Sonntag, 19. August 2018

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (246): Die Vetreibung aus dem Paradies

foto: pixabay
Denn die Geschichte geht ja weiter: „Die Schläge meines Vaters haben mir nie geschadet. Im Gegenteil“. Haben sie. Nur irgendwann spürt das geschlagene, gedemütigte, missbrauchte Kind nicht mehr den Schmerz, weil es abgestumpft ist.

Hat der erwachsene Mensch sich nicht längst sich für die Waffen und die Domestizierung seiner Herzgefühle entschieden? Hat sich arrangiert mit der kalten herzlosen Welt, in der Geld und Macht alles sind, weil sie das Herz am besten schützen? Und jetzt ist er bei seiner eigenen Tochter, seinem eigenen Sohn wieder mit genau diesen Herzgefühlen konfrontiert! Was nun?

Nahezu jeder Erwachsene in unserer Kultur hat eines lernen müssen: Die Stimme des Herzens ist peinlich, lächerlich, kindisch, belanglos, sie läuft der Wirklichkeit zuwider, sie ist lästig, völlig unwichtig, überflüssig wie die 20. Talkshow mit Leuten, die man schon 20 mal hat reden hören. Zwar ist sie manchmal irgendwie gegenwärtig, und dass sie das ist, lässt sich auch irgendwie nicht vermeiden. Verliebtheit kann ein nettes Spiel oder auch zur Droge werden, aber erwünscht, willkommen, geliebt gar ist die Stimme des Herzens nicht.

Dieses Wesen des Kindes, das aus seinem Herzen heraus lebt, ist, offen gesagt, eine Schande. Das Kind soll anders sein, als es ist. Als es wahrhaftig ist. Es muss anders werden. Brav. Angepasst. Vernünftig. Seine Gefühle müssen domestiziert werden, insbesondere die schmelzenden Gefühle des Herzens.

Es sollte sich schämen, so zu sein. So überschwänglich, so ehrlich, so naiv in seiner Liebe und seinen Gefühlen. Denn das Leben ist doch ganz anders. Die Menschen sind doch ganz anders. Das Leben ist hart und brutal, das Kind weich, viel zu weich. Diese elende Schwäche, wenn und wie es sein Herz zeigt! Lächerlich. Es ist eine Schande, solche Gefühle zu empfinden, es ist eine Schande, so zu sein, wie es ist! Es ist lächerlich. Hahaha. Und dieser offene, unverhohlene Blick, ist er nicht lächerlich, kindisch, treudoof, hündisch? Wenn mein Hund so guckt, okay, er ist ein Hund und kann nicht anders. Aber mein Kind? Peinlich.

So erfährt das Kind die Scham, seine emotionale Nacktheit in dieser Welt. Die Scham wird zur Vertreibung aus dem Paradies der Unmittelbarkeit, der authentischen gefühlsmäßigen Wahrheit in sich selbst. Der Mensch lernt die Zensur des Gehirns, identifiziert sich mit dem Verstand, lebt aus ihm heraus, versucht, seine Gefühle zu kontrollieren. Gefühle und Verstand finden sich wieder in einem endlosen Konflikt, ich nenne ihn den »innerseelischen Bürgerkrieg«.

Die Vertreibung aus dem Paradies: War das, was er zu verbergen lernte, nicht in erster Linie sein Genital, sondern vielmehr sein Herz? Führt uns die Schöpfungsgeschichte in die Irre? Erwuchs die Scham nicht nur aus der körperlichen, sondern aus der seelischen Nacktheit? War der Sündenfall nicht vielmehr die Abspaltung des liebenden Herzens und seiner Beschämung?

Die Vertreibung aus dem Paradies gestaltet sich zur Abtreibung des Herzens. Die Vertreibung aus dem Paradies entlarvt sich als tief empfundene Scham darüber, ein über alle Maßen liebendes, ein überschwängliches, ein aus innerem Frieden und Glückseligkeit heraus schlagendes Herz in sich zu fühlen. Diese Sehnsucht, ist das, was Wilhelm Reich „kosmische Sehnsucht“ nannte, andere als „spirituelle Sehnsucht“ oder Sehnsucht nach Verschmelzungserfahrungen jedweder Art wahrnehmen. Das Bedürfnis nach Verbindung des Herzens repräsentiert die menschliche Natur in ihrer Tiefe und den Kern jedes noch rudimentär sichtbaren Sozialverhaltens.

(Fortsetzung folgt)