Montag, 3. August 2015

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (23)


Ein Kollege schilderte mir in einem Gespräch über dieses Thema folgende eindrucksvolle Erfahrung:

In einer bestimmten Phase zwischen dem 2-3 Schwangerschaftsmonat hatten er und seine Frau intensive Diskussionen darüber, ob das Kind ausgetragen werden sollte oder nicht. Nach einigen Wochen waren diese Auseinandersetzungen abgeschlossen. Beide Elternteile hatten, auch emotional, zu einem klaren Ja zu dem Kind gefunden. Die weitere Entwicklung  verlief unauffällig. In den späteren Lebensjahren jedoch entwickelte dieses Kind, im Gegensatz zu seinen Geschwistern, Symptome der Unsicherheit in der Selbstbeziehung und dramatische Lernstörungen. Eine daran anschließende therapeutische Behandlung des Kindes im Alter von 9 Jahren brauchte ein tiefes verborgenes Lebensgefühl existentieller Unsicherheit zum Vorschein, das nach entsprechender Bondingarbeit aufgelöst werden konnte.

Auf dem Hintergrund unseres Modells der Herzcode-Information mag in diesem Beispiel deutlich werden, wie prägend solche Informationen in der pränatalen Entwicklung sein können.

Daraus ergibt sich eine anschließende Frage: Unter welchen Voraussetzungen vermitteln sich diese Informationen? Löst eine depressive Episode in der Schwangerschaft bereits eine solche individuelle Prägung aus? Hat ein kritisches Aufwallen von Hassgefühlen gegenüber dem Fötus in einem Streit mit dem Partner bleibende Wirkungen auf das frühe Selbstsystem?

Zur Beantwortung solcher Fragen muss ich ein wenig ausholen. Es gilt, das Spezifische der pränatalen Lebensumwelt zu verstehen, und hier möchte ich die Gesamtheit der Empfindungen anführen, welche auf die Leibesfrucht einwirken.

Die Empfindungsebene beschreibt das Hintergrundrauschen, aus dem sich die Gestaltungen der Gefühle und Emotionen heraus differenzieren. Diese Empfindungsebene bezeichnet im pränatalen Leben das, was immer da, immer vorhanden, immer präsent ist. Ein Ozean im Herzschlag seiner rhythmischen Bewegungen, voller Tiefe und Vielfalt des Lebendigen, zudem, wenn man so will, pränatales Fruchtwasser, rauschende (Blut)Strömungen in unterschiedlicher Intensität und Temperatur.

Dieser pränatale Empfindungsraum ist kein transpersonaler Paradieszustand an sich, wie mythologische Konzepte glauben lassen. Er ist ein Paradieszustand im Kern, der durchaus zur Hölle einer Wüste oder Eiswüste werden kann. Etwa, wenn der Strom der Herzcode-Informationen, der sich über den äußeren Raum des elterlichen Systems vermittelt, der Natur der organismischen Wahrheit des Fötus in überwältigender Weise als fremd oder sogar als bedrohlich gegenüber tritt.

(Fortsetzung folgt)