Samstag, 6. Februar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (63): Desidentfizierung mit der Macht, die Liebe verhindert ...

Mit der Achtsamkeit gegenüber den inneren Gedanken- und Gefühlsmustern in Räumen und Kreuzgängen von Meditation und Kontemplation erwächst die Möglichkeit einer Desidentifizierung mit der spiegelungsaffinen Ego-Identität. Diese Desidentifizierung geht einher mit der Erkenntnis, dass nichts Sicheres, nichts Festes existiert und das, was sicher und fest erscheint, nur ein Konstrukt des Ego-Verstandes darstellt.

Der stille innere Beobachter wird zur Instanz von Ruhe und Stille, der inneren Gewissheit, welche sich den Stürmen der Bedeutungsschwere all jener Gedanken- und Gefühlsströme des Egos nicht nur entgegenstellt, sondern sie, als Ruhe im Sturm, im Wortsinne erleichtert.

Erkennbar wird, dass ein Großteil dieser Stürme der eigenen Kindheit und ihren Erfahrungswelten entstammen, dass das, was „persönlich“ und „individuell“ erscheint, in Wahrheit die Prägungen, die Worte, Sätze und vermeintlichen Wahrheiten darstellen, die wir irgendwann einmal aufgeschnappt haben und zu unseren gemacht haben. Identifizierungen wurden zur Identitäten. In gewisser Weise erscheint das Ego als Sammelalbum dieser Identifizierungen, in denen jedes eingeklebte Bild ein Bild ist, das wir von anderen geschenkt bekamen, gewollt oder – meist ungewollt.

Aus diesen Vorgang resultiert zu einem bedeutenden Teil das neurotische Opfer-Schema des homo normalis: Das Individuum spricht das Sammelalbum seiner Erfahrungen heilig. Dadurch spricht es all die Prägungen und Formungen seiner organismischen Wahrheit (jenen biologisch-seelischen Anlagen, die jeder neugeborene Mensch auf die Welt bringt) heilig, und ebenso die die Lebensumwelt, die ihm seine organismische Wahrheit nahm. Auf dieser Ebene war jeder Mensch tatsächlich Opfer insofern, dass er in der Kindheit nicht die freie und bewusste Wahl einer Entscheidung besaß.

Das sich entwickelnde und entwickelte Ego wiederholt gebetsmühlenartig eine Haltung zum Leben, das ihn selbst als unschuldiges Opfer, den Anderen oder die Anderen stets als Täter und Übeltäter setzt. Wie ein Ertrinkender klammert es sich an den Rettungsring der Begründungen aus der Vergangenheit, den Roman seines Lebens.

In wie vielen Konflikten des Daseins, in kleinen und großen, findet sich dieses Schema wieder? Welche endlosen Plädoyers kann das Ego halten, um sich der eigenen Schuld vor sich selbst zu entledigen? Wieviel Misstrauen und wie viele Ängste verbergen sich eigentlich hinter diesem Muster, wie viele feste Überzeugungen des Egos aus der Vergangenheit trennen den Einzelnen vom Leben?

Findet sich hier der mächtige Mechanismus und der Mechanismus der Macht, der Liebe verhindert, der den Menschen von seiner Liebe trennt, im Inneren wie im Äußeren?

(Fortsetzung folgt)