Dienstag, 20. Juni 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (181): Von der Übertragungsliebe zur primären Liebe

foto: vkd
 Die Metamorphose der Übertragungsbeziehung zur realen Beziehung bildet die zentrale Aufgabenstellung für die Abschlussphase. Ein Transformationsprozess gilt als nicht oder nur schlecht abgeschlossen, solange noch eindeutige Anzeichen idealisierender Übertragung die Beziehung bestimmen. Erst wenn der Klient die Wahrnehmung der Licht- und Schattenseiten seines Therapeuten integriert hat, darf der Gesamtprozess als abgerundet gelten.

Warum ist das so wichtig? Idealisierende Übertragungen repräsentieren neurotische Muster der Kindheit, denn sie erweisen sich als Umformung und Anpassung der Liebesgefühle des Kindes an die verzerrten Selbstbilder der Eltern. Eltern nehmen die Liebe ihrer Nachkommen selten als das wahr, was sie ist, an, sondern verknüpfen sie mit ihren eigenen Persönlichkeitsmustern, mit ihrem narzisstischen Ego. Häufig bieten sie anstatt eines präsenten und offenen Herzens den Teil ihrer Persönlichkeit an, den die Tiefenpsychologie Ich-Ideal nennt, also das, was und wie sie sich gern sehen möchten. Wie verführerisch erscheint die noch ungeformte und bedingungslose Liebe von Kindern den verletzten Seelen der Eltern?

Allerdings transformiert sich auf diese Weise die originäre Liebe des Kindes zur idealisierenden Übertragung, in der sich die offene oder versteckte Grandiosität des narzisstischen Egos der Eltern spiegelt und bildet eine verzerrte Beziehungsbasis.

Um ein paar markante Beispiel zu nennen: Papa kann alles, was mit Technik zu tun hat oder weiß alles, was mit seinen intellektuellen Fähigkeiten zu tun hat, Mama ist die liebevollste und perfekteste Mutter, sie ist die schönste und klügste Mama der Welt usw. Unschwer erkennt man die neurotischen Ich-Ideale der Eltern, die die Liebe des Kindes zu jenem Zerrbild von Liebe machen, das man Übertragung nennt.

Als Übertragungen verstehe ich also als Verzerrungen der »primären Liebe« (Balint), die im Kontakt mit dem narzisstischen Ego der Eltern entstanden sind. Sie definieren und formen die Liebe, welche Kinder in ihrer familiären Lebensumwelt lernen. Das gilt übrigens auch für die negativen Übertragungen, nur dass hier die totale Herz- und Bindungslosigkeit jede liebevolle Regung mit Hass und Misstrauen bis zur Unkenntlichkeit überdecken.

Diese Verzerrungen primärer Liebe bringt der Klient in die Beziehung zu seinem Therapeuten ein. Die Übertragungsmuster dramatisieren sich in dem Umfang, wie die Aktualisierungen von Kindheitsgefühlen im Laufe des Prozesses zunehmen. Ähnliches lässt sich bei den Partnerschaftskrisen beobachten, die ebenso heftige Regressionen und dramatische Übertragungsgefühle auslösen können.

Für den Umgang mit Übertragungen in Transformationsprozessen gilt also eine einfache Orientierung: Der Weg führt von den Verzerrungen der Liebe (= Übertragungsliebe), die dem narzisstischen Ego entspringen zurück zur »primären Liebe« eines präsenten und offenen Herzens.

(Fortsetzung folgt)