Der Bindungsforscher John Bowbly, leider erinnere ich mich nicht mehr, wo in seinen Büchern ich die Stelle gelesen habe (ich bitte um Nachsicht, falls hier einige Details ungenau wiedergegeben werden), beschrieb die Szenerie einer Affenhorde im Urwald. Dabei löste ein Tiefflieger Panik unter den Jungtieren aus, die zum ersten Mal mit diesen lauten Geräuschen konfrontiert wurden. Die jungen Affen sprangen instinktiv in den Arme der älteren Tiere, die sie umarmten und hielten, bis die Angst verebbte. Bemerkenswert war, dass es sich um ältere, lebenserfahrene Affen handelte. Verwandtschaft oder Elternschaft spielte keine Rolle.

II.
Im Szenario der Kontaktlosigkeit wird sich das Kind halt- und resonanzlos in seinen Gefühlserleben erfahren. Häufen sich derartige Erfahrungen, mangelt es u. a. an dem, was der Pionier des Säuglingsforschung Daniel Stern als »affect attunement«. Stern hat den Begriff Attunement geprägt, einen Begriff, für den im Deutschen meist der Terminus Rapport oder Kontingenz verwendet wird. Die Begrifflichkeit ist schwer übersetzbar und meint den sehr komplexen Vorgang, wie zwei Menschen sich in ihrem Rhythmus und ihren Gefühlen aufeinander einstimmen und dann innere Zustände miteinander teilen. Anzuführen wäre hier unter anderem das Spiel mit amodalen Entsprechungen zwischen Mutter und Kind: Die Mutter setzt Bewegungen und freudige Gestimmtheit des Kindes in Laute, Rhythmus, Kopfnicken etc. um. Dieses Teilen des inneren Zustandes bewirkt das Herstellen von Gemeinsamkeiten über spielerische Interaktion auf einer amodalen Ebene.« (Aus: Wikipedia, Artikel zu Daniel Stern – Psychoanalytiker)

Ich übersetze es mit »affektive Einstimmung«. Hier verorte ich eine die Quelle dessen, was ich als »Spiegelungsbedürfnis« bezeichne.

Defizite an Resonanz und Selbstwirksamkeit werden zur prägenden, persönlichkeitsbildenden Erfahrung. Diagnostisch lassen sich hier Persönlichkeitsstrukturen zuordnen, die in der Psychopathologie als »frühe Störungen« zusammengefasst werden.

Es lässt sich leicht nachvollziehen, dass die Erfahrung, sich haltlos in seinen Emotionen zu erleben, tiefe Spuren im Seelenleben hinterlässt. Eine lebenslange Suche nach Spiegelung, die bei ausgeprägten Frühstörungen ins Auge fällt, kann damit in Zusammenhang gesehen werden.

III.
Die 3. Variante betrachte ich als charakteristisches Prägungsmuster, welches für das Hintergrundszenario des »innerseelischen Bürgerkriegs« maßgeblich ist. Es findet sich typischerweise in bürgerlichen Sozialschichten, erscheint prägend für die vorherrschenden Persönlichkeitsmuster der westlichen Gesellschaften.

Hier besteht die Reaktion nicht in einer energetischen Zuwendung, sondern in der energetischen Abwendung. Die Bezugsperson entzieht sich dem Kontakt mit der Angst des Kindes, indem sie sich auf die Ebene der Sprache, des analytischen Denkens und der Erklärungen begibt. Stellt man die Frage, was sie dazu motiviert, ist unschwer zu erkennen, dass es der eigenen Angstabwehr dient. Es spricht vieles dafür, dass die Bezugsperson ähnliche Lektionen in ihrer eigenen Kindheit gelernt hat.

Von Generation zu Generation werden u. a. folgende »Lektionen für das Leben« vermittelt: »Ich ignoriere deine Angst, sie ist belanglos, berührt mich nicht.«, »Du musst deine Gefühle nicht so wichtig nehmen«, »Meine Erklärungen sind bedeutsamer als Angst« und allgemein: »Des Menschen Worte sind wichtiger als jedes Gefühlserleben«. 

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 8. April 2020

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (262): Vorbemerkung zur langen Pause und Exkurs

foto: vkd

Es ist erstaunlich und motivierend, dass trotz der Regungslosigkeit, was Posts von mir betrifft, es einen ständigen Fluss von Besuchern und bisweilen sogar Abonnenten gab. Danke dafür.
Nicht zuletzt die Corona-Krise, die gegenwärtig bisher Verdecktes an die Oberfläche trägt, bietet mir ein Zeitfenster für eine neue Runde von Postings.
Immerhin jährt sich im Mai ein ganzes Jahr, seit ich hier etwas veröffentlichte. Erstaunlich. Erstaunlich aber auch, dass es ganze 261 Beiträge waren, die wohl immer noch hier da trotz der langen Pause ihre Leser fanden. Wie auch immer, jetzt fällt der Startschuss zu einer neuen Runde.
Wie zuvor entstammen die folgenden Veröffentlichungen den Vorarbeiten zu meinem noch unveröffentlichten Büchern. Ich habe seit einiger Zeit damit begonnen, den 1. Band noch einmal vollständig zu überarbeiten und zu erweitern, bevor er in Buchform der Öffentlichkeit präsentiert wird. Es war gut, das Manuskript über viele Monate nicht mehr anzufassen. Der zeitliche Abstand löste neue schöpferische Impulse aus, die, so hoffe ich, meine Betrachtungen in hellerem Licht erscheinen lassen.  
Die Postings, mit denen ich heute beginne, entstammen diesen textlichen Erweiterungen. Sie beginnen mit einem Exkurs zum Thema „Innerseelischer Bürgerkrieg“.
Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen und wünsche meinen Lesern eine anregende Lektüre.

DIE WUNDE DES UNGELIEBTEN

»The First Cut is the Deepest«
(Cat Stevens)

»Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus.
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist der Beginn und das Ende ist dort.«
(Rainer Maria Rilke)

Im »innerseelischen Bürgerkrieg« werden Persönlichkeitsanteile unterdrückt, abgewertet, abgespalten, ignoriert. Dabei unterwirft der Galeerentreiber des Ego-Verstands Körper und Seele gnadenlos seinen Wirklichkeitskonstrukten. Dies geschieht von frühester Kindheit an. Die Tiefenpsychologen sprechen von »Ich-Entwicklung«.
Dieser Prägungsprozess, einhergehend mit der Sprachentwicklung des Kindes, beinhaltet die Sonderung von Seele und Verstand.
Als »Seele« definiere ich all jene angeborenen menschlichen Potentiale und Zugänge zum Leben, die nicht dem logischen Denken zuzuordnen sind: die Welt des Herzens, der Gefühle und Emotionen, die instinktiven und intuitiven Fähigkeiten, die Eingebungen, Visionen und andere sog. »übersinnliche Wahrnehmungen«. Gleichzeitig umrahmt der Begriff »Seele« die Dualität von psychologischer und spiritueller Natur des Menschen.
Das Kind lernt sukzessive, sprachlichen Erklärungen, Definitionen und Begriffen mehr zu vertrauen als seiner innerseelischen Wirklichkeit. Dies geschieht nicht ohne Dramen, das Kind erfährt all dies in  schmerzhafter Weise. Ein Schmerz, den es verdrängt, um zu überleben. Das charakterbildende Resultat bildet die »Selbstentfremdung«: Das Selbst bleibt dem Einzelnen von da an fremd. Die Suche nach dem Verlust manifestiert individuelle Vorstellungen des Absoluten: religiöse Gewissheiten, politische Ideologien und die unzähligen kleinen alltäglichen Urteile und Spiegelungen, die in der äußeren Welt denjenigen Halt verheißen, der in der inneren Welt verloren gegangen ist.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 31. Mai 2019

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (261): Kabir und der göttliche Augenblick

Foto: vkd
Der Mystiker Kabir lebte und lehrte im 14. Jahrhundert in Indien. Eines löste zugleich meine Neugier aus: Kabir sah sich als Vertreter einer einzigen, allumfassenden Spiritualität. Endlich jemand, der über den Tellerrand schaute.

Kabir wuchs in einer Moslemfamilie auf. In seiner Jugend wurde er Schüler des bekannten hinduistischen Asketen Ramananda, einem Vorreiter der mystischen Erneuerung gegen die intellektualisierte Lesart der damals vorherrschenden vedischen Philosophie. Später entdeckte Kabir die berühmten persischen Mystiker des Sufismus wie Rumi und Hafiz, beschäftigte sich auch mit jüdischen und christlichen Quellen.

Wie bei Ibn Arabi und Rumi bevorzugte Kabir die Poesie als Ausdrucksform seiner Seele. In ihr vereinigten sich alle spirituellen Einflüsse und Erhellungen. So verwundert es nicht, dass nach Kabis Tod 1518 Angehörige verschiedener Religionen ihn zu dem Ihren erklärten. Der Legende zufolge reklamierten Hindus, Moslems und Sufis Kabir für sich. Bei seiner Beerdigung gab es bereits den ersten Streit unter den Gläubigen. Klingt hochmodern.

In ihrer Mehrheit vermögen es viele Menschen offenbar nicht zu ertragen, wenn sich weiser Mann oder ein spiritueller Lehrer solcher Strahlkraft nicht zuordnen, kategorisieren, etikettieren und einvernehmen lässt. Dieses Phänomen kennen wir aus dem Neuen Testament, als Jesus sich mit den Pharisäern und Schriftgelehrten auseinandersetzte. Es wirkt im Fundamentalismus, Dogmatismus, in Orthodoxie und Scholastik jeder Lesart fort, sei es im eigentlichen spirituellen Kontext, sei es auf Schauplätzen der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft. Es scheint, als seien die Freiheit und Grenzenlosigkeit einer Wahrheit, in dem das Verbindende und nicht das Trennende im Vordergrund steht, unerträglich. Ebenso unerträglich, wie die Energie der Liebe, die das Sein verbindet und hier anklingt.

Auf der physischen Ebene wird die unmittelbare Erfahrung vollkommener Einheit wahrnehmbar als kosmische Energie, die alles durchdringt, alles bewegt. Wilhelm Reich nannte sie „Orgon“. Auf der psychischen Ebene mystischer Erfahrung erscheint sie als die alles verbindende Energie der Liebe.

Die Ebene des Ego-Verstands hingegen kleidet diese unmittelbaren Wahrnehmungen in Worte, Begriffe, Gestalten und Gestaltungen. Gott, die Engel, der Teufel, Himmel und Hölle, das Wunder des Seins wird zergliedert in eine Welterfahrung, in der Figuren, Kategorien, Gesetze und Worte herrschen, Abstraktionen und Gestaltungen der Energie der Liebe. „Ihr bringt mir alle Dinge um. Die Dinge singen hör ich gern.“ (Rilke)

Kabir sah und beschrieb deutlich die „Entfremdung“ des Menschen von  seiner wahren Natur, die Liebe und Freude ist und in seiner unmittelbare Verbindung zur Schöpfung und zu Gott aufscheint.
Kabir kritisierte nachdrücklich die „Religion der Äußerlichkeiten“, welche Frömmigkeit zur Schau stellte, was er in der Bilderverehrung, dem Ritualismus, in der Zurschaustellung des Yoga und der Askese aufscheinen sah.

Die Nacktheit der „himmelsbekleideten Jainas“, die Aufmachung und Ockerroben der Mönche und Yogis verspottete er, weil diese Äußerlichkeiten kaum die Erkenntnis der Wahrheit förderten. (Mit seinem langen Bart erinnert er (der Yogi) an einen Ziegenbock ...“(Kabir 2006, S. 18 ff., Vorwort von Shubhra Parashar)

Kabir gilt heute als einer einflussreichsten Dichter Indiens und als bedeutender Mystiker, dessen Wirkung weiter anhält.
Das folgende, errstaunlich aktuelle Gedicht, gibt einen Einblick in die Lehre Kabirs:

Ich bin an deiner Seite
Wo nur suchst du mich?
Schau hin! Ich bin an deiner Seite.
Ich bin nicht im Tempel,
nicht in der Moschee.
Ich bin nicht in der Kaaba
und nicht am Kailash.
Ich bin nicht in Riten und Zeremonien,
nicht in Yoga und Entsagung.
Wenn du ein wirklicher Sucher bist,
dann erblickst du mich in diesem Augenblick –
du begegnest mir in diesem Moment.
Kabir sagt:
›Gott ist der Atem allen Atems‹

(Fortsetzung folgt)
 

Montag, 22. April 2019

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (260): Rumi und die Melodien der Sehnsucht

foto: pixabay
Die Anziehung, die Rumi ausübt, scheint ungebrochen. Dieser Mystiker-Poet, glückselig, ekstatisch, trunken von der Energie der Liebe, berührt bis zum heutigen Tage zahllose Menschen, die seiner Poesie begegnen. Wie vermögen ein paar Worte eine solche Wirkung auszuüben?

Sie sprechen Wahrheit aus, aus der Tiefe des Herzens, berühren sie im Leser, lassen sie anklingen, bewegen, sich regen. Wahrheit, die, unabhängig von Zeit und Kultur, Menschsein ausmacht: das Erkennen der Natur, der Kraft und der Energie der Liebe.
 
So leben Tiefe und Weisheit dieser Poesie aus längst vergangenen Tagen bis heute. Ibn Arabis und Rumis Lyrik wirken zeitlos. Sie geben Zeugenschaft über die ureigensten Themen der Seele: Spiritualität und Liebe. Sie widmen sich ihnen auf der Ebene der direkten, ekstatischen, grenzenlosen Gotteserfahrung. Nicht fein ziselierte Wortspielereien oder intellektuelle Architekturen aus Metaphern, Rhythmen und Reimen bilden die Anziehung, die ihre Poesie ausübt, sondern die Versprachlichung menschlichen Seelenlebens in seiner spirituellen Tiefe.

Nicht die die Form, die Wahl der Worte, sondern die Inhalte selbst sind es, welche die Faszination dieser Poesie ausmachen. Sie erreichen uns aus der Tiefsee der menschlichen Seele, berühren sie im Du, bringen sie und ihre Sehnsucht zum Klingen. Die Liebe, die Rumi besingt, ist nicht die personale, sondern die transpersonale, nicht die bedingte, sondern die bedingungslose, allumfassende, göttliche Liebe:

Neunte Ghasele

Tritt an zum Tanz! Wir schweben
In dem Reihn der Liebe,
Wir schweben in der Lust
Und in der Pein der Liebe.
Der ew’gen Liebe Botschaft
Hört‹ ich von dem Tode,
Dass Gott den Tod getränkt
Im Lebenswein der Liebe.
Die Kraft der Liebe löste
Leise mir den Nabel,
Als Mutter Liebe mich
Gebar ins Sein der Liebe.
Ich frug die Liebe: Wie
Soll ich der Lieb‹ entgehen?
Sie sprach: Ohn‹ Ausgang ist
Der Zauberhain der Liebe.
Der Liebe Zauberspiegel
Strahlet Weltgestalten,

Der Blick verirrt sich
In den Schilderein der Liebe.
Gib deinen Leib wie Gold
In Liebe’s Läutrungsschmerzen;
Denn Schlack‹ ist Gold, das nicht
Die Glut macht rein der Liebe.
Ich sage dir, warum
Das Weltmeer schlägt die Wogen:
Es tanzt im Glanze
Vom Weltedelstein der Liebe.
Ich sage dir, wie aus dem Ton
Der Mensch geformt ist:

Weil Gott dem Tone blies
Den Odem ein der Liebe.
Ich sage dir, warum
Die Himmel immer kreisen:
Weil Gottes Thron sie füllt
Mit Wiederschein der Liebe.
Ich sage dir, warum
Die Morgenwinde blasen:
Frisch aufzublättern stets
Den Rosenhain der Liebe.
Ich sage dir, warum
Die Nacht den Schleier umhängt.
Die Welt zu einem Brautzelt
Einzuweih‹n der Liebe.
Ich kann die Rätsel alle
Dir der Schöpfung sagen,

Denn aller Rätsel Lösungswort
ist mein, der Liebe.

Rumis Poesie verweist auf jenen erleuchteten Zustand, in welcher ein Mensch in vollendetem Kontakt mit der Essenz des Seins steht. Die Form tritt zurück hinter das Orchester der Worte. Ein Orchester, das eine Musik erklingen lässt, welche als »Musik Gottes« oder »Gesang der Engel« ertönt. Musik, die in den Tiefen der menschlichen Seele immer existierte und existiert, wird ohrenfällig. Es ist, als ob Rumi nur den Lautstärkepegel erhöht, schon hören wir Melodien in uns anklingen, die dort lautlos harrten: Melodien der Sehnsucht nach grenzenloser und formloser Liebe.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 3. März 2019

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (259): Rumi und die zeitlose Wahrheit der Liebe

Foto: pixabay

Den Dichter Rumi erwähnte ich an anderer Stelle in Zusammenhang mit Al Baumann und Wilhelm Reich. Ich brachte in diesem Zusammenhang ihre Ambitionen zur Sprache, Gedichte von Rumi zu vertonen.

Obwohl ich mich seit meiner Jugend mit Lyrik beschäftigte, war mir Rumi bis zu diesem Erlebnis nicht bekannt. Naive Bewunderung für alles, was mit Wilhelm Reich zusammen hing, motivierte mich, mit Rumis Poesie in Kontakt zu treten.

Ich fühlte mich bei der ersten Begegnung hin- und hergerissen. Da erwachte atemlose Faszination für die klare, leidenschaftliche Sprachgewalt Rumis. Zudem kam eine verwirrende Erkenntnis zum Vorschein: Rumi hatte seine Poesie offenbar an einen Mann adressiert. Was bedeutete das? War der große Rumi etwa schwul? Ich empfand dies als befremdlich, es schien die Glaubwürdigkeit seiner Worte zu mindern. In meiner Naivität schwang eine latente Schwulenfeindlichkeit und das romantische Ideal der großen (aber bitte heterosexuellen) Liebe mit. Ich hatte nichts, überhaupt nichts begriffen. Vor allem nichts darüber, was Rumis Verständnis von Liebe betraf, das meilenweit von jenem aufschien, das sich aus dem Katechismus des Egos nährte.

Viele Jahrzehnte später ahnte ich, was in mir vorgegangen war. Die Poesie Rumis hatte zwar in dieser ersten Begegnung mein Herz berührt, jedoch mein Ego-Verstand wusste nichts Besseres, als das Geschehen sogleich zu kategorisieren, zu beurteilen, in eine Schublade zu stecken, großspurig zu etikettieren und diese für Jahre zu schließen.

Dabei ahnte ich nichts von der Essenz der Poesie Rumis und anderer Mystiker und insbesondere von ihrem tiefen Verständnis dessen, was man Liebe nannte. Ich war gefangen in jenen kulturellen Vorstellungen, die Sexualität, Spiegelung, Tauschwert und äußere Form für Liebe halten.

Das Leben von Rumi (1207–1273), bis dahin ein angesehener Gelehrter im türkischen Konya, wurde durch die Begegnung mit dem Wander-Derwisch Shams e-Tabrizi in seinen Grundfesten erschüttert und auf immer verändert. Offenbar fand er in ihm den Seelengefährten, der die Wahrhaftigkeit, Hingabe und Präsenz des Liebenden erblühen ließ und in ihm jenen spirituellen Poeten zum Vorschein brachte, den wir kennen und dessen Verse uns heute ebenso berühren wie die Menschen vor 800 Jahren. Die Strahlkraft seiner Poesie, wo anders lag ihr Geheimnis als in ihrer zeitlosen Wahrheit?

Ich fühlte mich fasziniert, ja überwältigt von der Schönheit und Weisheit in Rumis Versen. Die Klarheit der Worte ermöglichte einen visionären Blick in die Tiefsee der menschlichen Seele, in jene Welten, wo die Liebe im Dunklen wohnt. In meinem Herzen entfaltete sich eine Blüte, langsam, fast scheu, klar, und in ihr erwachte gleichzeitig eine Sehnsucht, die weiter reichte, wachsen wollte, die zog und dehnte. Eine Ausdehnung aller Sinne, eine essentielle Wirklichkeit, erzeugt durch Worte eines Mystikers und Poeten.

(Fortsetzung folgt)


Sonntag, 3. Februar 2019

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (258): Ibn Arabi und die Religion der Liebe

Sevilla, Foto: pixabay
Im Unterschied zu ihren christlichen Brüdern zogen sich die Sufis keineswegs aus Welt und Weltlichem zurück. Vielmehr trafen sie sich in regelmäßigen Zusammenkünften, vorwiegend einmal pro Woche, zu Ritualen, und zudem, um bei Meister praktische Ratschläge einzuholen. Kommt einem bekannt vor, heute würde man von einer spirituellen Selbsterfahrungsgruppe oder Sekte sprechen.

Schon damals, in den Anfängen, stellten die Sufi-Mystiker eine Minderheitsströmung innerhalb des Islam dar, im Volk bewundert und verehrt, von Theologie und Fundamentalismus verpönt und verfolgt.

»Bis heute sind die Sufis (neben den Schiiten) die Hauptgegner der salafistischen, von den Wahhabiten in Saudi-Arabien inzwischen weltweit propagierten, bis zu Selbstkarikatur strengen Glaubensrichtung. Als die Wahhabiten Ende des 18. Jahrhunderts erstmals massiv auf der arabischen Halbinsel auftraten, bestand eine ihrer ersten, im Lauf der weiteren Geschichte bis heute häufig wiederholten ikonoklastischen Handlungen in der Zerstörung der Gräber der Heiligen und Prophetengefährten.« (a. a. O., S. 16)

Von den Wahhabiten und der islamischen Orthodoxie gehasst und verfolgt und von manchen Sufis als der »größte Meister« verehrt wurde der Dichter Ibn Arabi (1165 – 1240). Er vertrat die Auffassung der »Einheit des Seins«, einer physischen Identität von Schöpfer und Schöpfung, vergleichbar mit den Vorstellungen Swedenborgs in unserer abendländischen Kultur.

Damit wich er nicht nur von den Auffassungen vieler Sufi-Traditionen ab, welche die Einheit mit Gott nur als Folge einer Auflösung des Egos, als Ergebnis des Dschihad ansahen, des inneren Kampfes gegen das niedere Selbst. Es ist aufschlussreich, dass der Begriff »Dschihad« von muslimischen Fundamentalisten in dieser eklatanten Weise uminterpretiert wird und als Legitimation für einen Krieg gegen die Feinde des von ihnen selbst repräsentierten wahren Glaubens missbrauchen. Dabei würde ein Dschihhad, verstanden als kontinuierliche Arbeit am narzisstischen Ego, ihrem Wahnglauben zweifelsfrei guttun. Gleichzeitig prädestinierte dies Ibn Arabi zum Angriffsziel all derjenigen Eiferer, welche wortwörtlich die Schöpfung durch Gott, wie sie im Koran gelehrt wird, zur einzigen Wahrheit erklärten.

Im Kern seiner Lehre strahlte eine einzige Aussage: Die höchste Form der Religion – jenseits von Judentum, Christentum oder Islam – bildet die Liebe, der man folgt, »gleich wohin ihre Karawane führt«. Ibn Arabi krönte die Liebe zur höchsten Gestalt menschlicher Religiosität und stellte sie in Gegensatz zu jeder Form von Orthodoxie oder Glaubensstringenz. In seiner Poesie vermischt er freizügig religiöse und pagane, islamische und vorislamische, spirituelle und erotische Motive.

Seine Kindheit verbrachte Ibn Arabi in dem von den Mauren eroberten Spanien, u. a. in Sevilla. Schon in jungen Jahren durchlebte er erste Erweckungserlebnisse und begab sich auf den Weg des Wandersufis, der ihn nach Mekka, Medina, Kairo, Hebron, Jerusalem, Bagdad, Damaskus, Aleppo und viele andere damals bedeutsame Orte führte. Dabei begegnete er den zu jener Zeit wichtigsten spirituellen Lehrern. Diese Zusammenkünfte thematisierte er in zweien seiner Bücher.

Ibn Arabi verknüpfte in Werk und Persönlichkeit zwei Seiten, die sich normalerweise in zwei unterschiedlichen Persönlichkeitstypen finden: Den Intellektuellen und Gelehrten mit einem breiten fundierten Wissen seiner Epoche und den ekstatischen Poeten der Liebe, den Künstler, den Charismatiker.
»...
welch wunder eine gazelle mit burka
die zwinkernd eine beere dir hinhält
gazelle die zwischen den rippen mir weidet
in einem garten von flammen
mein herz ist fähig alle formen
anzunehmen weide
für gazellen für mönche ein kloster
ein tempel für heiden für pilger
die kaaba der tora tafeln
und blätter aus dem koran
ich bekenne die religion der liebe gleich
wohin ihre karawane mich führt die liebe
ist mein glaube meine religion«

(Fortsetzung folgt)