Sonntag, 22. Juli 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (244): Die Poesie der Liebe und mein Weg dorthin


foto: vkd

Doch wie weit entfernt ich mich von dieser seelischen Wirklichkeit in Wahrheit befand, zeigte jenes Erschrecken, das ich empfand angesichts mancher aufwühlender Eindrücke, die Rumis Poesie auslöste. Mein narzisstisches Ego erteilte mir die Lektion darüber, wie es funktioniert. Denn in meinen (un)heimlichen Gedanken hatte nichts Besseres zu tun, als mich auf der Ebene des »Kollegen« flugs mit Rumi zu messen und zu vergleichen. Abgesehen von der Vermessenheit und Grandiosität, die sich hier abbildet, erweist sich das Kategorisieren und Bewerten als probates Mittel, mein tiefes Berührtsein, die Aufgewühltheit, die Erregung schlechthin im ruhigen Hafen des Ego-Verstands zu ankern.
 
Ja, ich schrieb nicht nur selbst Gedichte, sondern als favorisiertes Sujet galten mir Liebesgedichte. Der Gegenpol der Grandiosität, man könnte auch sagen, der Realitätsgewinn, äußerte sich bald in einem niederschmetternden Urteil: »Du wirst nie so schreiben können wie Rumi, da kannst du alles in die Tonne treten, was du je geschrieben hast oder schreiben wirst«. Dass auch in diesem Reaktionsmuster die Freude und Lust auf der Strecke blieb, ist klar. Urteile und Analysen jeder Art dienen stets dazu, den unmittelbaren, sinnlichen, lustvollen, erfüllenden Kontakt zu unterbrechen, zu kontrollieren, die Liebe, die sich mit wem oder was auch immer verbindet, heim ins Reich der Gedankenselbstkontrolle zu holen. Wo das Herz sich verbindet, trennt der Verstand.

Ich nahm nicht nur Grandiosität und Selbstabwertung wahr, die im Vergleichen mit Rumi deutlich wurde, sondern auch die vielschichtige Scham, die sich dahinter verbarg.

Die Scham betraf zunächst die vielen gescheiterten Versuche zu lieben. Es betraf meine Liebesbeziehungen, die mit einem Strohfeuer begannen, sich mit Illusionen und Machtspielen entwickelten, und die am Ende in Enttäuschungen und Schmerz endeten. Legitimiert eine solche Vor-Geschichte, über Liebe zu schreiben?

Ja, es legitimiert. Allein deshalb, weil der Ego-Verstand stets nach dem Vollkommenen strebt. Das ist wohl seine spezielle Art der Gottsuche. Das Zarte und das Leise, das Unschuldig-Naive und das Unvollkommene, das der Wahrheit-ins-Auge-Sehen des Herzens sind nicht seine Sache.

Die Scham betraf zudem sich jenen intimen Wahrheiten des Herzens in einer Weise zu öffnen, die über den Rahmen der persönlichen Beziehung hinaus wiesen. Wie exhibitionistisch mochte es sein, Intimitäten des Herzens einem Leserkreis zu offerieren, der anonym blieb? Ich erschrak, als ich in mir selbst wahrnahm, dass ich die Gefühle des Herzens als persönlicher und schamhafter empfand als jede Art erotischer oder sexueller Empfindungen. Sollte das auch bei anderen Menschen so sein?

Diese inneren Dialoge und Selbstbeobachtungen mündeten in dem Schritt, meine Liebesgedichte, die jahrzehntelang eine verborgene Existenz in den Schubladen meines Schreibtisches führten, öffentlich zu machen. Ich gründete 2010 das Blog »eintagsliebe«, das bis heute im Internet zu finden ist und einige Hundert Liebesgedichte aus meiner Feder der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Ich möchte versuchen, die Hintergründe zu skizzieren (man möge mir nachsehen, dass hier manches nur rudimentär, angedeutet, fragmentarisch erscheint), weshalb ich Liebeslyrik schreibe und veröffentliche. Dabei geht es weniger um die Lyrik als solche, sondern mehr um die Hintergründe, die den Boden bilden, auf dem meine „lyrischen Blüten“ wachsen. Lassen Sie sich also entführen in jene Seelenlandschaften, in denen das Lied, die Lyrik nur das Echo einer Seele repräsentiert. Einer Seele, die sich verbindet mit sich selbst, mit der Schöpfung, mit den Herzen des oder der Anderen.

(Fortsetzung folgt)