Montag, 22. Februar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (67): Die Tiefe jenseits der Masken und Eitelkeiten


Noch  ein paar abschließende Anmerkungen, bevor wir uns den Schlußfolgerungen für die Praxis der seinsorientierten Körpertherapie zuwenden: Die Bereiche Sexualität, Gefühlsleben und Kognition beschreiben letztlich die Qualität von Verbindung, die ein Mensch in seiner Selbstbeziehung zu sich selbst entwickelt hat. Wie bejahend, achtsam und verbunden zeigt sich eine Persönlichkeit? In welchen Bereichen scheint sein Herz auf, zeigt er Herzverbundenheit, Kontakt zu seiner organismischen Wahrheit, zum seinem Kernselbst?

Für eine diagnostische Betrachtungsweise stellen sich Fragen wie: Welche Symptome resultieren aus der Unverbundenheit in dem einen oder anderen Subsystem seiner Seele?

Aus der Perspektive der Herzenergetik gesprochen, ergibt sich: Sexuelle Symptome erscheinen so als Symptome mangelnder Herzbindung in der Sexualität, Symptome des Gefühlslebens als Symptome mangelnder Herzbindung im emotionalen Erleben, Symptome auf der kognitiven Ebene als Symptome mangelnder Herzbindung des Bewusstseins.

Entsprechende therapeutische Antworten liegen in der Perspektive, die Herzbindung zwischen den einzelnen Systemen zu ermöglichen. Neben der Bindungsqualität nach innen geht es um die Bindungsqualität nach außen, insbesondere in Objektbeziehungen.

Inwieweit liebt, fühlt und denkt ein Mensch mit seinem Herzen und aus seinem Herzen heraus? Gibt er sich und seine innere Wahrheit zu erkennen, zeigt er sich aus dem Kern seines Selbst und ermöglicht damit Tiefe und Wahrhaftigkeit im Kontakt?

Diese Tiefe oder Wahrhaftigkeit im Kontakt dürfte nichts anderes sein als jene spezifische Verbindung von Liebe, die in einer Begegnung, sei sie sexueller und sonstiger Natur, aufscheint und erfüllt.

„Tiefe“ als die Beschreibung einer bestimmten Qualität von Kontakt ist daher nichts anderes als die spezifische Verbindung zum Herzen, die in einer Begegnung, sei sie sexueller und sonstiger zwischenmenschlicher Natur, aufscheint. Diese „Tiefe“ präsentiert sich als ein Geschenk des Seins und verdeutlicht, was die Kraft und Macht von Liebe ist: Eine organismisch-seelische wechselseitige Erregung, Einstimmung und Verbindung in der Tiefe jenseits der Masken und Eitelkeiten.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 18. Februar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (66): Anpassung oder wie Natur zur Kultur wird ...


Wie wir gezeigt haben, hat das Kind hat kaum Chancen, sich der Identifizierung mit den Beziehungsmustern der narzisstischen Spiegelungswelt zu entziehen. Liebe und Zuwendung werden zum Tauschgeschäft von Vorlieben, Geschmäckern, Werten, Erwartungen.

Die Verleugnung seiner inneren organismischen Wahrheit und damit die Selbstentfremdung ist Teil desjenigen Prozesses, der in der Tradition der Tiefenpsychologie als „Ich-Bildung“ bezeichnet wird.

Freud erkannte die Verdrängung der organismischen Wahrheiten im Bereich der Sexualität („Ödipus-Komplex“) als einen wesentlichen Mechanismus der Ich-Bildung. Pränatale Psychologie, Säuglings- und Bindungsforschung, Objektbeziehungs- und Selbstpsychologie und die in der Tradition von Wilhelm Reich stehenden Körpertherapien verweisen darauf, dass die Formung der organismischen Wahrheit des Kindes, die als „Kernselbst“, „Selbst“, „primäre Liebe“, „biologischer Kern“ u. a. bezeichnet werden, dass die Persönlichkeitsbildung bereits viel früher einsetzt - also je nach Lesart bereits im Mutterleib oder in der Säuglingsphase.

Allen diesen Modellen liegt mehr oder weniger explizit die Vorstellung eines Anpassungsprozesses der menschlichen Natur an jene Realität zugrunde, die wir als „Kultur“ bezeichnen. Wenn diese Anpassung gelungen ist, also sich eine stabile Ich-Struktur  herausbilden konnte, dann haben wir mit einer – im gesellschaftlichen Sinne - gut funktionierenden Persönlichkeit zu tun. Die Spuren der Abspaltung der organismischen Wahrheit finden sich hier stärker im somatischen Bereich als im psychischen.

Gelingt dieser Anpassungsprozess weniger gut, dann sprechen wir von einer fragilen Ich-Struktur, einer „frühen Störung“, einer „Persönlichkeitsstörung“ oder einer psychiatrischen Erkrankung. Bei fragilen Ich-Strukturen ist die Anpassungs- und Leistungsfähigkeit im gesellschaftlichen Sinne mehr oder weniger stark eingeschränkt.

In der frühkindlichen Entwicklung finden sich Prägungen, bei denen die notwendige Verleugnung der organismischen Wahrheit Ausmaße angenommen hat, die das Gesamtsystem vor allem im Bereich der Seele deutlich verformt haben. Dies kann durch Vernachlässigung, starke Bindungsdefizite, schwere Traumatisierungen und Missbrauchserfahrungen verursacht sein. Die Spuren dieser Abspaltung der organismischen Wahrheit finden sich also hier vor allem im Bereich des Psychischen.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 13. Februar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (65): Das Geheimnis der "richtigen" Berührung

Das Beziehungsmuster einer narzisstischen Spiegelung erweist sich als das Grundmuster von Beziehung. Schon das Kind lernt, dass Liebe ein Tauschvorgang ist. Die meist unausgesprochene Botschaft der Eltern lautet: „Wenn du meine Erwartungen erfüllst, dann bekommst du Zuwendung.“

Es geht um die vorbehaltlose Anpassung des Kindes an das existierende Familiensystem und seine Werte, Selbstdefinitionen, Mythen, Rituale.

Betrachten wir diesen Vorgang im Detail: Ruft das Baby nach Körperkontakt und wird nur aus Pflichtgefühl in mechanischer, kontaktloser Weise auf den Arm genommen, ist zu erwarten, dass es zunächst dagegen aufbegehrt, z. B. durch verstärktes Schreien. Irgendwann, wenn sich dieses Muster wiederholt, gibt es auf.

Das Kind akzeptiert das Beziehungsangebot eines mechanischen, kontaktlosen Auf-den-Arm-genommen-Werdens als Realität von Zuwendung. Seine innere organismische Wahrheit, nämlich die instinktive Erwartung des ursprünglichen warmherzigen Kontaktbedürfnisses hat es in sich abspalten, verdrängt. Die mechanische Berührung aus Pflichtgefühl wird die Art von Berührung, die als Grundmuster bleibt.

So bleibt in unserem Beispiel der Spatz in der Hand besser als die Taube auf dem Dach. Nur: die Taube existiert weiterhin. Sie ist ein Teil der Schöpfung und bleibt ein Leben lang als tiefe innere Sehnsucht lebendig.

Erstaunlicherweise ist in der Praxis seinsorientierten Körpertherapie immer wieder zu beobachten, dass jeder Mensch eine Instanz in sich trägt, die eine genaue Vorstellung davon besitzt, wie ein  „richtiger“ Kontakt oder die „richtige“ Berührung sich anfühlt. Manchmal sind diese organismischen Wahrheiten etwas verschüttet, aber sie treten irgendwann deutlich an die Oberfläche.

Die seinsorientierte Körpertherapie hat Erfahrungen gesammelt, wie diese innere Wahrheit organismisch abgerufen werden kann. Wenn die innere Wahrheit in Gestalt einer bestimmten Berührungsqualität beantwortet wird, schließt sich – bisweilen nach Jahrzehnten – dieser Kreis mit tief empfundener Erleichterung.

(Fortsetzung folgt)

Dienstag, 9. Februar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (64): Das Potential der Elternschaft

Spiegelungsbedürfnisse sind im Kern verzerrte Impulse der Liebe. Sie stellen ein frühkindliches Überlebensmuster der Realitätsanpassung dar.

Was meinen wir damit?

Das Kind wird mit den Spiegelungsbedürfnissen der Erwachsenen konfrontiert. Diese wiederum entstammen den unbewältigten Konflikten der Eltern aus der eigenen Kindheit: Diese Konflikte lassen bei den Eltern Beziehungsmuster in Erscheinung treten, in der z. B. die Mutter eigene frühkindliche Bedürfnisse nach Bemutterung auf die Tochter überträgt, der Vater seine unerfüllten Liebenssehnsüchte auf die Tochter projiziert u. ä.

Als ein verbreitetes Beispiel können wir das Spiegelungsbedürfnis anführen, als gute bis perfekte Mutter oder als guter bis perfekter Vater vom eigenen Kind wahrgenommen werden zu wollen, sich entsprechend zu inszenieren oder einer solchen Rollenvorstellung entsprechend zu handeln. Hier geht es also allein um narzisstische Bestätigungsbedürfnisse der Eltern, nicht um die Bedürfnisse der Kinder. Wie häufig werden  Beziehungsangebote und Beziehungsmuster der Eltern von solchen inneren Haltungen und Programmen bestimmt?

Dies alles geschieht auf dem Hintergrund folgendes Phänomens: Entsprechend dem Alter des eigenen Kindes werden nämlich bei den Eltern die frühkindlichen Phasen mit den entsprechenden Gefühlen und Themen aktualisiert, z. B. wenn das eigene Kind in der Säuglingsphase ist, dann werden die eigenen Themen aus dieser Entwicklungsphase bei den Eltern aktualisiert. Das gilt für die gesamte Entwicklung des eigenen Kindes, bis zur Adoleszenz.

Sind sich die Eltern dessen bewusst, sind sie in der Lage, damit achtsam umzugehen, so bietet jede Elternschaft die großartige Möglichkeit einer Heilung und Transformation der unerledigten Geschäfte aus der eigenen Kindheit. Damit verhelfen die Eltern ihrem Kind gleichermaßen zu einer heilen Entwicklung. Gehen Eltern mit diesen Prozessen unbewusst um, und das dürfte leider eher die Regel sein, so ist die Gefahr groß, dass sie ihre eigenen Schatten an die nächste Generation weitergeben.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 6. Februar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (63): Desidentfizierung mit der Macht, die Liebe verhindert ...

Mit der Achtsamkeit gegenüber den inneren Gedanken- und Gefühlsmustern in Räumen und Kreuzgängen von Meditation und Kontemplation erwächst die Möglichkeit einer Desidentifizierung mit der spiegelungsaffinen Ego-Identität. Diese Desidentifizierung geht einher mit der Erkenntnis, dass nichts Sicheres, nichts Festes existiert und das, was sicher und fest erscheint, nur ein Konstrukt des Ego-Verstandes darstellt.

Der stille innere Beobachter wird zur Instanz von Ruhe und Stille, der inneren Gewissheit, welche sich den Stürmen der Bedeutungsschwere all jener Gedanken- und Gefühlsströme des Egos nicht nur entgegenstellt, sondern sie, als Ruhe im Sturm, im Wortsinne erleichtert.

Erkennbar wird, dass ein Großteil dieser Stürme der eigenen Kindheit und ihren Erfahrungswelten entstammen, dass das, was „persönlich“ und „individuell“ erscheint, in Wahrheit die Prägungen, die Worte, Sätze und vermeintlichen Wahrheiten darstellen, die wir irgendwann einmal aufgeschnappt haben und zu unseren gemacht haben. Identifizierungen wurden zur Identitäten. In gewisser Weise erscheint das Ego als Sammelalbum dieser Identifizierungen, in denen jedes eingeklebte Bild ein Bild ist, das wir von anderen geschenkt bekamen, gewollt oder – meist ungewollt.

Aus diesen Vorgang resultiert zu einem bedeutenden Teil das neurotische Opfer-Schema des homo normalis: Das Individuum spricht das Sammelalbum seiner Erfahrungen heilig. Dadurch spricht es all die Prägungen und Formungen seiner organismischen Wahrheit (jenen biologisch-seelischen Anlagen, die jeder neugeborene Mensch auf die Welt bringt) heilig, und ebenso die die Lebensumwelt, die ihm seine organismische Wahrheit nahm. Auf dieser Ebene war jeder Mensch tatsächlich Opfer insofern, dass er in der Kindheit nicht die freie und bewusste Wahl einer Entscheidung besaß.

Das sich entwickelnde und entwickelte Ego wiederholt gebetsmühlenartig eine Haltung zum Leben, das ihn selbst als unschuldiges Opfer, den Anderen oder die Anderen stets als Täter und Übeltäter setzt. Wie ein Ertrinkender klammert es sich an den Rettungsring der Begründungen aus der Vergangenheit, den Roman seines Lebens.

In wie vielen Konflikten des Daseins, in kleinen und großen, findet sich dieses Schema wieder? Welche endlosen Plädoyers kann das Ego halten, um sich der eigenen Schuld vor sich selbst zu entledigen? Wieviel Misstrauen und wie viele Ängste verbergen sich eigentlich hinter diesem Muster, wie viele feste Überzeugungen des Egos aus der Vergangenheit trennen den Einzelnen vom Leben?

Findet sich hier der mächtige Mechanismus und der Mechanismus der Macht, der Liebe verhindert, der den Menschen von seiner Liebe trennt, im Inneren wie im Äußeren?

(Fortsetzung folgt)
  

Mittwoch, 3. Februar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (62): Achtsamkeit nach innen

Achtsamkeit, die sich nach innen, auf den eigenen Gefühls- und Gedankenfluss richtet, stellt gerade auch deshalb eine schwierige Übung dar, weil wir in einer Kultur leben, die endemisch nach außen und auf das Äußerliche gerichtet erscheint. Achtsamkeit nach innen gilt es in dieser lärmenden und mit Reizen überflutenden Wirklichkeit zu lernen. Die Widerstände, das Unbehagen, die vehemente Abwehr dagegen bilden die Schutzmechanismen eines neurotischen Gleichgewichts, das sich vor der Wahrheit fürchtet.

Denn die Ergebnisse könnten erschreckend sein. Erschrecken könnten die Zwanghaftigkeit und der Aufwand, mit dem das Ego wie ein getuntes Auto im Leerlauf immer wieder versucht, das eigene fragile Ego, die eigene Sicht auf die Welt aufzuwerten und zu behaupten. In heroischer Pose versucht so das Ego jener Held des eigenen Lebens zu werden, das die Helden und Sieger in der medialen Wirklichkeit vorbeten.

Die innerseelischen Mechanismen machen deutlich, wie umfänglich gefangen und geprägt der heutige Mensch wird durch die Unbewusstheit dessen, was die Gehirnwäsche der Spiegelungsrituale, die ständig auf das Seelenleben einwirken, anrichten. Gerade die gebetsmühlenartige Wiederholung der immer gleichen Botschaften im Medienkonsum jeder Art, aber auch im Sozialverhalten der Menschen in der Umgebung von Arbeitsplatz und Familie machen es schwer, eine Metaebene der inneren Achtsamkeit zu entwickeln und aufrecht zu erhalten.

Sind es doch gerade diese Inseln der Stille, der meditativen und kontemplativen Innenschau, die eine Voraussetzung bilden, die Gedanken- und Gefühlsströme der Spiegelungssucht wahrzunehmen.
Die Herausforderung besteht darin, einmal nicht mit irgendetwas beschäftigt zu sein, den Computer oder das Smartphone einmal auszuschalten, keine Arbeit oder Beschäftigung dazu zu benutzen, sich beschäftigt oder wichtig zu fühlen. Was geschieht eigentlich, wenn ich NICHTS tue, einfach nur da bin?

Das ist der Ort, an dem die Reise nach innen, die Reise zu mir selbst erst beginnen kann. Das ist der Ort, an dem ich beginnen kann, mich selbst kennen zu lernen, zu erfahren, wer ich wirklich bin, was das Selbst und das Fremde in mir ist, das geliebte und das ungeliebte, das Abhängige und Unabhängige.

(Fortsetzung folgt)

Montag, 1. Februar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (61): Die Macht der Spiegelungsbedürfnisse im eigenen Seelenleben

Die seelischen Abgründe von VIPs und Protagonisten der medialen Spiegelungssucht erscheinen in den Dämonen, die ihre Leben trotz Ruhm und Geld beherrschen und die vom Boulevard geifernd der Vermarktung zugeführt werden: seelische und sexuelle Verirrungen, Tragödien, Süchte, psychische Verwerfungen jeder Art, Krankheiten seelischen Ursprungs usw.

Das allein, könnte man meinen, sollte doch die Verlogenheit der Glücksversprechen auf Basis der Spiegelungssucht entlarven. Aber den Wald vor lauter Bäumen wirklich zu sehen, ist bekanntlich ein schwieriges Unterfangen.

Die Unzufriedenheit und Freudlosigkeit, mit der sich der moderne Mensch in seinen sozialen Systemen bewegt, von der Liebesbeziehung über die Familie bis hin zu den Institutionen der Gesellschaft sprechen eine deutliche Sprache.

Kurzum: Spiegelungssucht als Suche im Außen, in der äußeren Welt, erweist sich als eine Sackgasse, die weder Liebe, Heimat noch Frieden in der Beziehung zu sich selbst und anderen Menschen schafft. Sie ist kein Weg zur Freiheit, zur Transformation des „innerseelischen Bürgerkriegs“ (siehe die Eingangskapitel).

Doch gibt es Wege, die aus der Falle der Spiegelungssucht führen?

Achtsamkeit über die Macht der Spiegelungsbedürfnisse im eigenen Seelenleben

Der erste Schritt besteht darin, Achtsamkeit für die eigene seelische Wirklichkeit aufzuwenden, mithilfe des inneren Beobachters sich über den Ist-Zustand der eigenen Spiegelungsbedürfnisse klar zu werden. Dies ist eine aufwändige, zunächst durchaus unangenehme Aufgabe.

Es geht um die Wahrnehmung der eigenen inneren Gedanken- und Gefühlsströme, in denen sich zeigt, welchen Raum solche Spiegelungsphantasien und –bedürfnisse einnehmen. Es geht um die Wahrnehmung der Wahrheit, wie groß dieser Raum ist, wie häufig sich die inneren Dramen und Dialoge, auch in dem eingangs eingeführten Phänomen des „innerseelischen Bürgerkriegs“, um diese Spiegelungsbedürfnisse drehen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 24. Januar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (60): Die neuen Helden des Internet-Zeitalters

 Hier, in den medialen Szenarien bieten sich die stets gleichen Identifizierungen an und bilden damit das Glücksversprechen der Helden, der Sieger, der Rächer, der Retter. Wichtig ist die Frau, die „perfekter“, schöner ist als die andere, oder der Mann, der als erster durch das Ziel kommt usw. Fast jeder Krimi, jedes Film- und Computerspielszenario, jedes soziale Netzwerk reflektiert auf diese oder ähnliche Weise die Spiegelungsbedürfnisse des Individuums.

So gibt es zwei Kategorien von Helden. Da ist einmal der traditionelle Held, dessen besondere Eigenschaft in seinen übermenschlichen bis quasi-göttlichen Fähigkeiten, seiner Großartigkeit auf einem oder mehreren Gebieten zu finden ist. Dieser traditionelle Held, inzwischen auch durchaus losgelöst vom Geschlecht des Protagonisten zeigt Stärke, Kraft, Durchhalte- und setzungsvermögen, Klugheit usw., die alles überwindet. In diese Kategorie gehören die seit Generationen bewunderten Helden, die, wie James Bond oder der Scientologe mit der unmöglichen Mission, notorisch gleich die ganze Welt retten, oder – bescheidener – sich auf Rache- oder Säuberungsaktionen gegen das Böse im regionalen Umfeld oder Dienstbereich kümmern.

Die andere Kategorie von Helden ist ein historisches Novum und ein Phänomen, das wesentlich durch das Internet hervorgebracht wurde: Der Ruhm, in den sozialen Netzwerken spricht man euphemistisch von „Fame“, als wäre das deutsche Wort Ruhm doch etwas peinlich, bildet die Antriebskraft des Ego-dominierten Spiegelungsbedürfnisses. „Fame“ durch Tausende „Likes“ in den sozialen Netzwerken repräsentiert die Sehnsucht des Helden von heute.

Es sind nicht die herausragende Tat oder die quasi-göttlichen Eigenschaften, die hier zum Helden qualifizieren, sondern der sichere Instinkt für das,  was den Massengeschmack an treffendsten widerspiegelt. Analog zu den Charaktermasken von Politikern, Fernsehunterhaltern und sonstigen VIPs geht es heute allein um die Kompatibilität mit den Massen und dem Massengeschmack.
Der Jugendliche mit eigenem YouTube-Kanal, der Superstar oder das nächste Topmodell im TV, sie alle sind die Vorbilder und Idole in den Sehnsüchten von Kindern und Jugendlichen auf der Suche nach Identität. Hier finden sich die massenwirksamen Angebote, die den Heranwachsenden aus dem reichen Fundus unserer Kultur kredenzt werden.

Die Helden unserer Epoche sind  also jene hochglanzpolierten Projektionsflächen für die Spiegelungswünsche der Mehrheit: die Eliten selbst (die es immer schon waren) und die „Famer“, also jene meist jungen Menschen, die in den neuen Medien zu Idolen werden, und sich als Karrierevorbilder für die Massen der Heranwachsenden hervortun.

In beiden Heldensystemen hat das Verachtete und Beschämte, das nicht berechenbare und nicht perfekte Seelenleben, das Numinose und Profane, und  manche andere Facette der menschlichen Wahrheit keinen Platz. In ihren medialen Hochglanzwelten erscheint alles als unwichtig, als nicht kompatibel, was der präsentierten Großartigkeit zuwiderlaufen könnte.

So bleibt von unserer hochentwickelten Kultur nicht allzu viel übrig, was der nächsten Generation übergeben wird, solange TV und PC die einzigen Dialoggefährten für Kinder und Jugendliche sind und bleiben.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 21. Januar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (59): Der vereinzelte Einzelne und sein globaler Spiegel

Bis zur Erschöpfung Arbeiten, um Geld zu verdienen und anschließend vor der Glotze des Fernsehens, der Spielekonsole oder des Internets sitzen, das skizziert den Alltag und das Abhängigkeits- und Suchtverhalten des modernen Menschen.

Das Massenverhalten wird dabei nicht nur geprägt von den Beziehungsformen, die sich daraus ergeben (Sprachlosigkeit, Vereinzelung, emotionale Verarmung etc.), sondern auch von den Stereotypen, die in den modernen Massenmedien aufscheinen und endemische Wirkungen zeitigen: Die Verbindung von Identifizierungsangeboten, von Schuld und Opfer-Täter-Szenarien spielt nicht zufällig im gesellschaftlichen Alltag eine derartig zentrale Rolle.

Der moderne Mensch scheint permanent auf der Suche zu sein nach Identifizierungsmöglichkeiten mit Idealen, Superlativen und ihren Repräsentanten, den Hervorragenden, den Helden jedweder Couleur. Derjenige, der nicht weiß, wer er ist, der seinen eigenen inneren Reichtum nicht kennt oder schätzen gelernt hat, sucht seine Identität im Außen. Nicht nur Kinder funktionieren so.

Die vornehmste Aufgabe des Helden ist es, ein bestimmtes Ziel zu erreichen und die Hindernisse auf dem Weg zu diesem Ziel zu beseitigen. An den Hindernissen ist jemand schuld, und dieser Schuldige muss nun besiegt werden.

So erscheint die Welt ist voll mit Schuldigen, sei es im privaten oder öffentlichen Bereich. Dabei schaut der Suchende stets aus der Perspektive der Unschuld, des Gutwilligen, des Gerechten nach dem Schuldigen, und der Schuldige, das ist immer der Andere.

Ein absurdes Theater, mit tödlichem Ernst vorgetragen, gleichzeitig das beliebteste Sujet in Beziehungsgesprächen, politischen Debatten, in Spielen oder Spielfilmen.

Der „vereinzelte Einzelne“ spiegelt und bestätigt sich in seiner Unschuld und/oder Opferposition. Die modernen Medien erscheinen so als riesiger globaler Spiegel, in den die Massen gebannt starren, hypnotisiert wie das berüchtigte Kaninchen vor der Schlange.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 17. Januar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (58): Die zwecklose Suche nach Wahrheit im Außen

Innere Leere wird kompensiert durch eine Identität, die sich nach den vorgestellten  Blicken der Anderen richtet: Blicken der Anerkennung, zustimmendes Nicken, Bewunderung, Lob, kurzum, die Belohnung durch Spiegelung des Egos. Damit einhergehen häufig versteckte oder offene Grandiositätsphantasien. Beide bilden eine funktionale Einheit. Für beides ist das Individuum kulturell programmiert. So spielt es seine Rolle auf der Bühne seines Lebens. Eine Rolle, die auf ein einziges Ziel ausgerichtet ist: auf den Beifall.

Auf diesem Hintergrund zielt sein ganzes Bestreben dahin, diejenigen Claqueure zu finden und sich zu verpflichten, die seinen Monologen den angemessenen Beifall zollen.

Macht und Geld beweisen sich als Werkzeuge, um diese Ziele zu erreichen, deshalb ist die Gier nach Macht und Geld auch ein so starker Antrieb in der modernen Welt. Sie sind der Mörtel, um die Weltkonstruktionen des Ego-Verstandes zu festigen und als uneinnehmbare Burg zu gestalten und zu sichern. Macht und Geld, die Skalen der Geltung, werden von den Trägern und Leistungsträgern unserer Kultur als lebenslange Aufgabe wahrgenommen und umgesetzt.

Alle diese Verzerrungen der Beziehung zur inneren Wahrheit weisen eine weitere fatale Gemeinsamkeit auf: die Suche nach Wahrheit, Sicherheit, Heimat, Frieden, Liebe usw. bleibt in der Regel, d. h. in den kleinen persönlichen Beziehungsmustern und den großen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen, auf das Außen, auf die äußere Welt gerichtet und somit eine verzweifelte, tragische und zwecklose Suche.

Diese Außenorientierung der menschlichen Identitätssuche repräsentiert jene Domestizierung der kindlichen Identität, die Wilhelm Reich als „charakterliche Panzerung“ beschrieben hat.

Da sich Identität heutzutage weitgehend in der äußeren Welt in Szene setzt, wird die Neigung des Individuums nachvollziehbar, sich in diesem Szenario als Opfer zu erleben … die Ursache seines Leidens am Leben, seiner Unzufriedenheit sucht es mit wechselnden Feindbildern in der Außenwelt, nie bei sich selbst, denn das hat es nicht gelernt. Was die innere Welt angeht, ist der moderne Mensch erschreckend unwissend, ein Analphabet.

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 14. Januar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (57): Narzisstische Persönlichkeitsmuster und innere Leere

Wird dieses Programm einer biologischen Erwartung von Liebe und Geborgenheit nicht oder nur unzureichend beantwortet, treten die angelernten Programme der Ego-Identität forciert auf den Plan. Die organismische Wahrheit des Kindes wird ersetzt durch die all jener Pseudo-Wahrheiten der Familie, des Stammes oder der Gesellschaft, mit denen die umgebende erwachsene Welt bereits identifiziert ist.

Das liebende,  das nach Lebendigkeit, Authentizität und Herzverbindung ausgerichtete Kind, das keine entsprechende Antwort bekommt, verleugnet, wie wir am Beginn unserer Ausführungen dargestellt haben, diese seine organismische Wahrheit, weil es keine andere Chance hat und Identifiziert sich allmählich mit der verhärteten und maskierten Wirklichkeit, ein Prozess, der viele Jahre in Anspruch nimmt und mit dem Prozess der Ich-Bildung funktionell identisch ist. Das Kind opfert seine eigene organismische Wahrheit bis an den Punkt, an dem sie nicht mehr wahrgenommen werden kann.

Dieser Prozess ist abgeschlossen, wenn die Identität des Einzelnen aus den Werten, Vorstellungen und Weltkonstruktionen des prägenden sozialen Systems besteht, mithilfe positiver oder negativer Identifizierungen (d.h., wenn z. B. ein Heranwachsender gegen die Weltsicht der Eltern rebelliert, so ist er auf einer tieferen Ebene mit diesem Wertsystem immer noch identifiziert, allerdings negativ) meist in einer Kombination von beiden.

Dort, wo das frühkindliche bio-emotionale Bedürfnis nach Spiegelung unzureichend oder gar nicht beantwortet wurde, durch mangelnden Kontakt oder Geborgenheit, fehlendes Interesse oder die Liebes- und Bindungsunfähigkeit der Eltern, entsteht jene innere Leere, jenes Abgekoppelt Sein vom biologischen Kern, vom Kernselbst, in denen wir die Grundmuster dessen wiedererkennen, was in jeder narzisstischen Persönlichkeit aufscheint.

Auf diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, dass narzisstische Persönlichkeitsmerkmale keineswegs nur als Ausdruck einer bestimmten Persönlichkeitsstörung angesehen werden können, sondern als Normalität des psychischen Apparats der Menschen und seiner sozialen Systeme. So wie ich bereits die sexuelle Störung und die Einschränkung der Liebesfähigkeit in den vorangegangenen Abschnitten als ubiquitär definiert habe, so lassen sich bestimmte Erscheinungsformen einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur bei allen Menschen und sozialen Systemen finden. Dies gilt insbesondere für suchtartige Spiegelungsbedürfnisse in Verbindung mit innerer Leere.

(Fortsetzung folgt) 

Montag, 11. Januar 2016

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (56): Von den Spiegelungsbedürfnissen des Babys zum FB-Like


Es handelt sich hier um eine Spiegelung auf der organismisch-energetischen und emotionalen Ebene im vorsprachlichen Stadium. Findet hier eine angemessene Spiegelung nicht oder nur unzureichend statt, so wird dieses ungestillte Bedürfnis mitgenommen in die daran anschließenden Phasen der kindlichen Entwicklung -- bis ins Erwachsenenalter hinein.

Bei den Spiegelungsbedürfnissen des Heranwachsenden oder Erwachsenen handelt es sich jedoch um eine ganz andere Ebene. Hier geht es um die Spiegelung von Gedanken, Konzepten, Vorstellungen, Werten, Geschmäckern , Urteilen oder Ideen, die nur bedingt etwas mit dem Seelenleben, dem inneren gefühlsmäßigen Sein zu tun haben. Es sind die Inhalte des Ego-Verstandes, welche der Erwachsene an sein Gegenüber heranträgt, um Spiegelung zu erfahren.

Die Spiegelungsbedürfnisse des Babys finden also auf einer bio-emotionalen, energetischen Ebene statt, die des Erwachsenen auf der kognitiven Ebene des Gehirn und des Ego-Verstandes. Der Erwachsene definiert sich als Ich, indem  er seine Gedanken, Werte, Weltkonstruktionen zu seiner Identität erhebt, also all das, was er in seinem Ego-Verstand entwickelt hat. Genau dafür und auf dieser Ebene sucht er im Anderen die Spiegelung.

Dieser Mechanismus führt zu all den vertrauten sozialen Verhaltensmustern und sozialen Systemen, in denen sich Menschen zusammenschließen: von den unpersönlichen „Likes“ bei Facebook bis hin zu fanatisierten Terrorismusgruppierungen zieht sich ein roter Faden, der auf vielfältige Weise zeigt, dass Menschen alles unternehmen, um sich in ihrem Ego-Verstand narzisstisch gespiegelt  zu sehen. Die modernen sozialen Medien sind übrigens ein ideales Transportmittel für dieses Unterfangen und genau diese Spiegelungsqualität scheint mir auch das Geheimnis ihres Erfolgs zu sein.

Die Identität als Person oder als Gruppe basiert dabei im Kern auf dieser Spiegelung, potenziert durch die Abgrenzung nach außen, durch die Feindseligkeit gegenüber dem Nicht-Übereinstimmenden, der Differenz, dem Anderssein. Wie es in jeder Art von Fanatismus aufscheint, kann diese Abgrenzung gegenüber der Welt oder „den Anderen“, die nicht mit dem eigenen Ego-Konstrukt übereinstimmen, extrem feindselige und destruktive Formen annehmen. Insbesondere die Definitionsmacht dessen, wer Feind ist, stellt die Basis jeder Art sozialer Macht dar.

Die Ausübung dieser Macht in Politik und Religion war stets eine der treibenden Kräfte und Schlachtfelder, welche von den Kreuzzügen und Hexenverbrennungen des Mittelalters über die Gewaltorgien des Kolonialismus und Nationalismus bis hin zu den Völkermorden, Gulags und Vernichtungslagern des 20. Jahrhunderts führen.

Auch wenn diese Vorstellung schwer erträglich ist: Es führt ein einziger, wenn auch sehr weiter Weg von den Spiegelungsbedürfnissen des Babys über die narzisstischen Spiegelungsbedürfnisse des normalen Erwachsenen bis hin zu den Selbstmordattentaten des IS. In allen Fällen geht es um die Bestätigung des eigenen Wahrheit durch (einen) andere(n) Menschen, und diese Wahrheit reicht von Offenherzigkeit und Liebe über die Sucht nach Anerkennung der eigenen Wertvorstellungen bis hin zu den hasserfüllten Größen- und Machtphantasien von Diktatoren und Terrorgruppen.

Es gibt allerdings eine tiefe Wahrheit in all dem: Das Spiegelungsbedürfnis des Babys ist ein biologisches Programm, das bei jedem Baby erkennbar ist und mit der Geburt jedes Kindes, mit jeder Geburt, wieder und wieder nach Antwort sucht: nach einer Antwort der Liebe. Mit jedem Neugeborenen kommt eine neue Hoffnung auf die Welt, ein neues Potential von Liebe. Dies ist möglicherweise die tiefe, verborgene Wahrheit, die im Weihnachtsmythos von der Geburt Christi enthalten ist.

(Fortsetzung folgt)