Mittwoch, 16. März 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (77): Der Augenblick, in dem Liebe fließt

Michael Smith (1937-1987)
Es ist deutlich geworden, dass sich eine funktionierende Einstimmung zwischen Menschen nicht auf der Ebene der Sprache oder der Interpretation, sondern auf derjenigen von Präsenz und Kontaktfähigkeit abspielt, also auf der Ebene des Seins.

Im therapeutischen Kontext bedeutet dies, dass nicht die Brillanz einer Intervention oder Deutung, sondern die Präsenz auf der Herzebene, in der Tiefe der Seele ein entscheidendes heilendes Agens darstellt. Oder, einfacher gesagt, es ist die erfüllende Präsenz der Liebe, die zwischen Klient und Therapeut fließt, welche letztlich heilt. Ein Beispiel:

Zurückblickend auf meine eigenen Erfahrungen als Klient unterschiedlicher therapeutischer Ansätze (von der Psychoanalyse, über Gestalt- und Familientherapie bis hin zu verschiedenen Körpertherapien) gibt es einige wenige unter Hunderten von Sitzungen, die Jahrzehnte zurück liegen, aber rückblickend die tiefsten und bleibenden Spuren in meiner Persönlichkeit hinterlassen haben.

Es waren meine Einzelsessions, die ich in den 80er Jahren bei dem leider viel zu früh verstorbenen Gründer der Körpertherapieschule Skan, Michael Smith, erfuhr. Ich hatte vorher bereits einige Jahre Einzeltherapie in Psychoanalyse und Bioenergetischer Analyse hinter mir, war also absolut kein Neuling, aber was mich in der Arbeit mit Michael im Gegensatz zu meinen vorausgegangenen Erfahrungen tief erreichte und mein vorher verschlossenes Herz öffnete, war Michaels Fähigkeit der Einstimmung, des Mitschwingens und der energetischen Präsenz in allen seelischen Vorgängen.

Er war einer jener Ausnahme-Therapeuten, die in unprätentiöser Präsenz sich tief berührt und authentisch zeigen konnten. Berührt von dem, was in der Regression an altem Leid in mir hoch stieg. Heilung fand z. B. in jenem heiligen Augenblick statt, als ich mit Tränen der Verzweiflung in meinen Augen in seine ebenfalls tränenfeuchten Augen Liebe erblickte und die Verzweiflung sich unmittelbar in Freude und Liebe auflöste.

Beschrieben habe ich hier einen Augenblick der Einstimmung: Michael und ich waren nicht nur auf dem gleichen Energieniveau, sondern auch im gleichen Gefühlszustand, authentisch, präsent, weit entfernt von Ritualen von Repräsentation, Berechnung oder Kontrolle. Die Präsenz war im Herzen, nicht im narzisstischen Ego. Damit ist der Boden bereitet, dass Liebe fließen kann. So einfach ist das.

Ein solches Erlebnis war für mich also nicht nur ein Stück Heilung meiner eigenen Seele, sondern auch ein Geschenk zu einem tieferen Verständnis dessen, was Heilung oder Transformation überhaupt ist oder sein könnte.

Es sind nicht in erster Linie die Worte, die Techniken und die methodische Exklusivität, die Heilung auslösen, sondern es ist die Präsenz der Liebe, die vor und hinter all diesen Elementen spürbar wird.

(Fortsetzung folgt)