Donnerstag, 9. Juli 2015

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (11)

SELBST-VERZERRUNG
Dieser Kampf ist kein Kampf unter gleichen Voraussetzungen, also, wenn man so will, kein „fairer“ Kampf. Das Publikum ist parteiisch, es steht entschieden auf Seiten eines Kontrahenten. Das Publikum ist Lebensumwelt, die Gesellschaft, die Kultur, in deren Rahmen und unter deren Beifall der Kampf stattfindet.

Das Publikum ist parteiisch, es steht auf der Seite des „inneren Erwachsenen“, auf der Seite der Stimme des Gehirns, des Verstands, des Wissens. Das Publikum ist erfüllt von Urteilen und Vorurteilen gegenüber allem, was das „Unzivilisierte“, das „Wilde“ repräsentiert: Gefühle, Lust, Ekstase, Lebensfreude. Sie stellen das Unberechenbare, das Unvernünftige des inneren Kindes dar, das sich einer durchrationalisierten und mathematisierten Lebensumwelt entziehen will.

Dieser Grundkonflikt zwischen menschlicher Natur und seiner Lebensumwelt entpuppt sich als eine Konstellation, die seit Generationen als Konflikt zwischen Subjekt-Objekt, Trieb-Umwelt, Individuum-Gesellschaft, Natur-Kultur u. ä. aufscheint. Dieser Grundkonflikt tritt, wie wir sehen werden, überall dort zutage, wo Gehirn und Herz nicht miteinander, sondern gegeneinander agieren.
Ausdruck dieses Kampfes ist eine verzerrte Selbst-Wahrnehmung. Diese speist sich aus der verzerrten Wahrnehmung des Herzens, das in seiner Bedeutung als tiefste Quelle des menschlichen Wesens nicht nur ignoriert wird, sondern häufig der Ablehnung und Vernachlässigung eines gehirndefinierten Selbst-Bewusstseins unterworfen wird.

Die Stimme des Gehirns wird mannigfach verstärkt von den Lautsprechern unserer Kultur, die es feiern, verehren, zum Götzen erklärt haben und alle Definitionen menschlichen Glücks auf diese eine Karte setzen ... sinnentleertes Leistungsdenken, der brennende Durst nach Ruhm und Anerkennung, die skrupellose Gier nach Geld, die zum höchsten Glücksversprechen erhoben wird. Eine Rationalität, die indes im wieder in den Sackgassen von Anspruch und Wirklichkeit stecken bleibt.

Die Stimme des Herzens wird verbannt in jene Enklaven der sog. „Kultur“, der Dichter, Musiker und der Unterhaltungsindustrie, die von Sentimentalitäten triefen. Das sentimentale Herz aber ist das Herz, das sich in sich selbst verliert, das nicht zwischen Sehnsucht, Lebensfreude und innerem Reichtum auf der einen und Schmerz, Leid und Verzweiflung auf der anderen Seite unterscheiden kann.

Sentimentalität entspricht Phänomenen wie Lustangst und Angstlust im Bereich der Sexualität. Auch hier blockieren sich unterschiedliche Impulse gegenseitig. Das sentimentale Herz ist das verwirrte und verstrickte Herz, das seine ihm innenwohnenden Potentiale blockiert. Das blockierte Herz ist genau deshalb beliebtes Sujet in der kulturellen Rezeption des Herzthemas.

(Fortsetzung folgt)