Sonntag, 23. April 2017

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (169): Charakter und Energie

foto: pixabay
Eine ausgeprägte und differenzierte Wahrnehmung nach innen findet sich u. a. bei oralen Prägungen, bei denen oftmals ein umfänglicher Empfindungs- und Gefühlsreichtum erkennbar ist. In diesem Zusammenhang spricht man gern von »sensiblen« Menschen, was ja nichts anderes bedeutet, als dass diese über hohe Empfindungs-, aber auch Empfindlichkeitspotentiale verfügen. Bei künstlerisch oder musisch veranlagten Menschen können wir von einer ausgeprägten Empfindsamkeit in der Innenwahrnehmung ausgehen, was darauf hindeutet, dass diese orale Anteile in ihrer Persönlichkeitsstruktur besitzen.

In all diesen Fällen bestehen im Kern positive Voraussetzungen für eine körpertherapeutische Transformation der Selbstbeziehung. Ein typisches Abwehrmuster lässt sich auf der kognitiven Ebene beobachten. Bei oralen oder oral geprägten Persönlichkeiten findet sich häufig die Neigung zu einer starken Kontrolle und Selbstkontrolle durch den Ego-Verstand. Er repräsentiert, genährt durch ein tiefes Misstrauen im Verhältnis zu den eigenen Bedürfnissen und einer trotzigen Grundhaltung gegenüber der Welt, die zentrale Abwehrbastion dieser Persönlichkeitsstruktur. Unser Augenmerk liegt hier auf der liebevollen und geduldigen Integration der innerseelischen Wirklichkeit und Abwehrmuster in die Selbstwahrnehmung.

Auf der anderen Seite des Spektrums finden sich Persönlichkeiten, die dazu neigen, vor der Wahrnehmung ihrer Empfindungen und Gefühle zu flüchten. Dieses Muster lässt sich insbesondere bei Klienten mit hysterischen Anteilen beobachten. Die Disbalance zwischen Empfindung und Gefühl auf der einen Seite und dem emotionalen Selbst-Ausdruck auf der anderen Seite zeigt sich hier im Übergewicht des emotionalen Selbstausdrucks (dem »Drama«). Das »hysterische Drama« deuten wir funktionell als Vermeidung des Fühlens nach innen und als Mangel an der Fähigkeit, Erregung auf einem bestimmten Niveau zu halten.

Da wir bei hysterischen Prozessen, energetisch betrachtet, mit einem Zustand chronischer Übererregung zu tun haben, besteht die erste Aufgabe darin, den Organismus darin zu unterstützen, in einen Zustand von Entregung und Ruhe zu kommen. Deshalb ist eine kathartische Entladungsarbeit durchaus indiziert, bevor die eigentliche Körperarbeit mit der Empfindungs- und Gefühlsebene beginnt. Ein hysterischer Klient wäre viel zu zappelig und unruhig, würde man ohne diesen Umweg der Entladungsarbeit mit ihm sofort auf der Entregungsebene arbeiten.

(Fortsetzung folgt)