Dienstag, 12. April 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (83): Lernen in Beziehung

Es gibt ein organismisches Lernen auf der zellulären Ebene, das in Beziehung, im Kontakt, im Herz- und Körperkontakt, abläuft. Dieses Lernen erinnert an Vorgänge in der frühen Mutter-Kind-Dyade. Der Säuglingsforscher Martin Dornes gab in Zusammenhang mit der Diskussion um den „kompetenten Säugling“ folgenden Hinweis: „Viele seiner Kompetenzen  [sind] eine Funktion des Mutter-Kind-Systems. Sie entfalten sich am eindruckvollsten in einer halt- und strukturgebenden Beziehung. (Dornes 1997, S. 30)

In diesem Zitat findet sich ein wichtiger Hinweis auf die Urform jedes „Lernens in Beziehung“, das sich von frühster Kindheit an als „organismisches Lernen“ präsentiert: Das Phänomen des   „Halts“. „Halt“ als bio-emotionales Grundbedürfnis des Menschen wird uns weiter unten noch ausführlich beschäftigen.

Zuvor jedoch noch folgende Anmerkungen zum Phänomen „Gefühlsanklang“. In der Körpertherapie kennt man das Phänomen, dass eine bestimmte Intervention, z. B. eine Berührung, in einem Fall wirksam ist, d. h. einen transformierenden Effekt besitzt, in einem anderen nicht.

Wenn eine Intervention unwirksam ist, wird dies gemeinhin mit unzureichenden Bedingungen der Intervention selbst erklärt, z. B. mit ungeeigneter Berührungsqualität, schlechtem Timing oder anderen Umständen, die angeblich mit der Persönlichkeit oder Widerständen des Klienten zu tun haben.

In trauter Tradition der Funktionsweise des menschlichen Denkens im Sinne der transzendentalen Logik Kants und den modernen Naturwissenschaften neigt auch die Körpertherapie dazu, sich in den Kategorien eines Bedingung-Ursache-Wirkung-Zusammenhangs zu bewegen: eine bestimmte Intervention, Berührung, Übung etc. ist unter „bestimmten Bedingungen“ die Ursache einer Wirkung, z. B. einer Veränderung der energetischen, charakterlichen, emotionalen Struktur des Klienten.

Was aber, wenn die „bestimmenden Bedingungen“ andere sind, als die, mit denen wir die Erfolglosigkeit einer körpertherapeutischen Intervention „erklären“ und die meistens in den Blockaden, Übertragungen und Widerständen des Klienten gesucht werden?

Eine Beobachtung ist, dass es auch die energetischen Informationen sind, die in einer Berührung vom Therapeuten zum Klienten übertragen werden, die einen großen Einfluss auf die Wirksamkeit einer körpertherapeutischen Intervention haben. Diese energetischen Informationen sind in diesem Fall funktionell identisch zu setzen mit dem Gefühlsanklang im Therapeuten.

Kann der Körpertherapeut diese Saite im Resonanzkörper seines Herzens und seiner Seele zum Klingen bringen, dann ist dies gleichzeitig Information, energetisches Muster und eine lautlose Melodie, die in den Organismus des Klienten gelangt und dort Resonanz finden kann.

(Fortsetzung folgt)