Dienstag, 9. August 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (104): Das Geheimnis der "stimmigen" Berührung


Von entscheidender Bedeutung ist hier, dass diese Halt-Erfahrungen in der seinsorientierten Körpertherapie als korrigierend erlebt und in die Seele des Menschen integriert werden. Es ist jener Kreis, der seit frühester Kindheit offen geblieben ist und sich nun schließen kann.
Dies findet, wie bereits erwähnt, auf der energetischen und der symbolischen Ebene statt:
  •  Auf der energetischen Ebene als die reale körperliche und seelische Erfahrung von Halt durch die körpertherapeutische Intervention;
  • auf der symbolischen Ebene, indem dem meist erwachsenen Klienten durchaus bewusst ist, dass sein Therapeut nicht sein realer Vater oder seine reale Mutter ist, sondern diese nur symbolisiert.
Doch was sind die Mechanismen, mit Hilfe derer diese energetisch-symbolische Ebene eine korrigierende, persönlichkeitsverändernde, also transformative Erfahrung sein kann?
Dies führt zu einem Phänomen, das ich als „Stimmigkeits-Effekt“ bezeichne und in der Praxis sowohl im Bereich des Körperlichen als auch im Bereich des Seelischen zu beobachten ist: das „stimmige Berührung“-Phänomen und das „gute Mutter-guter Vater-Phänomen“.
Das „stimmige Berührung“-Phänomen verweist auf jenes einfache Wissen, das in jedem Menschen vorhanden ist, wie eine Berührung durch den Körpertherapeuten (aber auch einen anderen Menschen) sich anfühlen muss, um „stimmig“ zu sein, um sich gut und richtig anzufühlen. Dies lässt sich in simplen Frage-Antwort-Dialogen abrufen, z. B. „ist dies genau die Stelle in deinem Rücken, wo sich mein Hand, der Halt, gut anfühlt?“, „Ist der Druck stimmig oder fühlt es sich besser an, wenn ich ihn verstärke, vermindere … usw.“
Durch solche Fragen wird diejenige Qualität von Berührung in der seinsorientierten Haltearbeit abgerufen, die sich stimmig und richtig anfühlt. Es ist frappant, dass eine solche innere Vorstellung der stimmigen Berührung, des stimmigen Halts in jedem Menschen existiert, selbst wenn es scheinbar vorher keine reale Erfahrung mit dieser Art des Halts gegeben hat, wenn es diese Qualität von Berührung nie gegeben hat. Es scheint so zu sein, dass eine Art inneres Wissen darüber existiert, das eine transpersonale Dimension besitzt. Als ob es immer schon existierte, auch wenn es nie erlebt wurde. Wir könnten also von einem „instinktiven“ Wissen über die stimmige Berührung sprechen.
(Fortsetzung folgt)