Freitag, 10. Juli 2015

SEINSORIENTIERTE KÖRPERTHERAPIE (12)




Das Pendant zum sentimentalen Herz ist das heroische Herz, das trotzig und gegen alle Widerstände der Realität seinen – rigiden – Weg sucht, der häufig in Mord und Totschlag endet, sei es als Täter oder als Opfer. Es handelt sich um ein Herz, das ruhelos marschiert, niemals ruht, spürt, empfängt und integriert, dabei jedes Opfer zu bringen bereit ist und gleichzeitig jede soziale Rezeptivität vermissen lässt, diese ausblendet.

Die großen Liebesdramen unserer Kultur zeigen meist ein Mischung aus beidem: Ich denke dabei an Romeo und Julia, Tristan und Isolde und die unzähligen Liebesdramen der modernen Filmwelt. Das Hollywood-Happyend symbolisiert eine realitätsfremde  Überhöhung dieser Varianten, denn es zeigt ein Ende in demjenigen Augenblick, in dem sich das Liebespaar findet. Beginnt die Geschichte einer Liebesbeziehung und die Erdung in der Realität durch die sukzessive Ernüchterung hier nicht erst?

In unserer Kultur zeigt sich die Stimme des Herzens nur in ihrer verzerrten Gestalt und beschränkt sich bestenfalls auf die Schaffung einer Welt des Scheins, erweist sich als Inszenierung der Phantasie, als kommerzielle Verzerrung der Wirklichkeit. So hinterlässt die Stimme des Herzens nur wenige Spuren in Veränderungen gesellschaftlicher Realität. Macht, ökonomische oder politische, und Herz schließen sich aus. Herz präsentiert sich nur dort, wo es, fern von der Macht, sich in den Kellern der sozialen Ohnmacht artikuliert, sentimental oder phantastisch-heroisch. 

So fristet die Stimme des Herzens eine Existenz auf Nebenschauplätzen gesellschaftlichen Bewusstseins, belächelt, ironisiert, bestenfalls als romantischer Kinderkram abgetan.

Dieses verzerrte Selbstbild des Menschen verhindert, dass die Instanzen des Herzens und des Gehirns das Potential eines Zusammenwirkens entdecken, es verhindert ihre Partnerschaft, betoniert Machtverhältnis und Feindseligkeit.

Der Einzelne bleibt auf der Suche nach sich selbst. Denn er baut sein Selbst-Bewusstsein auf dieser verzerrten Selbst-Wahrnehmung auf. Irgendetwas stimmt nicht, doch er ahnt nicht, was nicht stimmt.

Der „vereinzelte Einzelne“ (Marx) bleibt sich selbst fremd, entfremdet und baut sein Dasein auf falschen Voraussetzungen der Beziehung zwischen seinem Gehirn-Bewusstsein und seinem Herz-Bewusstsein auf. Er hält sich für rational, vernunftbestimmt und agiert doch das Gegenteil. Er beansprucht seinen Körper wie eine seiner vielen Maschinen, und der Körper reagiert mit seelischen Symptomen, der modernen Variante individuellen Leids.

Der moderne, sich selbst in seinem Herzen entfremdete Mensch errichtet um sich gigantische Verteidigungsanlagen aus Geld, Versicherungen, Waren, Dingen, grandiosen Selbstinszenierungen ... abgehetzt, erschöpft und stets um die eigene falsche Identität kreisend bleibt er voller Angst und tiefer Lebensangst.

(Fortsetzung folgt)