Mittwoch, 9. Dezember 2015

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (43): Orgasmus als Matrix eines ganzheitliches Erlebens




Die Vorstellung, dass das genitale Erleben nicht getrennt werden kann vom seelischen Erleben, klingt nicht so exotisch. Dass man die sexuelle Liebe nicht so einfach vom seelischen Erleben trennen kann, haben wir geahnt, ebenso, dass diejenigen, die dies mit scheinbarer Leichtigkeit vollziehen können, in der Regel Bindungsängste oder Bindungsstörungen aufweisen könnten.

Die Vorstellung, dass der Orgasmus selbst viel mehr ist als die die triebhafte Entladung genitaler Lust, klingt schon eigenartiger. „Bewusstseinseintrübung“, „unwillkürliche klonische Zuckungen“, „Hingabehaltung“, das sind Zuordnungen Reichs, die auf einen bio-energetischen Vorgang verweisen, der weit über den Bereich des Genitalen hinausgehen.

Reich erwies sich häufig als genauer Beobachter von Naturvorgängen. Der Begriff „Bewusstseinseintrübung“ beschreibt, dass die Kontrolle des Gehirns und der Gedankenmaschinerie im Augenblick des Orgasmus gelockert oder weitgehend aufgehoben sein kann und dass dieses Phänomen ein Hinweis auf ein tendenziell ganzheitliches orgastisches Erleben sein kann. Damit nähert sich Reich der Vorstellungswelt des indischen Tantra, das ja die sexuelle Liebe ganz allgemein als einen Weg zur Begegnung mit dem Göttlichen, Kosmischen, mit der spirituellen Wahrheit in sich selbst und dem Sexualpartner definiert hat.

Ohne über Tantra und die spirituellen Traditionen des Ostens genauere Kenntnisse zu haben, näherte sich Reichs Phänomenologie der „Funktion des Orgasmus“ einem metaphysischen Verständnis, ohne jemals die Basis eines materialistisch-biologischen Grundverständnisses jemals explizit zu verlassen.

Denn was ist „Bewusstseinseintrübung“ anderes als jener selige Augenblick von Stille und Frieden, von Einssein mit dem göttlichen Augenblick und der Schöpfung an sich? Was anders als jene Erfahrungsdimension, die in zahllosen spirituellen Traditionen erlebt und beschrieben wurden? Was ist „Bewusstseinseintrübung“ anders als jener seltene Augenblick, in dem die Maschinerie des zwanghaften Denkens zu Ruhe und Frieden findet? Jener Moment, in dem der Verstand seine Kontrolle aufgibt und sich der machtvollen Wirklichkeit unserer biologisch-seelischen Natur hingibt.

(Fortsetzung folgt)