Montag, 21. Dezember 2015

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (46): Die andere Geschichte des Sündenfalls



Halten wir fest: Eine in oben beschriebenen Sinne geschlechtsunabhängige sexuelle Hingabe bezieht sich darauf, offen zu sein für etwas, was körperlich und seelisch angerührt wird, offen zu sein für das, was sich ausdrücken will, was da sein will. Spontane vegetative, bio-emotionale Impulse und Reaktionen, klonische Zuckungen, Strömungsempfindungen jeder Art sind weder pathologisch noch beunruhigend, weder im eigenen Organismus noch in dem des Sexualpartners.

Im Gegenteil, all diese lebendigen Impulse wollen sich zu reflexartigen Abläufen (dem Orgasmusreflex, s. o.) verbinden. Sie entsprechen eigenen biologischen Gesetzen, münden ein in vielfältige Formen des körperlichen und seelischen Liebeserlebens, bis hin zu ekstatischem, orgastischen, kosmischen Erfahrungsdimensionen, verebben in lustvollem Verströmen …… ohne dass das Denken kontrolliert, narzisstische Selbstinszenierungen oder zwanghafte Phantasien die Hingabe an diese Vorgänge verhindern.

So wie die Erregungsströme ein Phänomen der Wechselseitigkeit zwischen den Liebenden repräsentieren, dürfen wir auch diese vegetativen Vorgänge als einen wechselseitigen Prozess ansehen, als einen Naturprozess, in dem sich die Wellen zwischen den Liebenden hin- und her bewegen, dem Höhepunkt zusteuern und schließlich in einer postorgastischen Trance verebben.
So oder in ähnlicher Weise könnte die Natur – wie in der Tierwelt – die biologischen Instinkte, die Naturvorgänge in uns bereitstellen.

Der aus der Schöpfungsgeschichte bekannte Begriff des Erkennens („ Adam und Eva erkannten sich“), der im Hebräischen Original auch eine sexuelle Bedeutung besitzt, erfährt hier eine Konkretisierung: Zu erkennen gilt es die animalische Natur in sich selbst und im anderen Geschlecht, eine Erkenntnis, frei von Angst und Scham, frei von der Kontrolle durch den Willen und den Verstand, ein Erkennen der natürlichen Grundlagen des lebendigen Seins.


Die andere Geschichte des Sündenfalls von Adam und Eva, die andere Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies lautet wie folgt: Am Anfang steht das Erschrecken über die eigene Nacktheit, es ist das Erschrecken und Erkennen der eigenen Natur. Hier finden wir die Geburtsstunde der Instanz des beobachtenden und kontrollierenden Verstands. Verstand und Scham über die animalische Natur sind funktionell identisch.

Damit einher geht der Verlust der unmittelbaren erotisch-animalischen Anmut: Der Sündenfall Adam und Evas ist möglicherweise in Wahrheit in der Verleugnung und Kontrolle des animalischen Erbes zu orten. Der damit verbundene  evolutionsgeschichtliche Irrweg, hat uns an jenen Punkt geführt, an dem wir uns heute befinden: Entfremdet von der Natur in uns und entfremdet von der Natur um uns herum.

Oder, um es in den visionären Worten Wilhelm Reichs am Ende seines Buches Charakteranalyse (sinngemäß) auszudrücken: „Das ist unsere große Verpflichtung: Das menschliche Tier ins uns zu erkennen und nicht mehr davor fortzulaufen, sondern uns dessen zu erfreuen, was wir jetzt so sehr fürchten.“

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 18. Dezember 2015

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (45): Sexuelle Liebe als Kategorie des Seins


Der Orgasmusreflex pflegte typischerweise in den Endphasen von Reichs  körpertherapeutischen Behandlungen aufzutreten. Auf dem Hintergrund seiner Beobachtung, dass der „normale Neurotiker“ als Pendant seiner neurotischen Charaktermuster entsprechende körperliche Blockaden (die sog. „segmentale Panzerung“) aufweist, interpretierte Reich das Auftreten des Orgasmusreflexes in der körpertherapeutischen Arbeit als Hinweis darauf, dass diese Blockaden im Verlaufe der körpertherapeutischen Arbeit erfolgreich aufgelöst worden waren.

Wesentlich erscheint mir hier die Entdeckung Reichs, dass es in der Tiefe unserer biologischen Existenz reflexartige, unwillkürliche vegetative Vorgänge gibt, über deren Bedeutung bis heute wenig bekannt ist.

So wie die Lustwellen des Säuglings beim Stillen („oraler Orgasmus“) in unserer diesbezüglich unwissenden Kultur teilweise pathologisiert und mit Medikamenten behandelt werden, so liegt auch der Verdacht nahe, dass vieles, was als vegetative Spontanbewegungen in der erwachsenen Sexualität auftreten kann, eher mit Stirnrunzeln oder Scham betrachtet wird denn als Ausdruck einer natürlichen und lebendigen Sexualität.

Auf diesem Hintergrund möchte ich eine Betrachtungsweise der genitalen Sexualität zu Diskussion stellen, die eine andere Perspektive als die gewohnte gehirndominierte Sichtweise beinhaltet: Was wäre, wenn der Gemeinplatz, dass Sexualität im Gehirn stattfindet, nur der Ausdruck einer langen kulturellen Domestizierung des Menschen repräsentiert? Diese Spaltung von Gehirn und Herz, von Gedanken und Gefühlen, von Bewusstsein und Biologie stellt nur eine Verzerrung der biologischen Potentiale des Menschen dar.

Ist es nicht naheliegend, dass sich in unserem Begriff von sexueller Liebe all jene historischen Traumata, gesellschaftlich-historischen Prägungen und körperlich-seelischen Programmierungen wiederfinden, die den modernen Menschen zu dem gemacht haben, was er ist: Ein, wie oben dargestellt, in seiner Liebes- und Lustfähigkeit eingeschränktes Lebewesen, das von den Wurzeln seiner biologischen Potentiale abgeschnitten ist. Die Folgen dieser Entfremdung finden sich in einer individuellen und kulturellen Wahrnehmungsverzerrung seiner eigenen Natur und derjenigen, dessen Teil er ist.

Betrachten wir die sexuelle Liebe als etwas, was auch jenseits der Steuerung und Kontrolle durch die Instanz des Gehirns und der kontrollierenden Gedankenwelt existiert, dann stellt sie sich nach den vorangegangenen Ausführungen als ein biologisches, instinktives und vor allem spontan vegetatives Geschehen dar, was im körperlichen und emotionalen Erleben vollständig autonom ablaufen kann. In dem Sinne, dass sexuelle Liebe nicht „gemacht“ wird (d.h. vom Bewusstsein kontrolliert gesteuert), sondern geschieht, so ist sie nicht Kategorie des Tuns oder des Machens, sondern Kategorie des Seins.

(Fortsetzung folgt)